finanziert durch den Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank, der Akademie der bildenden Künste und dem Social Sciences and Humanities Council of Canada. Mit 427 Zeichnungen besitzt das Kupferstichkabinett der Akademie der bildenden Künste Wien den weltweit größten Bestand an gotischen Architekturzeichnungen, ...

Bestandskatalog der gotischen Baurisse © Kupferstichkabinett Jodokus Dotzinger, Taufstein des Straßburger Münsters, 1453

finanziert durch den Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank, der Akademie der bildenden Künste und dem Social Sciences and Humanities Council of Canada.

Mit 427 Zeichnungen besitzt das Kupferstichkabinett der Akademie der bildenden Künste Wien den weltweit größten Bestand an gotischen Architekturzeichnungen, demgegenüber der zweitgrößte Bestand in Ulm bereits auf ein Zehntel abfällt und sich in den anderen Sammlungen nur mehr vereinzelte repräsentative Gesamtrisse erhalten haben. Demgegenüber zeigt der Wiener Bestand die gesamte Bandbreite des in einer mittelalterlichen Bauhütte produzierten Zeichnungsmaterials, das von den eigentlichen Entwurfsarbeiten über Vorentwürfe und Detailausarbeitungen zu geometrischen Darstellungen reicht, die der theoretischen Ausbildung im Hüttenbetrieb dienten. Es ist offensichtlich, dass jede intensivere Beschäftigung mit Problemen der gotischen Architektur nicht ohne eine genaue Kenntnis dieses Zeichnungsbestandes möglich ist, von dem die Wissenschaft bislang jedoch, trotz des hohen Bekanntheitsgrades dieser Sammlung, nur unzureichend Gebrauch gemacht hat.

Das Forschungsprojekt gliedert sich in 3 Abschnitte:

1) Digitale Erfassung des Planmaterials durch die Firma CMB GmbH
Finanziert durch den Jubiläumsfond der Österreichischen Nationalbibliothek
Endresultat: digitale Daten auf DVD Datenträger und auf Festplatten
2) Restaurierung des Gesamtbestandes durch Frau Mag. Verena Flamm
Finanziert durch die Akademie der bildenden Künste Wien
Endresultat: vollständige Restaurierung des Bestandes an gotischen Baurissen
3) Wissenschaftliche Bearbeitung durch Prof. Dr. Hans Böker (McGill University, Montreal)
Finanziert durch die McGill University, Montreal
Endresultat: zur Publikation fertiges Manuskript.

1. Digitale Aufnahmen 

Die digitale Erfassung des Bestandes an gotischen Baurissen des Kupferstichkabinetts der Akademie der bildenden Künste wurde von der Firma CMB durchgeführt. Als Mitglied der Firmengruppe archive.IT ist die CMB GmbH ein führender Hersteller von EDV Applikationen für Media Asset Management (Bild- und Videodatenbank) und Datenbankanwendungen für Museen und Archive (arteFact).

Dabei wurde für kleinformatigen Blätter der Cezanne Scanner der Firma Screen und für großformatige Blätter der CRUSE ST450 Scanner der Firma Cruse, welche seit 1996 in Rheinbach bei Köln High-End Scannertechnologie in Kleinserien herstellt. Das Gerät der Firma CMB ist eines von weltweit fünf ausgelieferten Scannern. Dieses Gerät ermöglicht Vorlagen von einer Maximalgröße von 202 cm mal 240 cm in 20 Minuten (Komplettarbeitszeit) in einer Datenmenge von ca. 2 Gigabyte digital zu reproduzieren. Als Hersteller der im Kupferstichkabinett verwendeten Bilddatenbank Artefakt werden die Dateien sowohl effizient verwaltet, als auch mit Metadaten versehen.

