finanziert durch den Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung.

Eine der zentralen Aufgaben von Bestandsverzeichnissen besteht darin, die vor allem für das 19. Jahrhundert übliche Beschränkung auf große Namen zu durchbrechen. Die im Rahmen des Projekts durchgeführte Zusammenstellung der Zeichnungen des 19. Jahrhunderts der deutschen und der österreichischen Schule kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten.

Handzeichnungen der deutschen und österreichischen Romantik Julius Schnorr von Carolsfeld
Christi Gleichnis von den Ähren, 1816
© Kupferstichkabinett

1. Konzept und Ziele des Projektes

Eine der zentralen Aufgaben von Bestandsverzeichnissen besteht darin, die vor allem für das 19. Jahrhundert übliche Beschränkung auf große Namen zu durchbrechen. Die im Rahmen des Projekts durchgeführte Zusammenstellung der Zeichnungen des 19. Jahrhunderts der deutschen und der österreichischen Schule kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten. Erwähnt seien nur der umfangreiche, bisher unpublizierte Bestand von annähernd 100 Zeichnungen und großformatigen Kartons des kaum bekannten Leopold Schulz - darunter so prominente Werke wie die Kartons zur Ausstattung der Schlafzimmers Ludwigs I. in der Münchener Residenz. Manche Neuentdeckungen, etwa Franz Krammers effektvolle Kreidezeichnung zu Goethes Faust I, boten einen entscheidenden Anhaltspunkt für eine weitere Werkrekonstruktion. Auch falsche Zuschreibungen konnten anhand des nun erschlossenen Materials eindeutig widerlegt werden. Viele bis dato für Overbeck in Anspruch genommene Werke sind Scheffer zuzuweisen; ebenso waren einzelne strittige Zuschreibungen zwischen Leopold Kupelwieser und Julius Schnorr bzw. auch Joseph Führich und Julius Schnorr nun eindeutig zu klären. Allein die Stellung der Zeichnung im Arbeitsprozess als erste Gedankenskizze eines Künstlers, als Detailstudie zu einer größeren Komposition oder als vollgültiges selbständiges Kunstwerk erfordert ebenso wie singuläre Phänomene monographischer Werkkomplexe (z.B. künstlerische Genese der Werke der Rahl-Schule) eine große Flexibilität und Variabilität der methodischen Ansätze und Fragestellungen.

R1 Julius Schnorr von Carolsfeld
Johann Nepomuk Ringseis, 1818
© Kupferstichkabinett

Aus der Sichtung des Materials resultierten auch zukünftige Forschungsaspekte, etwa zu den gemeinsamen Aufgabenstellungen der "Komponiervereine". Durch die Identifizierung einer Zeichnung mit der Speisung des Elias als ein frühes Werk von Joseph Wintergerst konnte einer der ersten, bereits 1808 stattgefundenen Komponiervereine von Overbeck, Pforr und Wintergerst rekonstruiert werden (siehe dazu auch den Aufsatz von C. Reiter im Kunstjahrbuch der Stadt Linz, 2002).

In der Folge werden in ausgewählten Themenkomplexen, die je nach Material differierende Vorgangsweise in der Bearbeitung des so qualitätvollen und bedeutenden zeichnerischen Bestandes des Wiener Kupferstichkabinetts illustriert und in gebotener Kürze und damit auch selektiv die wichtigsten Forschungsergebnisse zusammengefasst.

2. Forschungsergebnisse zu ausgewählten Themenkomplexen

Die Zeichnungen und Skizzenbücher von Johann Evangelist Scheffer von Leonhardshoff

