Marissa Lôbo, Studentin am Institut für bildende Kunst, Konzeptuelle Kunst, ist mit ihrem Projekt „Was spricht Anastácia“ die Siegerin des Willemer-Preises 2010.
2.11.2010

Marissa Lôbo | Marianne-von-Willemer–Preisträgerin Foto: © Ivana Marjanovic

Der Marianne-von-Willemer-Preis des Linzer Frauenbüros ist einer der erfolgreichsten städtischen Kulturpreise und aus dem Linzer Kulturkalender nicht mehr wegzudenken. Heuer wurde der Preis für digitale Medien ausgeschrieben und das Linzer Frauenbüro erhielt insgesamt 102 Einreichungen aus ganz Österreich.

Bild 1Marissa Lôbo und die Linzer Frauenstadträtin Mag.a Eva Schobesberger
Foto: © Ivana Marjanovic

Die Preisträgerin

Marissa Lôbo wurde 1975 in Brasilien geboren und studierte nach ihrer Schulausbildung drei Jahre Geschichte in Bahia. Sie lebt seit neun Jahren in Europa. Nach Stationen in Italien und Portugal ist Marissa Lôbo seit vier Jahren in Österreich. Sie arbeitet beim Verein maiz und ist Obfrau des Vereins Forum Interkulturalität, beides Selbstorganisationen von und für Migrantinnen, die auch am kulturpolitischen Sektor agieren. Zusätzlich ist Marissa Lôbo auch Mitglied des Migrations- und Kulturbeirats der Stadt Linz.

Die heurige Preisträgerin des Willemer Preises ist Aktivistin, die sich in der Schwarzen- und MigrantInnen-Bewegung engagiert und immer wieder versucht Politik und Kunst zu verbinden. In diesem Zusammenhang entstanden verschiedene, oft performative Arbeiten. Seit 2008 studiert Marissa Lôbo an der Akademie der bildenden Künste in Wien in der Klasse postkonzeptuelle Kunst.

Das Siegerprojekt

Das prämierte Projekt „Was spricht Anastácia?“ beschäftigt sich mit dem Thema der postkolonialen europäischen Identität. Dafür setzt die Künstlerin unterschiedliche Medien und Formate ein: digitale Bilder, Text und Live Performance.

Im Zentrum steht als Handlungsträgerin die Figur der Escrava Anastácia, der Sklavin Anastasia. Diese historische, und vielfach mythologisierte Figur ist in Lateinamerika ungemein populär und vor allem im afro-brasilianischen Kontext eine Projektionsfläche für vielfältige Agenden. Das Spektrum reicht von religiöser Heiligenverehrung bis hin zu politischer Idolisierung durch die Schwarzen-Bewegung.

Der Legende nach eine blauäugige Bantu, wurde Anastácia als Sklavin nach Brasilien verschleppt und von ihren Besitzern mit einem eisernen Knebel zum lebenslangen Schweigen gebracht. Der Metall-Knebel repräsentiert sehr viele sadistische Aspekte des Kolonialismus, innerhalb dessen Gewalt durch das machtvolle Begehren des Weißen (Mannes) über den sexualisierten und entsubjektivierten Schwarzen Körper legitimiert wird.

Marissa Lôbo versucht in ihrem Projekt eine neue Genealogie herzustellen zwischen der offiziell kaum vorhandenen Historie eines Schwarzen Widerstands und seiner gegenwärtigen Artikulationsformen durch antirassistische AktivistInnen.

Die Juryentscheidung

Die Fachjury setzte sich aus Expertinnen aus dem Bereich „Neue Medien – Kunst“ zusammen. Univ-Prof.in Dr.in Marina Grzinic, Professorin an de Akademie für bildende Künste Wien und Videokünstlerin, Dir.in Stella Rollig, Direktorin des Lentos Kunstmuseum Linz, und Univ.-Prof.in Brigitte Vasicek, Professorin an der Kunstuniversität Linz, Studienrichtung Zeitbasierte und Interaktive Medien, haben die Einreichungen bewertet.

In Bezug auf die technische Realisierung konnte aus einem breiten Spektrum gewählt werden. Arbeiten aus den Bereichen digitale Fotografie, Digital Video, Computeranimation, generative Graphik, digitale Musik, interaktive Installationen, Netz- und Web 2.0-Projekte, Medienperformances, Medienarchitektur und vieles mehr konnten eingereicht werden und waren vielfältig unter den Einsendungen vertreten. Obwohl die spezifische Nutzung digitaler Medien von der Jury mitbewertet wurde, war vor allem die Inhaltlichkeit der Projekte für die engere Auswahl maßgeblich.

Das Projekt „Was spricht Anastácia?“ fokussiert auf die Thematik weiblicher Migration vor dem Hintergrund der postkolonialen Geschichte Europas. Hier haben sowohl die sozialen und politischen Inhalte sowie die künstlerische Umsetzung die Jury überzeugt.

„Angesichts einer Vielzahl hoch qualitativer Arbeiten haben wir uns entschlossen, die Auszeichnung ganz bewusst als gesellschaftspolitisches Statement zu vergeben“, so Juryvorsitzende Dir.in Stella Rollig.

Marianne-von-Willemer-Preis


Um Netzkünstlerinnen zu fördern, vergibt das Linzer Frauenbüro in Zusammenarbeit mit Ars Electronica und Unterstützung des ORF Oberösterreich den mit 3 600 Euro dotierten Preis für digitale Medien.

„Der Preis für digitale Medien ist eine direkte Förderung von Künstlerinnen und soll Frauen die digitale Medien als künstlerisches Werkzeug und Ausdrucksmittel nutzen, auszeichnen“, so die Linzer Frauenstadträtin Mag.a Eva Schobesberger. Die städtische Auszeichnung ist eine direkte Würdigung und Förderung des Schaffens von Netzkünstlerinnen. Gleichzeitig will der Willemer-Preis auch Frauen, die sich mit digitaler Medienkunst auseinandersetzen, vor den Vorhang holen. Mit der Preisverleihung wird außerdem für Netzkünstlerinnen eine Plattform geschaffen, ihr Können öffentlich zu präsentieren.

Die Namensgeberin des Preises, Marianne von Willemer wurde 1748 in Linz geboren. Durch ihren Ehemann lernte die literarisch begabte Frau Johann Wolfgang von Goethe kennen und um 1815 kamen sich die beiden sehr nahe.1919 erscheint Goethes „Westöstlicher Diwan“ und erst neun Jahre nach Mariannes Tod erfährt die Nachwelt, dass mehrere der schönsten Gedichte daraus eigentlich aus ihrer Feder stammten. Die Leistungen der Autorin blieben im Schatten und wurden von der Fachwelt kaum bis gar nicht beachtet.