Mit seinem patentierten Synchronlicht und seiner absoluten Farbtreue und Genauigkeit werden dabei höchste Scannqualitäten erreicht. Für die äußerst heiklen Pergamente war das kontaktlose, berührungsfreie Scannen und der absolut schonenden Beleuchtung durch Speziallampen, die zudem das Objekt bei einer Scannzeit von mehreren Minuten nur wenige Sekunden ausleuchten, von größter Bedeutung waren. Die Daten wurden sowohl auf DVD Datenträger, als auch auf Festplatten gespeichert und komprimiert in die Datenbank übertragen.

Bisher standen der architekturgeschichtlichen Forschung abgesehen von den Originalzeichnungen und einigen um 1860 hergestellte Nachzeichnungen in Originalgröße-bislang nur die in sehr kleinem Format als Schwarz-Weiß-Abbildungen mit starker Aufrasterung publizierten Abbildungen im Katalog von 1969 zur Verfügung, von denen auf Anfrage gleichfalls im Vergleich zum Original relativ kleine Fotoabzüge hergestellt werden konnten. Diese zeigten kaum Details, vor allem aber nicht die zahlreichen Vorzeichnungen und Korrekturen. Im Gegensatz dazu haben jedoch die neu erstellten Digitalaufnahmen eine Abbildungsqualität, die alle wünschenswerten Einzelheiten sichtbar macht. Im Unterschied zu allen bisherigen Hilfsmitteln, oder vielmehr Behelfen, stellen die Digitalaufnahmen damit ein entscheidendes Forschungsmittel als solches dar, das den Umgang mit den Originalzeichnungen an sich zwar nicht zu ersetzen vermag, aber in vielen Fällen eine Untersuchung der Zeichnung unabhängig vom Original, und damit unter Schonung der wertvollen und unersetzbaren historischen Objekte erlaubt. Zugleich ergibt sich dadurch die Möglichkeit für jene Sammlungen (Stadtarchive, kleinere Museen oder kirchliche Institution), die an Zeichnungen von Bauwerken interessiert sind, die in ihren jeweiligen Zuständigkeitsbereich fallen, selbst aber nicht über die klima- oder sicherheitstechnischen Voraussetzungen verfügen, um temporär einige der Baurisse zeigen zu können, aufgrund der Aufnahmen Faksimiles herstellen zu lassen, die denselben Dokumentationswert wie das Original selbst besitzen und damit einen direkten lokalen Zugang zu den Zeichnungen ermöglichen. Dass zugleich bei wissenschaftlichen Anfragen Abbildungen der Risse in jeder beliebigen Qualität und Auflösung auf elektronischem Wege verschickt werden können, stellt zudem eine erhebliche Vereinfachung der Übermittlung von Zeichnungen dar. (Monika Knofler)

2. Wissenschaftliche Bearbeitung 

Ein Katalog der in Wien erhaltenen gotischen Baurisse liegt bislang (unvollständig) in den Arbeiten von Hans Tietze (1930/31) und (vollständig) von Hans Koepf (Die gotischen Planrisse der Wiener Sammlungen, 1969) vor, die aber jeweils nur eine geringe Anzahl der Blätter etwas ausführlicher behandeln und sich ansonsten auf knappe Angaben beschränken. Als Hilfsmittel für die architekturgeschichtliche Forschung stellte auch der letztgenannte Katalog mit seinen sehr kleinformatigen und stark aufgerasterten Abbildungen eher eine Beeinträchtigung denn ein wirkliches Hilfsmittel dar. Demgegenüber versucht die vorliegende Arbeit einerseits durch die Digitalisierung des Bestandes an Baurissen eine verlässliche Arbeitsgrundlage und andererseits durch die intensive Arbeit an den Originalen einen neuen Ausgangspunkt für die weitere Forschung zu schaffen.