Abgesehen von der Aufnahme der qualitätvollen Einzelblätter Scheffers wurden die drei Skizzenbücher des Künstlers ("Großes römisches Skizzenbuch" mit 89 Blättern, "Neapler Skizzenbuch" mit 80 Blättern und das in Wien und Rom entstandene Skizzenbuch von 1820/21 mit 96 Blättern) systematisch erfasst, verbunden mit einer Transkription der zahlreichen tagebuchartigen Aufzeichnungen. Vor allem in dem Neapler Skizzenbuch und in dem vorwiegend in den Jahren 1820/21 entstandenen Skizzenbuch sind die zeichnerischen Darstellungen immer wieder mit tagebuchartigen Notizen versehen. Kulturhistorisch hochinteressante Reiserechnungen, detaillierte Notizen von Reiserouten stehen neben subjektiven Impressionen und persönlichen Gebeten, die einen tiefen Einblick in Scheffers Gedankenwelt erlauben und zum Verständnis seines Schaffens unerlässlich sind. Die Transkription der zumeist lautschriftlich notierten, flüchtig geschriebenen Texte war eine zeitaufwendige Aufgabe. Eine besondere Schwierigkeit stellte u.a. die Transkription der zahlreichen Personen- und Ortsnamen dar, deren Entschlüsselung vielfach nur aus dem inhaltlichen Kontext möglich war. Nach der Transkription der Texte wurden selektiv Kommentare verfasst als Erläuterung zu den erwähnten Personen, Kunstwerken, Orten bzw. wurden die notierten Textpassagen als vielfach freie Dichtungen des Künstlers analysiert. Vielfach war eine erst für eine spätere Phase der Romantik bezeichnende ironische Brechung seiner hochfliegenden Ideale zu beobachten. Die zunehmende Negierung der Grenze von Realität und idealisierter Wunschvorstellung erwies sich als ein auch psychologisch interessantes Phänomen, das vor allem für sein späteres Œuvre von zentraler Bedeutung ist - stellt doch sein Hauptwerk der sterbenden Heiligen Cäcilie eindeutig eine Projektion seiner unerfüllten Zuneigung zu Cäcilia Bontzak in diese Heiligenfigur dar.

Abgesehen von der Analyse der Texte wurde eine systematische Auswertung der Skizzen - zumeist Landschaften, historische Gebäude, Stadtansichten, Portraits befreundeter Künstler, Studien zu Kompositionen, Kopien nach alten und neuen Meistern sowie Detailskizzen - vorgenommen und mit kommentierenden Texten versehen. Die Motive der Zeichnungen wurden - falls möglich - in den Kontext der bekannten Arbeiten Scheffers gesetzt, "unabhängige" Motive wurden auf ihre Darstellungstradition bzw. ihr Innovationspotential untersucht. Eine Sonderstellung nehmen mehrere hochsensible Bildnisstudien ein, eines davon ist mit einem Text in Spiegelschrift mit Worten inniger Verbundenheit versehen. Bei Kopien nach Kunstwerken, die mehrfach keinen Vermerk über die Identität des Originals enthalten, wurde versucht, die Vorlage zu eruieren, die vielfach über den üblichen Vorlagenkreis der Nazarener hinausging und damit als "Ideenreservoire" des Künstlers besonders aufschlussreich war. Eine zentrale Stellung nehmen Scheffers Kopien nach den Fresken Raphaels in den Stanzen des Vatikan sowie nach Raphaels Tapisserienserie in der Sixtinischen Kapelle ein. Aufschlussreich waren diesbezüglich die sich zum Teil mit Studien Kupelwiesers deckende Motivwahl einzelner Personen oder Personengruppen bzw. deren stilistische Interpretation in der Nachzeichnung, die das Raphaelische Ideal einer nochmaligen Idealisierung unterwarf und vielfach - vor allem in der Zeichnung der Draperien - mit dem "nordischen" Stilideal eines Albrecht Dürer verschmolz. Für den sozio-kulturellen Kontext relevant waren die skizzenhafte Dokumentation von Ausflügen im deutsch-römischen Künstlerkreis sowie eine von Scheffer mit nach Wien genommene Vorbildersammlung, darunter vorwiegend landschaftliche Motive von mit ihm befreundeten Künstlern (Koch, Frommel, Gmelin).

R3 August Heinrich
Der Untersberg bei Salzburg, 1821
© Kupferstichkabinett

Die Zeichnungen der Brüder Schnorr von Carolsfeld und Ferdinand Olivier
Höhepunkte romantischer Zeichenkunst

Wichtiger Kernbestand des Forschungsprojektes waren die Zeichnungen von Julius und Ludwig Schnorr von Carolsfeld sowie von Ferdinand und Friedrich Olivier. Bei Schnorrs aus neunzehn Blättern bestehendem "Römischen Portraitbuch" wurde abgesehen von biographischen Informationen zu den jeweils dargestellten Personen eine generelle Analyse von Schnorrs Menschenbild vorgenommen. Es wurde versucht, die verschiedenen Quellen der durch einen verwandten Portraittypus zusammengehörigen Bildnisserie zu eruieren. Neben den Gemeinsamkeiten wurden die Unterschiede in der Darstellung des jeweiligen Bildnisses und deren möglicher Wurzeln - auch unter Berücksichtigung von Lavaters physignomischen Studien - vorgenommen. Hinsichtlich der historischen Wurzeln konnte abgesehen von dem meist genannten Vorbild Dürers und der italienischen Renaissance Holbeins Bildniskunst als wichtiger Bezugspunkt dieser Portraits herausgearbeitet werden, die bereits von Friedrich Wilhelm Schlegel in seiner Beschreibung der "Gemälde alter Meister" eingehend gewürdigt wurde. Bei jedem Blatt wurden auch die verschiedenen Versionen und Nachzeichnungen vermerkt sowie die persönliche Verbindung Schnorrs zu den dargestellten Personen - basierend auf dem reichen Quellenmaterial - herausgearbeitet. Als erstaunlich erwies sich die über das idealisierende Menschenbildnis hinausgehende psychologische Charakterisierung der Dargestellten mit nur wenigen Andeutungen, die allerdings mit großem Effekt gezielt eingesetzt sind.

