an der Akademie der bildenden Künste Wien

Diana Baldon | Curator-in-residence 07|08 © Lisa Rastl, 2007

Angesichts des Umstands, dass KünstlerInnen im Rahmen ihrer Berufsausübung Beziehungen zu KuratorInnen haben, soll meine Arbeit an der Akademie untersuchen, inwiefern das Verstehen unterschiedlicher Ausstellungsmodelle ein nützliches Werkzeug für KünstlerInnen sein kann, das ihnen dabei hilft, Ideen zur Präsentation und kritischen Kommunikation ihrer Arbeit für das Publikum zu formulieren. So kann kuratorisches Wissen KünstlerInnen dazu ermutigen, mit vorgegebenen Mitteln effizient umgehen zu lernen, akademische und forschungsbasierte sowie informationslastige Projekte zu präsentieren oder auch historische Modelle – von der KünstlerInnen- bis zur Konzeptausstellung, von prozesshaften Projekten bis zu öffentlichen Interventionen, von der Institutionskritik bis zu gesellschaftsbezogenen Plattformen, nicht zu vergessen Ausstellungen in Druckmedien – zu entdecken.

Kuratieren ist für mich ein angewandtes Fach, dessen Geschichte als akademische Forschungsdisziplin voll etabliert werden sollte. KuratorInnen sind meines Erachtens Personen, die nicht nur verstehen, wie KünstlerInnen denken und arbeiten, sondern auch deren Arbeit kontextualisieren können, indem sie Zusammenhänge schaffen, die Bedeutungen und somit Publikum erschließen. Ich halte meine Rolle als Kuratorin für die einer „Wissensarbeiterin“, die die sich immer erneuernde Identität künstlerischer Produktionen vermittelt, verhandelt und ausprobiert. Zudem untersuche ich, wie künstlerische Strategien auf jene Bewegungen reagieren, die den jeweiligen Zeitgeist ausmachen. Gemäß dem gegenwärtigen Trend von Kura- torInnen, die ihre Fähigkeiten einem mannigfaltigen Ausstellungs- markt anbieten, umfassen meine bisherigen Erfahrungen viele Berufskontexte, deren geografische Lagen und teilweise gegen- sätzliche Agenden sich in meinem Lebenslauf abbilden. Da ich parallel zu meiner Arbeit als freie Kuratorin in Genf, Berlin und London auch viel veröffentlicht habe, hat mein Verständnis von KünstlerInnen sowie meine Arbeit mit ihnen zwei Perspektiven: deren Werke zu präsentieren beziehungsweise kritisch zu analysieren. Von 2005 an habe ich zudem eine Verkaufsgalerie in London geleitet, die mich gebeten hatte, ihr Programm zu restrukturieren. Diese Arbeit brachte mir Sachkenntnisse über die Funktionsweise des kommerziellen Aspekts des Kunstsystems – eine dritte Perspektive, die mir Einsichten in die engen Verknüpfungen zwischen Kunstmarkt, öffentlichen Institutionen und künstlerischer Produktion gewährte. Das heißt, dass ich mein Schreiben und meine Galeriearbeit als ebenso wichtig empfinde wie meine Arbeit als freie Kuratorin.

Welcher kuratorische Ansatz kann den Wechsel im Lehrplan der Akademie der bildenden Künste Wien am besten reflektieren? Was kann mein spezielles Wissen zu einem Kontext beitragen, in dem es um die Ausarbeitung der Form geht, die den Produkten einer praxisbezogenen Forschung gegeben werden kann? Mit zwei Magistertiteln aus sowohl dem italienischen als auch dem englischen Bildungssystem (Universität Bologna und Goldsmiths College London) habe ich eine vergleichende Perspektive auf beide Ausbildungsmodelle gewonnen. Zudem ist das Goldsmiths College mit seinem ausgezeichneten internationalen Lehrenden weit bekannt für einen eher eigenwilligen Ansatz, der schwerpunktmäßig Theorie mit autodidaktischer Praxis verbindet. Das bedeutet, dass dort Studierende von anderen Studierenden „unterrichtet“ werden, die kritisch auf jene Methoden reagieren sollen, die zu Realisierung und öffentlicher Präsentation individueller Projekte entwickelt wurden. Ich persönlich habe dieses System als Herausforderung empfunden, bisweilen schrecklich furchteinflößend, doch erwarb ich dadurch eine solide analytische Basis für die Ausarbeitung von Argumenten, die meine Ansinnen rechtfertigen.