Hatte Koepf oder auch sonst die bisherige Forschung gleichsam architektonische Projekte bearbeitet und ihnen einzelne Zeichnungen zugeordnet, so wurden in der vorliegenden Arbeit Einzelzeichnungen in den Vordergrund gestellt, die auf ihren architekturgeschichtlichen Aussagewert hin untersucht wurden. Dieses neue Werk versucht dabei beides zu sein: eine Edition der Zeichnungen als Grundlage für die weitere Forschung zur gotischen Architektur, und ihre wissenschaftliche Bearbeitung im Zusammenhang der Baugeschichten der betreffenden Bauwerke, allen voran des Wiener Stephansdomes, über den der Verfasser eine getrennte architekturgeschichtliche Monographie vorbereitet.
Im Zuge der Neubearbeitung des Zeichnungsbestandes wurde zunächst ein neuer, modernen wissenschaftlichen Ansprüchen entsprechender Katalog erstellt, der die wichtigsten technischen Daten wie die genauen Maße, eine genaue Materialbeschreibung, sowie alle Angaben zu den vorkommenden Wasserzeichen enthält. Im Anschluss daran folgte eine genaue Untersuchung der Zeichnungen einschließlich ihrer nicht in Tinte, sondern in Blindrillen ausgeführten, daher in allen bisherigen Publikationen nicht sichtbaren und entsprechend von der Forschung nicht beachteten Vorzeichnungen. Dabei wurde zwischen der deskriptiven Erfassung der Zeichnung, der möglichst vollständigen Darstellung der Forschungsliteratur und ihrer Interpretation zu unterscheiden gesucht. Auf die objektive Wiedergabe des bisherigen Forschungsstandes folgte daher die neue Interpretation der betreffenden Zeichnung und ihre Auswertung für die Baugeschichte des nach Möglichkeit identifizierten Bauwerks, die zugleich als ein Anstoß zur erneuten Beschäftigung mit dem betreffenden Objekt sein sollte.

Die neuerliche und intensive wissenschaftliche Beschäftigung mit den gotischen Baurissen brachte einige zum Teil unerwartete Ergebnisse, indem sich vor allem die Einsicht in die Darstellungsweise und damit die Lesbarkeit der Pläne vertieft hat. Entgegen bisheriger Ansicht konnte nachgewiesen werden, dass das Gros der Zeichnungen in einem festen Maßstabsystem entworfen wurde, das auf dem Duodezimalsystem (1:6; 1:12; 1:24; 1:48; 1:96) aufgebaut ist, zumal sich auf einem Grundriss des Augsburger Domchores ein solcher, bislang nicht gesehener Maßstab erhalten hat. Bei einer Anzahl von Plänen gelang zudem eine Identifizierung mit einem konkreten Bauwerk, und bei bereits bekannten ergab sich eine neue Einsicht in den Planungsprozess. Letzteres betrifft vor allem den Prager Veitsdom, dem bekanntlich in der Architekturgeschichte eine Schlüsselrolle zukommt. Hatte man bislang angenommen, dass es sich bei den auf dieses Bauwerk zu beziehenden Baurissen um spätere Kopien verschollener Originalzeichnungen handele, so konnte anhand der Radierspuren und intensiven Korrekturen der gesamte Planungsprozess der Zeichnungen rekonstruiert werden, die nun als die Originalentwürfe Peter Parlers anzusehen sind.