Unter den Einzelblättern mit vorwiegend biblischer Motivik erwies sich eine noch 1816 in Wien entstandene Zeichnung mit dem "Ährengleichnis" von Julius Schnorr von Carolsfeld als besonders aufschlussreich. Mehrere bisher unentdeckten Kryptoportraits - Füger auf der Seite der Pharisäer und mehrer Lukasbrüder auf der Seite der Jünger - implizieren eine inhaltlich komplexe Transposition der Kunstanschauungen der Wiener Akademie und jener der Lukasbrüder in dieses biblische Gleichnis. Diese Entdeckung wurde in einem eigenen Aufsatz behandelt (Städel Jahrbuch, Neue Folge, Bd. 18, 2001).

Im Rahmen der Zeichnungen der Brüder Olivier konnten innerhalb des bedeutenden frühen Œuvres der beiden Künstler einige falsche Zuschreibungen richtiggestellt werden. Die wichtigen frühen Landschaftszeichnungen von Ferdinand Olivier aus Salzburg und Wien und Umgebung, die in ihrer Bedeutung und Qualität längst erkannt, in ihrer inhaltlichen Interpretation in der Literatur allerdings stark differieren, wurden einer eingehenden formalen und inhaltlichen Analyse unterzogen. Die generell abwertende Einschätzung des zahlenmäßig auch im Bestand des Kupferstichkabinetts bedeutenden Spätwerkes von Ferdinand Olivier, das überwiegend in seiner Münchner Zeit entstanden ist, wurde einer kritischen Revision unterzogen. Selbstverständlich kann die künstlerische Qualität und die entwicklungsgeschichtliche Bedeutung dieses Spätwerkes nicht an Oliviers frühen Landschaftszeichnungen gemessen werden. Dennoch sind Oliviers Umformung und die emotionale Steigerung des klassischen Landschaftstypus eines Poussin sowie seine mythologischen Zeichnungen, die in der nur zart andeutenden Strichführung die "Transitorik" der Ovidschen Metamorphosen zu visualisieren vermögen, in ihrer Qualität ein wichtiger Beitrag zur "spätnazarenischen" Zeichnung der zwanziger und dreißiger Jahre.

Friedrich Overbeck
Bewahrer der Tradition romantisch-religiöser Kunst in Rom

Abgesehen von einer detaillierten Bearbeitung der in der historischen Kartei unter Overbeck verzeichneten Blätter, die äußerst qualitätvolle und in der neueren Literatur unbekannte Frühwerke Overbecks umfassen, konnten fragliche Zuschreibungen geklärt werden. Mehrere unter Overbeck eingetragene Mantelstudien, die während gemeinsamer Zeichenstunden der Nazarener in Rom angefertigt wurden, stammen mit großer Wahrscheinlichkeit von der Hand Eduard Schallers. Zwei ebenfalls Overbeck zugeschriebene Einzelstudien ungeklärter Motivik stammen vermutlich von Franz Pforr und lassen sich u.a. in dessen Entwurfsstudien zur Illustration von Johann Wolfgang von Goethes Götz von Berlichingen einreihen. Innerhalb der für Overbeck gesicherten Zeichnungen konnten detaillierte Analysen der spezifischen inhaltlichen und stilistischen Interpretation, die vielfach erstaunliche Affinitäten zu Julius Schnorr von Carolsfeld zeigte, die bisher ungenügende Kenntnis der Originalzeichnungen Overbecks wesentlich erweitern und vertiefen.

Vorwiegend in Deutschland tätige Spätromantiker
Moritz von Schwind und Edward Jakob von Steinle

Im Rahmen der originalen Zeichnungen von Moritz von Schwind konnten mehrere bisher unidentifizierte Studien in größere Werkkomplexe eingeordnet werden, so etwa eine äußerst qualitätvolle Draperiestudie in den Komplex der Vorarbeiten für das große Wandbild mit der Einweihung des Freiburger Münsters in der Karlsruher Kunsthalle. Auch eine bisher unpublizierte Zeichnung aus dem mehrfach von Schwind aufgegriffenen Themenkomplex des Grafen von Gleichen wurde analysiert und in die bisher bekannten Arbeiten zu diesem Thema integriert. Darüber hinaus wurden zahlreiche kaum bekannte Arbeiten Schwinds - wie etwa seine Entwürfe für das Stiegenhaus der ehemaligen Villa Arthaber in Wien - untersucht und zu dem im Historischen Museum der Stadt Wien lagernden Entwurfsmaterial in Beziehung gesetzt.

