European Union Prize for Cultural Heritage/Europa Nostra Award 2003
Österreichische Preiszeremonie anlässlich der Verleihung des
European Union Prize for Cultural Heritage/Europa Nostra Award 2003 an das Kupferstichkabinett der Akademie der bildenden Künste, Wien am 13. Juli 2004 um 11.00.
© Kupferstichkabinett
Der European Union Prize for Cultural Heritage/Europa Nostra Award 2003, wurde dem Projekt der Konservierung, wissenschaftliche Neubearbeitung und der digitalen Erfassung des Bestandes an gotischen Baurissen des Kupferstichkabinetts der Akademie der bildenden Künste, Wien verliehen.
Die seit 2002 verliehenen Auszeichnungen haben laut den Statuten von Europa Nostra das Ziel, höchste Standards der konservatorischen Praxis zu fördern und den Austausch von Wissen und Erfahrung in ganz Europa anzuregen. Es wird dies dadurch erreicht, indem außergewöhnliche Initiativen und bedeutende Verfahrensweisen, entweder Einzelner oder von Organisationen, welche zum Schutz und zur Erhaltung des kulturellen Erbes von Europa einen Beitrag leisten und durch ihr Vorbild weitere Bemühungen initiieren, öffentlich erkannt werden.
Die Verleihung an das Kupferstichkabinett ist deshalb von außergewöhnlicher Bedeutung, da es sich bei den bisherigen PreisträgerInnen ausschließlich um Baudenkmale oder urbane Gefüge gehandelt hat und diese Auszeichnung zum ersten Mal an eine graphische Sammlung vergeben wurde.
Dadurch werden die Bemühungen um die Erhaltung und wissenschaftliche Erforschung des weltweit bei weitem größten Bestandes an gotischen Baurissen gewürdigt. Mit 428 Zeichnungen stellt dieser die gesamte Bandbreite des in einer mittelalterlichen Bauhütte produzierten Zeichnungsmaterials dar, von den eigentlichen Entwurfsarbeiten, über Vorentwürfe und Detailausarbeitungen bis zu geometrischen Darstellungen für die theoretischen Ausbildung im Hüttenbetrieb.
Das Projekt gliederte sich in 3 Abschnitte:
1. Digitale Erfassung des Planmaterials durch die Firma archive.it
Speicherung der Daten auf DFD Datenträger und Festplatten und Übertragung der komprimierten Daten in die Datenbank (Artefakt). Dabei wurde für kleinformatigen Blätter der Cezanne Scanner der Firma Screen und für großformatige Blätter der CRUSE ST450 Scanner der Firma Cruse eingesetzt, welcher es ermöglicht Vorlagen von einer Maximalgröße von 202 cm mal 240 cm in 20 Minuten (Komplettarbeitszeit) in einer Datenmenge von ca. 2 Gigabyte digital zu reproduzieren. Mit seinem patentierten Synchronlicht und seiner absoluten Farbtreue und Genauigkeit werden dabei höchste Scannqualitäten erreicht. Für die äußerst heiklen Pergamente war das kontaktlose, berührungsfreie Scannen und der absolut schonenden Beleuchtung durch Speziallampen, die zudem das Objekt bei einer Scannzeit von mehreren Minuten nur wenige Sekunden ausleuchten, von größter Bedeutung waren.
2. Restaurierung und Neulagerung des Gesamtbestandes
Durch die Restauratorin der Werkstätte des Kupferstichkabinetts, Frau Mag. Verena Flamm, wobei eine eigens dafür erarbeitete Techniken angewandt wurden. Die Zeichnungen wurden dabei von späteren, teilweise aus stark säurehaltigem Papier bestehenden Hinterklebungen befreit und in einer Weise in neue Passepartouts eingehängt, dass auch die bislang weniger beachteten Rückseiten jederzeit von Forschern studiert werden können. Im Zuge dieser Restaurierung wurde auf den Rückseiten sowie einigen abgelösten Hinterklebungen aus originalem Papier insgesamt 28 bislang unbekannte gotische Bauzeichnungen entdeckt, was selbst bereits nahe an den Bestand der zweitgrößten Sammlung gotischer Baurisse in Ulm herankommt.