Ein wesentliches Ergebnis erbrachte vor allem die systematische Erfassung und Untersuchung der vorkommenden Wasserzeichen, die bei vielen der Zeichnungen eine genaue Datierungsmöglichkeit ergab. Dabei ist auffallend, dass sich eine größere Anzahl von Zeichnungen, die bislang dem 1454 verstorbenen Hanns Puchsbaum zugeschrieben worden waren, als Arbeiten der 1460er und 1470er Jahre herausstellte und damit zweifelsfrei seinem bislang wenig bekannten Nachfolger Laurenz Spenning zuzuweisen sind. Im Zusammenhang der Rekonstruktion seines Oeuvres stellt die Identifikation der Planungsfolge für die Kartause Gaming oder die Planung für den Turm der Abteikirche von Melk eine wichtige Bereicherung dar. Weitere Projekte konnten aufgrund des Wasserzeichens anderen bislang wenig bekannten Architekten, so Gregor Hauser, zugeschrieben werden, und auch zur Herkunft des Prager Benedikt Ried ergaben sich einige neue Gesichtspunkte. Da ein Teil der Bauwerke bzw. der ihnen zugehörigen Zeichnungen aufgrund der verwendeten, für Wien spezifischen Maßwerkformen erheblich früher, die Bogenrippengewölbe aber durchweg später datiert wurden, als es die Untersuchung der Wasserzeichen nahe legt, dürfte sich aus dieser Arbeit zugleich eine wichtige Verschiebung in der Chronologie der spätgotischen Architekturentwicklung ergeben, die vor allem das Phänomen eines spätmittelalterlichen Historismus stärker sichtbar werden lässt.

Ein weiterer Bereich betraf vor allem die Verflechtung der spätmittelalterlichen Bauhütten untereinander, wo insbesondere die Verbindung zu Straßburg eine neue Bewertung erfahren muss. Hier ist auf bislang unbekannte Zeichnungen des Ulrich von Ensingen für ein interessantes, bislang nicht zu fassendes Kirchenprojekt, das interessanterweise seine Ergänzung in einem Straßburger Bauriss findet, oder Jodokus Dotzingers für den Straßburger Taufstein zu nennen, dessen durch das Wasserzeichen genau datierte und lokalisierte Zeichnung in Wien eine wichtige Rezeption erfuhr. Hinzu kommen zeitgenössische Zeichnungen anderer Projekte, etwa den Domen oder Münsterkirchen in Köln, Augsburg, Regensburg, Freiburg oder Schwäbisch Gmünd, die belegen, wie sehr mittelalterliche Architektur einen intensiven Austausch künstlerischer Ideen kannte. Vor allem am Beispiel von Meisenheim lässt sich dabei aufgrund der verwendeten Wasserzeichen und der Vergesellschaftung mit anderen Entwürfen zeigen, dass von einem anderen Hüttenzentrum bezogene Originalzeichnungen unmittelbar darauf in Wien kopiert und für die eigene Arbeit weiterverwendet wurden.