In meiner Zeit an der Akademie möchte ich mich mit den Studierenden sowie den verschiedenen Abteilungen vertraut machen und heraus- finden, was die Studierenden gerne diskutieren wollen. Parallel zu Vorträgen, die während des ganzen akademischen Jahrs nicht nur über einen Überblick über die derzeitigen kuratorischen Paradigmen sowie die Zukunft des Kuratierens geben, sondern auch die Entwicklung des Kuratierens als theoretisches Fach analysieren, möchte ich auf praktischer Ebene gerne Arbeitsparameter festlegen, die auf verschiedenen, in Diskussion mit den Studierenden gewählten kuratorischen Protokollen aufbauen. Unter Nutzung aller verfügbaren Ressourcen könnte eine Ausstellungsreihe mit jenen Schlüssel- modellen des Ausstellens experimentieren, die sich historisch und konzeptuell parallel zur Kunst entwickelt haben. Diese Reihe könnte alle Kombinationen durchprobieren, wobei keine Hierarchie zwischen Demonstrationsraum und Ausstellungsraum eingezogen werden soll, sondern unterschiedliche Zeitrahmen und Rhythmen geschaffen werden, die einen Einblick gewähren, wie sich die Kunst beständig der Kontrolle entzieht.

Interessieren würde mich auch eine Erweiterung des öffentlichen Programms in Form von Internetprojekten sowie Interventionen im öffentlichen Raum, die als Schaufenster der Akademieaktivitäten über die Topologie der Orte hinweg ausstrahlen könnten. Als Teil dieser Initiative würde ich Studierende bei der Zusammenarbeit mit internationalen Magazinen und dem Kuratieren von Zeitschriftenseiten unterstützen. Parallel zum Vortragsprogramm wird in Absprache mit öffentlichen Institutionen Österreichs eine Workshopreihe veranstaltet, die die praktischen Fertigkeiten zum Thema hat, die man zur Realisierung von Ausstellungen und Ausstellungskatalogen benötigt. Im Zuge eines weiteren Programms werden geladene internationale Gastvortragende ihre Erfahrungen und Einsichten mit den Studierenden teilen. Bei diesen handelt es sich vorwiegend um KünstlerInnen mit prononcierten Ansichten hinsichtlich des Kuratierens und einer Politik des Lernens. Dies soll einen Austausch mit KuratorInnen und Visual-Culture-Lehrgängen auf anderen Akademien eröffnen, mit denen ich neue Partnerschaften anstrebe.

Diana Baldon wurde 1974 in Padua (Italien) geboren und lebt heute als Kuratorin und Autorin in London. Ihre Arbeit beschäftigt sich mit künstlerischen Praktiken, die als Gesellschaftskommentare fungieren und deren interventionistischer Charakter aktuelle politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Prozesse anspricht. Ihre Projekte sollen kulturelle Klischees unterwandern, kritische Debatten stimulieren, die Diskrepanz zwischen Repräsentations- und Präsentationsmodellen herausarbeiten und das Ausstellen in enger Verbindung mit der Diversifizierung künstlerischer Konzepte und Formen beleuchten. Seit 2001 arbeitet sie mit beziehungsweise schreibt über KünstlerInnen, deren Methoden am Schnittpunkt zur Politik situiert sind – zum Beispiel Marjetica Potrc Hatschek am, Nils Norman, Rainer Ganahl, Erik van Lieshout, The Yes Men und Christopher Williams. Sie hat internationale Ausstellungen kokuratiert, unter anderem am CAN Centre d’Art Neuchâtel (Schweiz), im Sparwasser HQ (Berlin), Cubitt (London) und unlängst die Gruppen- ausstellung Left Pop für die Moskauer Biennale 2007. Von 2005 bis 2007 arbeitete sie als Programmleiterin der Max Wigram Gallery (London), wo sie politisch orientierte Projekte internationaler KünstlerInnen wie Ahlam Shibli und Tue Greenfort im Vereinigten Königreich und in einem kommerziellen Kontext vorstellte. Baldon schreibt regelmäßig für internationale Kunstzeitschriften, unter anderem für "Artforum International“ (New York) und "Untitled“ (London). Ihre kritischen Schriften erschienen in zahlreichen KünstlerInnenkatalogen und Anthologien wie "Men in Black“; "Handbook of Curatorial Practice“ (2004, Revolver); LAND, ART: "A Cultural Ecology Handbook“ (2006, Royal Society of Arts). Außerdem ist sie Herausgeberin des "Incomplete Dictionary of Ideas on Art & Politics“, das dieses Jahr bei Revolver erscheinen wird.