© Kupferstichkabinett
© Kupferstichkabinett
© Kupferstichkabinett
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© Kupferstichkabinett
© Kupferstichkabinett
© Kupferstichkabinett
© Kupferstichkabinett
3. Wissenschaftliche Bearbeitung durch Prof. Dr. Hans Böker (McGill University, Montreal)
Im Zuge der Neubearbeitung des Zeichnungsbestandes wurde zunächst ein neuer, modernen wissenschaftlichen Ansprüchen entsprechender Katalog erstellt, der die wichtigsten technischen Daten wie die genauen Maße, eine genaue Materialbeschreibung, sowie alle Angaben zu den vorkommenden Wasserzeichen enthält. Im Anschluss daran folgte eine genaue Untersuchung der Zeichnungen einschließlich der Blindrillen und den in allen bisherigen Publikationen nicht sichtbaren oder nicht beachteten Vorzeichnungen. Dabei wurde zwischen der deskriptiven Erfassung der Zeichnung, der möglichst vollständigen Darstellung der Forschungsliteratur und ihrer Interpretation zu unterscheiden gesucht.
Das Ergebnis der Wasserzeichenanalyse waren zum Teil erheblich vom bisherigen Forschungsstand abweichende Datierungen insbesondere der Planzeichnungen zum Wiener Stephansdom, die vor allem das Werk des bislang wenig beachteten Dombaumeisters Laurenz Spenning stärker hervortreten lässt. Auch zum Werk international bekannter Architekten wie Peter Parler in Prag oder Ulrich von Ensingen in Straßburg ließen sich neue Erkenntnisse gewinnen. In gleicher Weise konnten eine Anzahl von Zeichnungen, etwa eine komplette Planserie zum spätgotischen Umbau der Kartause Gaming, erstmals zugeordnet werden.
Zum Bestand der gotischen Baurisse
Die Akademie der bildenden Künste Wien besitzt mit seinem Kupferstichkabinett eine der größten graphischen Sammlungen, welche ca. 100.000 Handzeichnungen, Duckgraphiken und Photographien seit dem 14. Jahrhundert umfasst. Wie Wien, deren Akademie im 18. und 19. Jahrhundert zu den bedeutendsten in Europa gehörte, besaßen auch andere Akademien ähnliche Sammlungen, welche jedoch zum Teil aufgelöst, von musealen Sammlungen übernommen wurden oder von denen nur noch Restbestände vorhanden sind. Die Sammlungsgeschichte des Kupferstichkabinetts ist untrennbar nicht nur mit der Entwicklung der Akademie, sondern auch der Kunst und Kunstpolitik der ehemaligen Donaumonarchie verbunden, wobei sich der Bogen von der dominanten Position des Staates im 18. Jahrhundert, zu der beginnenden Verantwortung des Bürgertums im 19. Jahrhundert bis hin zum Rückzug des Staates im 20. Jahrhundert spannt.
Innerhalb dieser von klarer Zielvorgabe geprägten Sammlung stellen die gotischen Baurisse scheinbar einen Fremdkörper dar, der eher durch einen historischen Zufall hineingelangt zu sein scheint, auch wenn sich letztlich die Akademie des 18. Jahrhunderts als legitimer Nachfolger der Zeichen- und Architekturschule der mittelalterlichen Wiener Dombauhütte fühlen durfte.
Mit ca. 425 Zeichnungen repräsentiert der Wiener Bestand an gotischen Baurissen den weltgrößten Teil dieses Genres, das weniger als 500 Zeichnungen umfasst. Die zweitgrößte Sammlung in Ulm umfasst nur ein Zwölftes des hiesigen Bestandes, alle anderen Sammlungen - in Straßburg, Köln, Regensburg - zeigen nur einzelne besonders repräsentative Zeichnungen von großer Bedeutung für die Baugeschichte der jeweiligen Kathedrale. Für das Entstehungsgebiet der Gotik überhaupt, der Ile-de-France, gibt es bedauerlicherweise kaum ein entsprechendes Zeichnungsmaterial. Da aber von der vorhergehenden Epoche mittelalterlicher Architektur und auch aus der Antike keine Bauzeichnungen erhalten sind und auch kaum bestanden haben dürften, stellt der Wiener Bestand zugleich die ältesten überkommenen Bauzeichnungen überhaupt dar, anhand deren sich gleichsam die Anfänge des modernen Architektenberufes nachvollziehen lassen.
Was aber den besonderen Wert der Wiener Sammlung ausmacht, ist, dass hier nicht nur die großen Präsentationspläne erhalten sind, sondern auch eine Menge an alltäglichen Zeichnungen, die alle Aspekte der Entwurfsarbeit und des akademischen Unterrichts dokumentieren und damit den von Anfang an bestehenden Zusammenhang zwischen architektonischer Praxis und Lehre aufzeigen.