Gleichsam ein Nebenprodukt der gegenwärtigen Beschäftigung mit den gotischen Baurissen ist die Erkenntnis ihrer Wichtigkeit für die Rezeption der Gotik im Wiener Historismus des 19. Jahrhunderts, indem bei zahlreichen Bauten eine intensive und unmittelbare Kenntnis des vorliegenden Planbestandes nachgewiesen werden konnte. Hier wird vor allem die weitere Spezialforschung gefordert sein, dem Phänomen nachzugehen. Dieses gilt in exemplarischer Weise von der Wiener Votivkirche, die bislang als eine Kompilation von Anregungen der Kathedralbauten von Amiens, Reims, Köln und Regensburg galt, bei der sich aber genau zeigen konnte, dass ihr Architekt, Heinrich von Ferstel, der unmittelbar im Anschluss an den Erwerb des Zeichnungsbestandes an der Wiener Akademie studierte, seinen Entwurf ausschließlich auf einer detaillierten Kenntnis dieser Baurisse basiert hatte. Gerade in diesem Bereich bleiben der weiteren Forschung noch wichtige Aufgaben zu lösen.
Aber selbst die Anzahl der bislang bekannten Baurisse hat sich geändert. Koepf listet in seinem Werk im Besitz der Akademie 279 Blätter, von denen 120 außerdem Zeichnungen auf ihrer Rückseite aufweisen, was einen Gesamtbestand von 399 Zeichnungen ergab. Demgegenüber konnten im Zuge der Restaurierung insgesamt drei Zeichnungen auf Blättern entdeckt werden, die der Rückseite von bestehenden Blättern zur Verstärkung aufgeklebt und entsprechend unbekannt geblieben waren (Inv. Nr. 35.043-35.045). Hinzu kamen noch - wie zuvor bereits bei der Inv. Nr. 10.937 - ein (beidseitig bezeichneter) Magazinfund (Inv. Nr. 9.707) sowie die Schenkung eines Baurisses aus Privatbesitz. Vor allem aber konnten im Zuge der parallelen Restaurierung auf den Rückseiten von 22 Blättern zusätzlich bislang nicht bekannte Zeichnungen nachgewiesen werden, die, da die Baurisse fest in Passepartouts montiert gewesen waren, Koepf nicht zugänglich gewesen waren. Damit erhöht sich die Zahl der bekannten Zeichnungen in der Sammlung um insgesamt 28 auf einen Gesamtbestand von nun mehr 427 Zeichnungen. Im Gegenzug konnten mehrere Pläne, die bislang geteilt gewesen waren - wie zuvor schon im Falle des Treppenturms im Konstanzer Münster (Inv. Nr. 17.028 und 17.055) - wieder zusammengeführt und damit einer neuen Lesbarkeit zugeführt werden (so vor allem Inv. Nr. 16.894/16.901, recto und verso, sowie 16.828/17.048v).
Nachdem bereits in der Anfangsphase der Neubearbeitung und Restaurierung der Baurisse zahlreiche unerwartete, teilweise spektakuläre Ergebnisse gezeitigt worden waren, beschlossen die Verantwortlichen, diese in einer Ausstellung "Spurensuche am Original: Neueste Ergebnisse der gotischen Planrissforschung", die im Oktober und November 2002 im Kupferstichkabinett der bildenden Künste gezeigt wurde, erstmals einer wissenschaftlichen und allgemeinen Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Eine zweite Gelegenheit der Dissemination der Ergebnisse bot ein Symposion für Fachspezialisten, das am 15. Juli 2003 stattfand, gefolgt von einem Doktorandenseminar des kunstgeschichtlichen Instituts der Universität Wien unter Herrn Prof. Dr. Lorenz. Gerade diese Gelegenheiten und die dabei erfolgten Diskussionen ergaben die Klärung noch ausstehender Fragen.
Im November 2003 konnte das Projekt in seiner ursprünglichen Zielsetzung als abgeschlossen betrachtet werden. Es ergab sich jedoch zunehmend die Einsicht, dass der Bestand des Kupferstichkabinetts der Akademie nicht losgelöst von dem zehn Blätter (14 Zeichnungen) umfassenden Bestand des Wien Museums Karlsplatz zu sehen ist, zumal sich nachweisen ließ, dass dieser zunächst mit dem Gros der Zeichnungen eine inhaltliche Einheit gebildet hatte, so dass dieser entsprechend miteinbezogen wurde. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt wird die Arbeit für die Drucklegung vorbereitet, die im kommenden Jahr durch den Pustet-Verlag in Salzburg erfolgen wird (Hans Böker).

3. Restaurierung

Alte Lagerung
Der Tradition folgend lagerten die Baurisse in Kassetten aus säurehältigem Karton und Papier, wobei mehrere Baurisse unterschiedlicher Größen über einander gestapelt lagen. Größere Formate von Baurissen lagerten gefaltet in säurehältigen Passepartouts und waren mit selbstklebenden Textilbändern auf den Karton geklebt. Durch das Gewicht der darüber liegenden Baurisse kam es deshalb zu starken Faltenbildungen und zu Knicken. Mit der Digitalisierung des Bestandes wurden die alten Passepartouts entfernt und die Orginale neu gelagert.