Auch von Edward Jakob von Steinle befinden sich mehrere bisher unbekannte Arbeiten in der Sammlung, so etwa eine wahrscheinlich in den Komplex der nie realisierten Entwürfe für die Münchner Ludwigskirche einzuordnende Zeichnung mit einer Widmung an Joseph Sutter. Als besonders aufschlussreich erwieß sich auch die vergleichende Analyse des von unterschiedlichen Künstlern immer wieder dargestellten Themas "Hagar in der Wüste". Steinles frühe Fassung von 1828 ließ im Vergleich mit jener von Ludwig Schnorr von Carolsfeld sowie von Wilhelm August Rieder trotz ganz individueller zeichnerischer Lösungen grundsätzliche Übereinstimmungen in der spezifisch "existentiellen" Interpretation dieses Themas erkennen. Der umfangreiche und höchst qualitätvolle Entwurfszyklus der Engelshierarchie nach Dionysios Areopagita zur Ausmalung des Chores des Kölner Domes wurde mit weiteren Entwurfsstudien in Kölner Sammlungen in Verbindung gebracht und - basierend auf dem Aufsatz von Leonie Becks im Kölner Domblatt (1996) - die fundamentale kunsttheoretische Überlegungen implizierende Problematik in der Entstehung dieses Zyklus' skizziert. In späteren Arbeiten Steinles offenbart sich eine zunehmende Erotisierung der immer wieder thematisierten Legenden oder christlichen Szenen. So zeigt ein Aquarell "Adam und Eva nach dem Sündenfall" eine bereits auf die Kunst der Jahrhundertwende vorausweisende Interpretation Evas als "femme fatale", die kaum verhaltene Erotik mit der traditionell wertnegativen Kategorisierung des weiblichen Geschlechtes im Kontext der katholisch-christlichen Doktrin verbindet.

R4Edward Jakob Steinle
Erzengel Gabriel. Entwurf zum Fresko im Hochchor des Kölner Domes, 1843
© Kupferstichkabinett

Leopold Kupelwieser und Joseph von Führich
Vertreter der Wiener Variante der Spätromantik und ihre Bedeutung für die Wiener Akademie

Von beiden Künstlern existieren umfangreiche Sammlungen qualitätvoller Zeichnungen im Kupferstichkabinett. Unter den zahlreichen Entwürfen Kupelwiesers, die in der Kartei mehrfach nicht identifiziert waren, konnten Zuweisungen zu ausgeführten Werken - etwa für seinen großen Ausstattungszyklus mit vaterländischen Themen im Sitzungssaal der ehem. Niederösterreichischen Statthalterei - vorgenommen werden. Aus seiner römischen Studienzeit stammende Kopien, die mehrfach unidentifiziert waren, konnten in den meisten Fällen die genauen Vorbilder - überwiegend Raphael und Michelangelo - eruiert werden. Die erstaunliche Übereinstimmung dieses Werkkomplexes von Studien nach Meistern der italienischen Hochrenaissance mit jenen von Hubert Maurer, Professor an der Elementarzeichenschule der Wiener Akademie, der diese Studien systematisch für die Lehrmittelsammlung anfertigte, lässt allerdings noch manche historische Zuschreibung der alten Kartei fraglich erscheinen. Grundsätzlich dokumentiert sich hier einmal mehr eine Kontinuität genuin "nazarenischer" Künstler zu der von ihr so angefeindeten Akademie, die den vielzitierten Bruch mit dieser Institution - trotz grundsätzlicher Neuorientierungen - mehr als vielfache Brechungen und Spiegelungen mit unterschiedlichen Komponenten darstellt.
Als einer der am meisten unterschätzten Künstler erwies sich Führich in seinen im Rahmen der Sammlung hervorragend repräsentierten späten graphischen Zyklen, die einerseits in einen umfangreichen Komplex von Vorarbeiten eingeordnet werden konnten, andererseits vor allem hinsichtlich ikonographischer Neuerungen sowie ihrer äußerst innovativen Erzählstruktur untersucht wurden. Zu größeren Zyklen wie der Geschichte des Heiligen Wendelin (13 Blätter) oder dem 24 Blätter umfassenden Marienleben wurden generelle Einleitungstexte verfaßt, die stilistische und erzähltechnische Innovationen sowie vor allem ikonographische Besonderheiten kurz skizzieren.