Im Jahre 1787 war eine Sammlung von nicht näher spezifizierten "gotischen Altertümern" der Akademie zum Preis von 4000 Gulden zum Kauf angeboten, die sich jedoch letztlich gegen deren Erwerb entschied, da für sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht das hinreichende allgemeine Interesse bestanden hatte. Die Sammlung ging stattdessen an den Hofsteinmetzen Franz Jäger der Ältere (1743 - 1809), der früh die Bedeutung der Sammlung für das dem Mittelalter zugewandte romantische Architekturgeschehen erkannt und einzelne der gotischen Planrisse für seine eigene Entwurfstätigkeit, insbesondere der ab 1798 errichteten Franzensburg in Laxenburg, benutzt hatte. Von ihm kam die Sammlung an seinen gleichnamigen Sohn Franz Jäger den Jüngeren, der sie 1837 testamentarisch der Akademie vermachte. Das Übergabeprotokoll des Jägerschen Nachlasses an die Akademie vom 6. Jänner 1840 verzeichnet "290 Blätter Zeichnungen und Skizzen zur St. Stephanskirche in Wien von Pilgram", was auch die heute im Wien Museum aufbewahrten Baurisse einzubeziehen scheint.
Für die Akademie - bis zur Revolution von 1848 die oberste Kulturbehörde der Monarchie - stellte die Sammlung ein wichtiges Unterrichtsinstrument der Architekturausbildung dar. Dass der ansonsten nur als klassizistischer Architekt bekannten Joseph Kornhäusel (1782 - 1860) mit Blick auf eine mögliche Vollendung des Nordturms von St. Stephan eine großformatige Kopie des zugehörigen Baurisses angefertigt hat, ist selbst schon ein Kuriosum. Dass hingegen der Rektor der Akademie und gleichzeitig Wiener Dombaumeister Friedrich von Schmidt zu den besten Kennern und Benutzern der gotischen Planrisssammlung gehörte, ist nicht überraschend. Vor allem in Budapest und Prag haben seine Schüler Bauten errichtet, die ein genaues Studium der Pläne verraten. Selbst für Otto Wagner, dem letzten Vertreter des Historismus und zugleich dessen Überwinder, lässt sich die genaue Kenntnis einer aus dem Studium der Baurisse entwickelten geometrischen Entwurfspraxis konstatieren.
Im 20. Jahrhundert ist aus dem Unterrichtsinstrument im wesentlichen
ein Forschungsinstrument geworden. Wiederaufbau und Wiederherstellung
des Wiener Stephansdomes konnten sich auf die Bauzeichnungen berufen,
und die Forschung zu den Domen in Straßburg, Köln, Prag, Regensburg,
Ulm und Augsburg, nicht zu vergessen die zahlreichen gotischen
Kirchenbauten in Österreich, Süddeutschland, Tschechien und der
Slowakei, besitzt in der Baurisssammlung eine wesentliche Quellenbasis,
aus der sich entscheidende Erkenntnisse über personelle Zusammenhänge
zwischen den europäischen Bauzentren des Mittelalters rekonstruieren
lassen oder Belege für das architektonische Schaffen einiger namentlich
bekannter Architekten ergeben. Die Ausstellung "Geheimnis im Stein"
2001 in Mauerbach hatte diese Ziele verfolgt. Vor allem internationale
Ausstellungen haben die Sammlung auch einer größeren Öffentlichkeit
bekannt gemacht: Die Parler, 1978 in Köln, Les Bâtisseurs des
Cathédrales, 1989 in Straßburg und The Crown of Bohemia, 2005 in Prag
und New York, sind nur die sichtbarsten Stationen auf dem Weg der
Popularisierung der gotischen Baurisse, an dessen vorläufigem Ende - es
gibt weltweit keine vergleichbare Sammlung dieser Art - die Nominierung
als Teil des "Memory of the World" Projekts der UNESCO steht.
Die Verleihung mit dem Europa Nostra Award 2003 markiert einen ersten
Abschluss eines über die letzten fünf Jahre laufenden Projekts der
Konservierung, Erforschung und Zugänglichmachung der gotischen
Baurisssammlung der Akademie. Der Preis, der die Bemühungen um die
Erhaltung des kulturellen Erbes Europas würdigt, wurde verliehen in
Anerkennung "für die höchst professionelle wissenschaftliche
Erforschung, Konservierung und Digitalisierung der einzigartigen
Sammlung gotischer Bauzeichnungen, die auf diese Weise weitestgehend
dem Studium zugänglich gemacht wurden." Das aufwendige Projekt der
Konservierung und Restaurierung aller Baurisse wurde finanziell vom
Kupferstichkabinett der Akademie getragen, hingegen wurde sowohl die
Digitalisierung und die wissenschaftliche Bearbeitung durch Fremdmittel
finanziert. So konnte die vollständige Digitalisierung des Bestandes
durch die Firma archive.it (CMB) nur durch die finanzielle
Unterstützung des Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank und
die wissenschaftliche Bearbeitung durch Prof. Dr. Dr. Ing. habil. Hans
Böker durch ein kanadisches Forschungsstipendium ermöglicht werden.