Eröffnung: Donnerstag, 20.10.2005, 19.00 h
Ausstellungsdauer: 21.10. - 11.12.2005
Aula und Ausstellungsräume der Akademie der bildenden Künste Wien, Schillerplatz 3, 1010 Wien
täglich von 11.00 - 18.00 h, Eintritt frei!

© Galerie Hofstätter, Wien|Bruno Gironcoli: Ohne Titel (Detail), 1970/1972 Bruno Gironcoli: Ohne Titel (Detail), 1970/1972
© Galerie Hofstätter, Wien

Zu Ehren ihres im letzten Jahr emeritierten Professors widmet die Akademie der bildenden Künste Wien Bruno Gironcoli eine Ausstellung. Sie zeigt Arbeiten von 1964 bis zu seiner Ernennung zum Professor 1977 und bietet damit die seltene Möglichkeit, einen Einblick in das frühe Werk dieses bedeutenden österreichischen Künstlers zu gewinnen.

Gironcolis Werk entwickelt sich aus dem zeichnerischen Porträt und dem Versuch, einen von Giacometti inspirierten Zeichengestus in räumliche Strukturen zu übersetzen. Einige auf minimalste Formen reduzierte "Köpfe" aus den Jahren 1964 und 1965 erscheinen als Konsequenz aus diesen ersten Versuchen und bilden den Einstieg in die Ausstellung. 1967 wird diese abstrahierte Darstellung des Menschen abgelöst von seiner Umschreibung anhand von Instrumenten und Gebrauchsgegenständen, die auf den menschlichen Körper einwirken (könnten). Die Arbeit "Mutter Vater" (Entstehungsjahr 1967/1978), die seit 20 Jahren nicht mehr gezeigt wurde, ist ein besonders nachdrückliches Beispie für den inszenatorischen Charakter dieser Werkphase. Diese Installation versammelt eine Vielzahl von Einzelteilen, verbindet sie metaphorisch durch einen Fluss elektrischen Stromes und kreiert für den Betrachter ein Gefühl der Ausgesetztheit und des Bedrohtseins.

© Galerie Hofstätter, Wien|Bruno Gironcoli: Kopf um 1964 Bruno Gironcoli: Kopf um 1964
© Galerie Hofstätter, Wien

Die großformatigen Zeichnungen, die zeitgleich mit dieser und anderen installativen Arbeiten entstanden sind, können als Darstellung möglicher Handlungsweisen in diesen theatralischen Räumen verstanden werden. Sie liefern auch Interpretationshilfen bei der Betrachtung der räumlichen Arbeiten. In ihrem existentialistischen Grundton zeigen sie die entfernte Verwandtschaft Gironcolis mit dem Aktionismus.

Ein wichtiger Aspekt dieser Werkphase ist die Auseinandersetzung mit dem Faschismus. Gelegentlich benutzt der an der "Dialektik der Aufklärung" geschulte Künstler sogar das Hakenkreuz und nimmt damit provokante Strategien der achtziger und neunziger Jahre vorweg. Der Tabubruch von damals hat dazu geführt, dass Gironcoli dieses frühe Werk sehr selten oder gar nicht gezeigt hat. Die Akademie möchte mit ihrer Ausstellung diese verdrängten Aspekte in der Entwicklung von Gironcolis Werk wieder zum Thema machen, ohne die Ambivalenz, die mit der künstlerischen Verwendung dieses Symbols eines verbrecherischen Regimes und des organisierten Massenmordens entstehen lässt, zu verdrängen.

Leihgeber: Bruno Gironcoli, Sammlung Generali Foundation, Wien, Galerie Hofstätter, Wien, Ph. Konzett

Kooperationspartner: Bank Austria Creditanstalt

© Bruno Gironcoli|Bruno Gironcoli: Säule mit Totenkopf, 1968/69 geändert 1981 Bruno Gironcoli: Säule mit Totenkopf, 1968/69 geändert 1981
© Bruno Gironcoli

Bruno Gironcoli Biografie

Geboren am 27. September 1936 in Villach, Kärnten.
1951-1956 Lehre als Gold-, Silber- und Kupferschmied in Innsbruck. Während dieser Zeit beginnt sein Interesse für Malerei.
1957-1959 Studium der Malerei an der Hochschule für angewandte Kunst bei Eduard Bäumer.

1960-1961 Aufenthalt in Paris, es entstehen "Wüste Zeichnungen des Eros - Pflanzenwelt der Konflikte ...". Wichtigste künstlerische und theoretische Impulse: Alberto Giacometti, Philosophie des Existenzialismus, Schriften der Frankfurter Schule, marxistische Lehre.
1961-1963 Studium der Metallbearbeitung an der Hochschule für angewandte Kunst bei Eugen Meier. Akt- und Portraitstudien sowie erste Versuche einer Umsetzung des menschlichen Abbilds in die Dreidimensionalität, Arbeiten aus Holz, Nylon, Eisen, Aluminium, Glas-Pech ...
1964-1965 Umsetzung der menschlichen Figur mit bildhauerischen Mitteln: "Drahtplastiken", Hohlkörperforman aus Pappendeckel und erste Polyesterobjekte, Arbeiten auf Papier zur Entwicklung und Vorformulierung von Ideen für seine Skulpturen.
1967 erste Einzelausstellung mit Polyesterobjekten in der Galerie Hildebrand, Klagenfurt.
1968 entwickelt Gironcoli ein Modell, das er nach dem gleichnamigen Roman von Samuel Becket "Murphy" nennt. "Immer wieder bin ich auf dieses Modell in seiner Form gestoßen und habe auch in der Zähigkeit dieses Verfolgens immer wieder neue Dimensionen menschlicher Kategorien oder Darstellungskategorien entwickeln können. Diese Form ist nicht konstant und nicht dieselbe geblieben, obzwar der Grundkontext nach wie vor derselbe ist. Ich mache heute noch solche Figuren, sie haben immer den selben Grundkontext ..." (Bruno Gironcoli, Bregenzer Kunstverein, Palais Thurn & Taxis, Bregenz 1995, S. 13)

