PhD in practice

Präambel

§ 2 (1) Kontext und Notwendigkeit: Der PhD in Practice der Akademie der bildenden Künste Wien ist ein postgraduales Studium künstlerisch-wissenschaftlicher Forschung. Den Teilnehmer_innen eröffnet sich hier die Möglichkeit, ihre individuellen Forschungsvorhaben in einer Umgebung zu realisieren, in der die intensive Kollaboration aller Akteur_innen angestrebt wird. Einen Schwerpunkt des Studiums bildet die Frage nach den Zusammenhängen von Kunst und Wissen und nach der spezifischen Produktivität künstlerischer Verfahren und Strategien in Hinblick auf die Produktion und die Analyse von Wissen. Diese Verfahren und Strategien formieren jene practice, wie sie auch im Titel des Studiums verankert ist. Sie ist konzipiert als vielfältig verwoben in soziale, kulturelle, politische und ökonomische Handlungsfelder; und sie betrifft in besonderer Weise die kritische Reflexion der je eigenen künstlerischen Praxis, die zur Methode wie zum Gegenstand der Forschung werden kann. Weil in den Gesellschaften und Ökonomien des 21. Jahrhunderts die Bedeutung von Wissen als Faktor der Erneuerung hoch bewertet wird, ist es für die bildenden Künstler_innen von entscheidender Bedeutung, kritisch, reflexiv und aktiv gestaltend die je eigenen Positionen als Produzent_innen, Agent_innen, Gestalter_innen, Archivar_innen, Vermittler_innen usw. von Wissen einzunehmen und zu thematisieren. Das Studium PhD in Practice der Akademie der bildenden Künste Wien zieht aus dieser bislang kaum theoretisierten Notwendigkeit die Konsequenz und rückt die Rolle der bildenden Kunst in der so genannten Wissensgesellschaft in den Fokus eines international ausgerichteten Forschungszusammenhangs. Auf diese Weise werden die Bedingungen der Möglichkeit künstlerischer Wissensproduktion selbst zum Gegenstand einer künstlerisch- wissenschaftlichen Grundlagenforschung.

(2) Themen und Akteur_innen: Im Doktoratsstudium PhD in Practice werden dabei insbesondere Formen und Praktiken von Wissen untersucht, die als Resultat künstlerischer Prozesse und als Thema künstlerischer Arbeit gelten können. Entscheidend für diese Konzeption eines Wissens der Kunst ist die Annahme, dass Kunst als Raum sozialer, politischer, kultureller und ökonomischer Konflikte verstanden werden kann, in dem Wissens- und Wahrheitsansprüche gleichermaßen geltend gemacht wie kritisiert werden. Die Kunst der Gegenwart ist unmittelbar konfrontiert mit Fragen der Verortung, Materialität und Zugänglichkeit von gesellschaftlichen Wissensbeständen und -formen. Sie ist informiert durch kritische Epistemologien, wie sie in jüngerer Zeit unter anderem die feministischen Theorien, Gender und Queer Studies, die postkolonialen Theorien und die Black und Subaltern Studies entwickelt haben. Zunehmend erweisen sich Künstler_innen (aber auch Kritiker_innen, Kurator_innen, Kunsthistoriker_innen, Pädagog_innen, Galerist_innen und andere Akteur_innen des künstlerischen Feldes) als Spezialist_innen im Umgang mit unterschiedlichen, oft einander widersprechenden Ausprägungen von Wissen und Kompetenz. Mittels ästhetischer Praktiken und Diskurse reflektieren und erneuern sie dieses spannungsgeladene Gegeneinander von Wissensformen, welche gesellschaftlich unterschiedlich anerkannt und sichtbar sind. Es gilt daher einerseits, die spezifischen Emergenzen und Figuren von Wissen (in) der Kunst zu erfassen, und andererseits die Beziehungen dieses künstlerischen Wissens zu anderen Wissensformen zu erkunden.

(3) Praktiken und Perspektiven: Im Rahmen des Studiums PhD in Practice werden somit Kunst/Wissen- Prozesse beobachtet und aktiv gestaltet. Das Studium befähigt die Teilnehmer_innen, ihre jeweiligen kulturellen, disziplinären und professionellen Erfahrungen künstlerisch-wissenschaftlich zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Experimentelle Arbeitsweisen der künstlerischen Produktion, die etablierte Disziplinen des Wissens durchqueren und neu konfigurieren, werden ebenso gefördert wie die Fähigkeit, analytisch- theoretische Texte zu verfassen und die eigene künstlerische Forschung zu konzipieren, zu organisieren und durchzuführen. Die intensive Verknüpfung von künstlerischen mit wissenschaftlichen Formen der Reflexion und Produktion qualifiziert dazu, in einem dynamischen transdisziplinären Raum eigenständig zu forschen, zu produzieren und zu vermitteln. Mit der Betonung der Transdisziplinarität verbindet sich die Vorstellung einer grundlegenden Transformation des Kunst/Wissen-Verhältnisses, die sich gegen eine dichotomische Ordnung von Wissen (Theorie/Praxis, Wissenschaft / Kunst usw.) richtet und verschiedene Dimensionen wissensproduzierender Praxis verfügbar macht. Von den Teilnehmer_innen wird die aktive Mitwirkung an der Gestaltung des Studiums und seines Programms (Organisation von Workshops, Gastvorträgen, Tagungen, Ausstellungen, Screenings, Exkursionen usf.) erwartet. Der PhD in Practice sieht ebenfalls vor, dass die Teilnehmer_innen sich mit ihren Projekten und Themen in eine internationale Auseinandersetzung begeben, d.h. in relevanten Zeitschriften publizieren, in Ausstellungen, auf Festivals, bei Symposien usw. ihre Arbeit präsentieren.