Restaurierung der Baurisse auf Papier

Die Baurisse auf Papier wurden, sofern es sich nicht um Tintenfraß geschädigte Objekte handelte, im gepufferten Wasserbad entsäuert. Risse wurden mit Japanpapierstreifen und Kleister hinterklebt, Fehlstellen mit altem Papier geschlossen. Anschließend folgt eine Nachleimung des Papiers mit Methylcellulose. Um die Papieroberfläche mit den Blindlinien zu erhalten erfolgte das Trocknen und Glätten zwischen Wollfilzen. Zur Freistellung des Blattes wurde an allen vier Seiten Japanpapierstreifen angesetzt. Bei Blättern mit doppelseitigen Darstellungen wird dadurch die Betrachtung der Rückseite ermöglicht, ohne das Original zu berühren. Der so vergrößerte Bauriss wurde dann an zwei Stellen in ein doppelt geschnittenes, schräges Passepartout freistehend eingehängt.

Die Baurisse aus Pergament wurden nach der Oberflächenreinigung im Gore-tex-Sandwich entspannt und anschließend mit Bulldogklemmen und Ahlen auf einer Dämmplatte gespannt. Das Spannen eines Pergamentes entspricht der Herstellungsweise beim Pergamenterzeuger. Dadurch können alle Knicke und Falten geglättet werden, wobei die dreidimensionale Oberfläche des Pergamentes und die Konstruktions- und Blindlinien jedoch erhalten bleiben. Risse im Pergament wurden mit gedünntem Pergament und selbst gekochtem Pergamentleim hinterklebt, Fehlstellen mit neuem Pergament geschlossen. Da das Pergament auf jede Veränderung des Raumklimas äußerst empfindlich reagiert, ist es notwendig die Pergamente unter leichter Spannung aufzubewahren. Dies erreicht man, indem Japanpapierstreifen in regelmäßigen Abständen auf der Rückseite mit Pergamentleim angesetzt wurden. Das freie Ende der Japanstreifen wurde auf den Boden des Passepartout geklebt. Der Japanpapierstreifen ist jedoch zu dünn und zu schwach um einen sogenannten Trommeleffekt zu erzeugen. Bei einer Klimakatastrophe wird das Japanpapier als Sollbruchstelle reißen. Je nach Größe des Originales besteht der Passepartoutboden aus dickem säurefreien Karton, aus kreuzweise verleimten Mikrowellenkarton oder bei Überformaten aus säurefreiem Wabenkarton. Der Vorteil der Konstruktion des Wabenkartons, welcher aus dem Flugzeugbau entliehen ist, liegt im geringen Gewicht und der großen Stabilität. Die auf diese Weise adaptierten Baurisse erhalten ebenfalls ein doppelt- schräg geschnittenes Passepartout aus säurefreiem Material.

Pergamentrisse, die beidseitig Pläne aufweisen, verlangen eine andere Montage. Um den Forderungen der Wissenschafter, jederzeit beide Seiten des Baurisses studieren zu können und die speziellen Forderungen des Beschreibstoffes Pergament gerecht zu werden, wurde folgende Montageart erfunden. Wiederum wurden am Original Japanpapierstreifen befestigt an deren losen Ende versetzt auf der Vorder- wie auf der Rückseite das weiche Band eines Klettverschlusses geklebt wurde. Der harte Teil des Verschlusses wurde auf dem Passepartoutboden angebracht, wodurch je nach Wunsch die Vorder- oder die Rückseite eingehängt werden kann. Auf der oberen, wie auf der Rückseite wurde ein Schutzkarton angebracht. Die neuen Passepartouts liegen wieder in Kassetten aus säurefreiem Material, die einzeln im klimatisierten Depot aufbewahrt werden. Mit einem eigenen Heber auf vier Rollen können die Kassetten von einem Bediensteten leicht bewegt werden. Diese neue Aufstellung, die Digitalisierung und die Neubearbeitung der Baurisse ermöglicht diesen weltweit größten Bestand an gotischen Baurissen einem größeren Fachpublikum zur Verfügung zu stellen (Verena Flamm).