Leopold Schulz
Mitglied des Schubert-Kreises und Exponent der religiösen Spätromantik in Wien

Eine Neuentdeckung stellt das im Kupferstichkabinett mit 98 Arbeiten vertretene zeichnerische Œuvre von Leopold Schulz (1804-1873) dar. Abgesehen von qualitätvollen Einzelblättern religiöser und historischer Sujets aus seiner frühesten Wiener Zeit, wo er mit Moritz von Schwind integratives Mitglied des Künstlerkreises um Franz Schubert war, umfasst die Sammlung Zeichnungen von seinem Aufenthalt in München und Rom bis zu Kartons für monumentale Ausstattungszyklen der Wiener Spätromantik. Frühe Blätter wie "Wallenstein bei einer Lampe, von astrologischen Geräten umgeben" (1824) oder die "Heimkehr des verlorenen Sohnes" (1829) zählen zu den hervorragenden und bisher gänzlich unbekannten Zeugnissen nazarenischer Zeichenkunst der zwanziger Jahre. Zahlreiche Werke waren mit konkreten Aufträgen in Verbindung zu bringen - zu den prominentesten zählen sicher die Kartons für die Münchener Residenz, die gemeinsam mit Schwind entworfenen Fresken für das Rittergut Rüdigsdorf sowie die Vorarbeiten für zwei Hauptwerke der religiösen Spätromantik in Wien, die Freskenausstattungen der Johannes-Nepomuk-Kirche sowie der Altlerchenfelder Kirche. Vor allem die bisher unbekannten und unidentifizierten detaillierten Kartons zu den Fresken in der Münchener Residenz, einem der Prestigeprojekte der damaligen Zeit, stellen einen bedeutenden Fund dar, sind doch die Gemälde während des Zweiten Weltkrieges weitgehend zerstört worden. Auch die Rüdigsdorfer Kompositionen sind zu Schulz' besten Leistungen zu zählen, die Schwind in seinem von Amor- und Psyche-Szenen geschmückten Aschenbrödel-Zyklus (1852/54; heute München, Neue Pinakothek) fast unverändert aufgegriffen hat.
Erstaunlicherweise war in der historischen Kartei keine dieser Vorarbeiten monumentalen Ausstattungszyklen zugewiesen. Die Zeichnungen wurden lediglich in beschreibender Weise meist ohne Identifikation der dargestellten Motive oder, wie im Falle eines Kartons zum Rüdigsdorfer Zyklus, auch unter einem falschen Titel inventarisiert.
Andere Werke, wie die Entwürfe für einen ikonographisch komplexen Flügelaltar mit einer "Ecclesia triumphans", konnten bisher mit keinem konkreten Auftrag in Verbindung gebracht werden. Grundsätzlich ist in zahlreichen Zeichnungen, wie etwa dem Illustrationszyklus zu den Zehn Geboten, der vom Münchener Hoffotografen Joseph Albert vervielfältigt wurde, die Nähe zu dem mit Schulz befreundeten Joseph Führich offensichtlich. Sowohl die stilistische Ausführung als auch die komplexe Ikonographie des Zyklus' mit seinen zahlreichen typologischen Anspielungen verweisen auf Führich. Beide wirkten über viele Jahrzehnte hindurch als Lehrer an der Wiener Akademie, auch wenn Führich als Leiter einer Meisterschule eine maßgeblichere Position innehatte.
Aufgrund fehlender archivalischer Nachweise zur Erwerbung des Konvolutes von Schulz ist zu vermuten, dass die im Unterricht verwendeten Zeichnungen von Schulz nach dessen Tod in die Sammlung kamen, ohne dass jemals eine offizielle Schenkung oder ein Ankauf vonstatten ging.

R5 Moritz von Schwind
Die hl. Hildegund von Schönau, von einem Engel geleitet, 1823
© Kupferstichkabinett

Joseph Mathias von Trenkwald
Letzter Vertreter einer nazarenischen Kunstauffassung in Wien