© Galerie Hofstätter, Wien|Bruno Gironcoli: Kopf, 1964/1965 Bruno Gironcoli: Kopf, 1964/1965
© Galerie Hofstätter, Wien

1971-1976 Seit Ende der sechziger Jahre zeichnet sich eine starke Veränderung im Skulpturbegriff Gironcolis ab: weg von der Beschäftigung der Darstellungsmöglichkeiten des menschlichen Abbilds hin zu im Raum ausgebreiteten Objektarrangements. Für diese Art der offenen Skulptur verwendet er Gegenstände des täglichen Lebens wie Putzutensilien, Teller, Besteck, Schuhe, Steckdosen und elektrische Gegenstände. Zusammen mit den parallel dazu entstandenen Arbeiten auf Papier zeigt er diese Werke als Vertreter Österreichs auf der Biennale in São Paulo.
1976 Preis der Stadt Wien für Bildende Kunst (Bildhauerei)
1977 erste umfassende Ausstellung seiner Werke im Museum des 20. Jahrhunderts, Wien.
Im gleichen Jahr übernimmt Gironcoli die Leitung der Bildhauerschule der Akademie der bildenden Künste Wien als Nachfolger von Fritz Wotruba. Erstmalig hat Gironcoli große Atelierräume zur Verfügung, was nachhaltige Auswirkungen auf seine künstlerische Arbeit hat. Er behält zwar das in den vorangehenden Jahren entwickelte Vokabular bei, verändert jedoch dessen Erscheinungsbild radikal: die Objekte werden zu assemblageartigen Skulpturen verdichtet.

1986 Anläßlich des steirischen herbstes 1986 wird zum ersten Mal im Künstlerhaus Graz die Arbeit "Väterliches - Mütterliches. Eine fiktive Modellvorstellung" gezeigt. Diese Skulptur spiegelt die intensive Auseinandersetzung mit dem Geschlechtlichen in seinem polaren Angelegtsein (Wilfried Skreiner), eines der Grundthemen Bruno Gironcolis, wider.
1989 Österreichischer Skulpturenpreis der Erste Allgemeine Generali-Foundation

1990-1991 In seinen neuen Arbeiten auf Papier entwickelt Gironcoli eine malerische Sprache, die unabhängiger von der Skulptur entsteht.
1993 Großer Österreichischer Staatspreis
1995 umfassende Retrospektive im Bregenzer Kunstverein

2004 Emeritierung von der Akademie der bildenden Künste Wien zum Ende des Sommersemesters

Einzelausstellungen (Auswahl)
1968 Galerie nächst St. Stephan, Wien
1970 Museum des 20. Jahrhunderts, Wien
1978 Städtische Galerie im Lenbachhaus, München
1981 Kunstverein, Frankfurt
1986 Väterliches - Mütterliches, Neue Galerie am Landesmuseum Joanneum, Graz
1995 Bruno Gironcoli, Arbeiten 1962 bis 1995, Bregenzer Kunstverein, Palais Thurn & Taxis
1997 Die Ungeborenen, MAK - Österreichisches Museum für angewandte Kunst, Wien
1999 Lady Madonna, MAK - Österreichisches Museum für angewandte Kunst, Wien
1999 Sculptures et travaux sur papier, Galerie Bernard Jordan, Paris

Gruppenausstellungen (Auswahl)
1968 Profile VIII, Österreichische Kunst heute, Museum Bochum
1971 XI. Bienal de São Paulo, Österreich-Beitrag
1973 The Austrian Exhibition, Richard Demarco Gallery, Edinburgh; ICA London
1984 Arte Austriaca 1960-1984, Galleria Comunale d'Arte Moderna, Bologna
1989 Prospect 89, Schirn Kunsthalle, Frankfurt; Frankfurter Kunstverein
1996 Austria im Rosennetz, MAK - Österreichisches Museum für angewandte Kunst; Wien (1998) Palais des Beaux Arts, Brüssel
2003 Biennale di Venezia, Österreichischer Pavillion

© Galerie Hofstätter, Wien|Bruno Gironcoli: Ohne Titel (Kupfergestrichene Figur mit Stachelparavant und Zeitansage), 1968/1977 Bruno Gironcoli: Ohne Titel (Kupfergestrichene Figur mit Stachelparavant und Zeitansage), 1968/1977
© Galerie Hofstätter, Wien

Leihgeber
Bruno Gironcoli
Gironcoli Museum, Schloss Herberstein OHG
Galerie Hofstätter, Wien
Ph. Konzett

Für die Unterstützung und Zusammenarbeit danken wir:
Sammlung Generali Foundation, Wien