Joseph Mathias Trenkwald (1824-1897) war in einer exzeptionellen Breite seines Werkes vertreten. Der Bogen spannt sich von den während seines Romstipendiates angefertigten Natur-, Genre- und detaillierten architektonischen Studien nach umfangreichen Ausstattungszyklen der italienischen Frührenaissance bis zu Hauptwerken eigener monumentaler Dekorationswerke, wie der Entwürfe zum Prüfungssaal des Akademischen Gymnasiums (um 1864), zur Freskierung der Grabkapelle der Familie Revoltella in Triest mit einer Himmelfahrt Christi (1864) sowie zum Zyklus der Marienwallfahrtsorte der damaligen Kronländer für die Chorumgangskapellen der Wiener Votivkirche (um 1880). Neben diesem Entwurfsmaterial, das Trenkwald als letzten, an der Wiener Akademie "institutionalisierten" Vertreter dieser spätnazarenischen Richtung zeigt, befinden sich flüchtige, "impressionistisch" anmutende Ölskizzen in der Sammlung, die die Gleichzeitigkeit diametral gegensätzlicher Ausdrucksmodi innerhalb des Werkes eines einzigen Künstlers dokumentieren. Die Ölskizze, im Werk Trenkwalds in den Gattungen Porträt, Landschaft, Historie und Genre vertreten, übernimmt in der zweiten Jahrhunderthälfte immer mehr die Funktion der Zeichnung. Auch unter den während seines Rom-Aufenthaltes als Stipendiat der Akademie entstandenen Studien, die sich verstärkt dem dortigen Alltagsleben widmen, befinden sich mehrere Ölskizzen.

Die Ölskizzen zur Ausstattung der Wiener Hofoper
Franz Joseph Dobyaschofsky Ferdinand Laufberger, Carl Madjera, Carl Rahl

Die Ölskizzen für die Ausstattung der Wiener Oper wurden als wichtige Beiträge zu diesem Gesamtkunstwerk der Spätromantik aufgenommen. Das Kupferstichkabinett besitzt die Vorarbeiten von Franz Joseph Dobyaschofsky (1818-1867) mit den allegorischen Darstellungen der komischen und tragischen Oper sowie des Tanzes und der "Anerkennung" für das Stiegenhaus; ebenso jene von Carl Madjera (1828-1875), einem kaum bekannten Führich-Schüler, für den Salon der Kaiserin Elisabeth mit Szenen aus Carl Maria von Webers Opern "Oberon" und "Preziosa". Die Farbskizzen weichen vielfach noch entscheidend von den detaillierten Kartons ab, die sich als geschlossene Serie in der Albertina Wien befinden. Dies ermöglichte einen aufschlussreichen Einblick in die Genese dieser monumentalen Ausstattungszyklen mit ihren bis zur Realisierung vielfach vom Hofbaucomitè urgierten Modifikationen. Die malerische Ausstattung der Wiener Oper wurde bis auf wenige Ausnahmen, darunter die Stiegenbilder von Dobyaschofsky, im Zweiten Weltkrieg zerstört.
Aufgenommen wurden auch die Aquarellentwürfe für den 1866 in Auftrag gegebenen Vorhang der "heiteren" Oper bzw. dem Ballett von Ferdinand Laufberger (1829-1881), die die verschiedenen Arten heiterer Musik und fröhlichen Musizierens illustrieren, ebenso der Entwurfskomplex von Carl Rahl (1812-1865) und dessen Atelier für den Hauptvorhang mit Motiven zum Orpheus-Mythos, der trotz romantisierender Tendenzen primär dem Spätklassizismus zugehörig ist.

Späterscheinungen einer retardierenden Spätromantik
Eduard von Weeber, Karl Joseph Geiger, Eduard Luttich von Luttichheim

Nicht wenige Lebens- und Entstehungsdaten der aufgenommenen Werke führten in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, einige sogar an die Schwelle des 20. Jahrhunderts. Eduard von Weeber (1834-1891), Karl Joseph Geiger (1822-1905) und Eduard Luttich von Luttichheim (1844-1920) sind als späte Repräsentanten einer romantischen Geisteshaltung zu bezeichnen, die - getragen von konservativen Kreisen der Hocharistokratie und des Klerus - die romantisch-gegenständliche Richtung weiter tradierten. Zweifellos zählen ihre Werke nicht zu den Meisterleistungen ihrer Zeit, sondern sie muten vielfach wie ein nicht mehr zeitgemäßer Schwanengesang auf die Romantik an. Dennoch sind diese Arbeiten - v.a. in der spezifischen soziokulturellen Verankerung - ein wichtiger Modus der Kunstproduktion des späten 19. Jahrhunderts. Technische Perfektion in der Ausarbeitung ist ebenso ein Merkmal wie eine inhaltlich ganz offensichtlich retrospektive Haltung. Vielfach lassen sich - wie bei Weeber oder auch Luttichheim - ganz konkrete künstlerische Vorbilder feststellen. Ihre Werke bilden den Endpunkt einer romantischen Geisteshaltung, die sich überlebt hatte und deshalb immer mehr in reproduzierende und unschöpferische Bahnen abglitt.

Carl Rahl und das Phänomen der Rahl-Schule
Eduard Bitterlich, Christian Griepenkerl, August Eisenmenger

Carl Rahl ist im Kupferstichkabinett mit einer großen Anzahl von Aktstudien während seiner Wiener Akademiezeit vertreten, die bereits einen wichtigen Einblick in primäre Gestaltungsintentionen des Künstlers geben. Neben Modellstudien sind auch zahlreiche Kopien nach Antiken vorhanden, die identifiziert werden konnten. Die vielfach kleinformatigen Ölstudien Rahls wurden von seinen Mitarbeitern, v.a. von Eduard Bitterlich, in großformatige Kartons übertragen. Auch wenn es vielfach schwierig ist, Bitterlichs originäre Leistung im arbeitsteilig organisierten Atelierverband von Carl Rahl herauszufiltrieren, zählt Bitterlich sicherlich zu den hervorragendsten österreichischen Zeichnern der zweiten Jahrhunderthälfte. Seine Übertragungen von Rahls vielfach flüchtigen Ölskizzen in ein monumentales Format sind nicht nur als reproduzierende sondern auch als originäre künstlerisch-schöpferische Leistung anzusehen. Bezüglich der Rolle Griepenkerls, dem im Atelierverband die monumentale Ausführung nach den Bitterlichschen Kartons zufiel, war dessen "Arbeitsbuch" (Manuskript im Kupferstichkabinett) besonders aufschlussreich. Anhand dieser nunmehr systematisch transkribierten Quelle konnte Umfang und Zeitpunkt der durchgeführten Arbeiten exakt eruiert werden.

Anselm Feuerbach
Die Entwürfe zum Deckenbild in der Großen Aula des Akademiegebäudes von Theophil Hansen

Von den 59 Zeichnungen im Kupferstichkabinett sind die Mehrzahl der in der Qualität hervorragenden und auch als Einzelkunstwerke vollgültigen Entwürfe im Kontext des großen Bildzyklus' mit dem für die fortschrittsgläubige Ringstraßenzeit bezeichnenden Thema "Sieg der Kultur über die rohen Naturkräfte" in der Aula des von Theophil Hansen erbauten neuen Akademiegebäudes am Schillerplatz entstanden. Dieser qualitativ hochwertige Bestand ermöglichte - unter Einbeziehung des umfangreichen Quellenmaterials im Archiv der Wiener Akademie - tiefe Einblicke in die formale und inhaltliche Genese dieses späten Hauptwerkes von Feuerbach

3. Erschließung des Quellenmaterials

Vor allem im Kupferstichkabinett, im Archiv der Wiener Akademie der bildenden Künste sowie in den Handschriftensammlungen der Österreichischen Nationalbibliothek und des Wiener Stadt- und Landesarchivs befinden sich umfangreiche Quellenmaterialien zu einzelnen Künstlern, Werken oder Sammlungszweigen, die systematisch gesichtet wurden. Anhand des Quellenmaterials im Archiv der Wiener Akademie konnten einzelne Sammlungszweige unterschiedlicher Provenienz rekonstruiert werden, die - zusammen mit der aktiven Ankaufspolitik der zweiten Jahrhunderthälfte - den heutigen bedeutenden und qualitätvollen Bestand an Originalzeichnungen der deutschen und österreichischen Schule des 19. Jahrhundert bestimmen. Von größtem Interesse waren Sitzungsprotokolle bzw. Briefwechsel über Ankäufe oder Auftragserteilungen, die die von heutiger Einschätzung stark differierende Bewertung einzelner Künstler oder bestimmter Werkkomplexe offenbarte und damit für die zeitgenössische Kunstrezeption äußerst aufschlussreich war. Deutlich spiegeln sich in diesem Material die kunstpolitischen bzw. pädagogischen Zielsetzungen der Akademie als zentraler Ausbildungsstätte, die gegen Ende des Jahrhunderts immer mehr in eine künstlerische Isolation geriet.

4. Zusammenarbeit mit dem Institut für Wissenschaften und Technologien in der Kunst

Als äußerst fruchtbar erwies sich die Zusammenarbeit mit dem Institut für Wissenschaften und Technologien in der Kunst an der Akademie der bildenden Künste Wien. Prof. Dr. Manfred Schreiner nahm die Wasserzeichen als Weichstrahlradiographien auf; diese werden im Bestandskatalog im Format 1:1 reproduziert. Frau Mag. Helmgard Holle verfasste einen wichtigen Beitrag zur Analyse der verwendeten Papiere und Wasserzeichen, die auf diesem Gebiet eine Pionierarbeit darstellen. Auch weiterhin wird die Zusammenarbeit zwischen dem Kupferstichkabinett und dem Institut für Wissenschaften und Technologie in der Kunst gepflegt werden. Der Aufbau einer Datenbank zu den Wasserzeichen ist bereits festgelegt und wird in Zukunft systematisch ergänzt.

Zur gewählten Aufnahmetechnik sowie zur Problematik bisher verwendeter Verfahren vgl. M. Schreiner im zur Publikation eingereichten Manuskript: Ein großer Nachteil sowohl der großen Nachschlagewerke als auch der Publikationen über einzelne Künstler ist, dass es sich bei der Erfassung der Wasserzeichen um Handskizzen oder bestenfalls um Handpausen handelt, welche nur bedingt originale Größe und vor allem die Details der verschiedenen Wasserzeichen der Papiere wiedergeben. Die internationale Arbeitsgemeinschaft der Papierhistoriker (IPH) hat daher eine Norm für die Erfassung von Papieren mit (und auch ohne) Wasserzeichen ausgearbeitet und veröffentlicht, da man erkannt hat, dass eine eindeutige Identifizierung nur möglich ist, wenn die Erfassung nach den gleichen Kriterien, mit allen Besonderheiten und vor allem in Originalgröße erfolgt. In dieser Norm sind einerseits Methoden, wie die Handpause oder das Durchreiben enthalten, bei denen es jedoch zu einer bleibenden Veränderung des Papiers im Bereich des Wasserzeichens kommt. Andererseits wird in der IPH-Norm aber klar jenen Verfahren der Vorzug gegeben, welche als zerstörungsfrei gelten, d.h., dass dabei nicht nur keine Veränderungen am Objekt vorgenommen werden müssen oder durch die Aufnahme keine Veränderungen im Bereich des Wasserzeichens erfolgen, sondern dass es auch zu keinerlei Berührung des Kunstwerkes mit dem Aufnahmesystem während der Registrierung kommt. Dazu zählen vor allem photographische Verfahren, wie das Durchlicht-Scannen, die Dylux®-Methode, die Beta- oder die Weichstrahl-Radiographie, aber auch Techniken, welche auf einem Abscannen der Papieroberfläche mit Hilfe eines empfindlichen Lasersystems basieren.

Ein großer Vorteil der radiographischen Methoden (Beta-, Weichstrahl- und Elektronenradiographie) gegenüber jenen Verfahren, welche elektromagnetische Strahlung im sichtbaren, UV- oder IR-Bereich verwenden, ist, dass Druck-, Zeichen- und Schreibmaterialien kaum abgebildet werden, wenn es sich hier um Materialien wie schwarze Druckfarbe, Russtinte, Bleistift oder Tusche handelt. Die Wasserzeichen und Siebstrukturen können klar hervortreten. Nur metallhaltige Illuminierfarben, wie z.B. Bleiweiß, Goldbronze, Mennige oder Blattgold werden aufgrund ihrer hohen Absorption von Beta-, Röntgen- oder Elektronenstrahlung deutlich abgebildet und der Wasserzeichenabbildung überlagert.

5. Veranstaltungen

Ein Teilresultat war die Ausstellung Suche nach dem Unendlichen. Aquarelle und Zeichnungen der deutschen und österreichischen Romantik zu der ein im Verlag Prestel herausgegebenen Katalog erschienen ist(Autorin: C. Reiter). Winckelmanngesellschaft, Stendal, 20. 10. - 06. 01. 2002 Mittelrhein Museum, Koblenz, 27. 04. - 23. 06. 2002 Galleria d'Arte Moderna, Bologna, 05. 10. 2002 - 05. 01. 2003 Akademie der bildenden Künste Wien, Ausstellungsräume, 21.11.2003 - 18.01.2004 Casa di Goethe, Rom, Frühjahr 2005 Begleitend zur Ausstellung in Wien wurde eine Vortragsreihe initiiert, zu der international renommierte Fachleute auf dem Gebiet der Kunst des 19. Jahrhunderts eingeladen wurden (W. Hofmann, R. Metzger). Die Autorin referierte in einem Vortrag mit dem Titel "Romantik und Wiener Akademie. Von den revolutionären Lukasbrüdern zur institutionalisierten Spätromantik" wichtige Forschungsergebnisse des Projektes (Publikation im Jahresbericht der Wiener Akademie).

Winckelmanngesellschaft, Stendal, 20. 10. - 06. 01. 2002
Mittelrhein Museum, Koblenz, 27. 04. - 23. 06. 2002
Galleria d'Arte Moderna, Bologna, 05. 10. 2002 - 05. 01. 2003
Akademie der bildenden Künste Wien, Ausstellungsräume, 21.11.2003 - 18.01.2004
Casa di Goethe, Rom, Frühjahr 2005