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Eröffnung | 20.01.2011, 19.00 h
Ausstellungsdauer | 21.01.2011 - 27.02.2011
Venue | Akademie der bildenden Künste Wien, Hauptgebäude, Schillerplatz 3, 1010 Wien, xhibit

Öffnungszeiten: Di – So 10.00 – 18.00 Uhr, Eintritt frei!

Sonderöffnungszeiten im Rahmen des Rundgangs 2011 am 21. und 22.01.2011, 10.00-20.00 h

  Gülsün Karamustafa: The monument and the child, Entwurf für einen Wandteppich in zwei Teilen, je 245 x 200 cm, 2010  

Pressegespräch: Mi, 19.01.2011, 10.00 h
Eröffnung: Do, 20.01.2011, 19.00 h
Begrüßung und Einleitung: Andreas Spiegl, Vizerektor für Lehre und Forschung an der Akademie für bildenden Künste Wien, H.E. Simon Smith, britischer Botschafter, David Codling, Projektleiter "My City"
Die Künstlerin ist anwesend.

Ausstellung im Rahmen des Projektes My City des British Council in Kooperation mit Anadolu Kültür, Platform Garantie Contemporary Art und weiteren Partnern aus der Türkei und Europa, finanziert mit Unterstützung der Europäischen Union (EU-Turkey Civil Society Dialogue: Cultural Bridges)

Im Rahmen des My City-Projektes sind etablierte Künstler_innen aus Europa beauftragt worden, in den Städten Çanakkale, Istanbul, Konya, Mardin und Trabzon Kunstwerke im öffentlichen Raum zu schaffen. Gleichzeitig nahmen türkische Künstler_innen an führenden Residenzprogrammen in Berlin, Dortmund, Helsinki, London, Warschau und Wien teil. Die Akademie der bildenden Künste Wien wurde vom British Council als Kooperationspartnerin gewählt und hat sich aus den Bewerber_nnen für die in Istanbul lebende Künstlerin Gülsün Karamustafa als Artist-in-residence entschieden.

In ihrer abschließenden Ausstellung stützt sich Karamustafa, um den historischen Bezügen zwischen Wien und der Türkei nachzugehen, auf eine autobiografische Notiz: zwei Fotos, die ihr Vater gemacht hat, zeigen Gülsün Karamustafa als Kind vor einer monumentalen Skulptur in Ankara, die auf eine Platzgestaltung von Clemens Holzmeister zurückgeht und Anton Hanak als Bildhauer aufweist. Holzmeister und Hanak waren beide Professoren an der Akademie in Wien und unterstreichen mit ihren Arbeiten in der Türkei die engen politischen und kulturellen Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Karamustafa, die nun an der Akademie diese Konstellation aus autobiografischen, politischen, kulturellen und künstlerischen Spuren aufgreift, entwickelt räumlich wie thematisch ein Narrativ, das den Dialogen zwischen den Ländern, den Städten, den Repräsentationen von privaten und öffentlichen Sphären nachspürt. Ohne vorgreifen zu wollen, so erzählt der Subtext ihres Projekts von einer Figur der Verbindung und Verbundenheit all dieser Sphären, die - und das ist der politische Kontext dieser Arbeit - darauf basiert, dass man sich von der Vorstellung einer Trennung dieser kulturellen und politischen Terrains und Territorien trennen muss.

Wenn man bei Gülsün Karamustafa, geboren 1946, feststellt, dass sie in Istanbul lebt und arbeitet, dann ist damit mehr gemeint als eine geografische Notiz. Ihr Leben in Istanbul hat ihr ermöglicht, Zeugin der verschiedenen politischen, kulturellen und sozialen Verschiebungen zu werden, die die Stadt seit den 1950er-Jahren zu verzeichnen hat. Damit ist nicht nur ein Anwachsen der Großstadt zur einzigen Megapole Europas mit mehr als 15 Millionen Menschen verknüpft, sondern auch alle damit verbundenen Phänomene von der Suburbanisierung und Migration bis zu den Effekten ökonomischer Konflikte. Gleichermaßen zählt dazu die Verwandlung der Spuren des einstigen Konstantinopel als Schnittpunkt verschiedener Religionen und Kulturen in ein Istanbul im Kontext einer Modernisierung der Türkei unter Atatürk. Erinnert man dann noch an die politischen und ideologischen Kämpfe, die sich zwischen demokratischen Prozessen, Militär, Regierung, Minderheiten und fundamenta-listischen Bewegungen zugetragen haben, dann wird der Ort, an dem Gülsün Karamustafa lebt und arbeitet, zur hochkomplexen Herausforderung für eine künstlerische Praxis, die sich sozialer, politischer und kultureller Prozesse annimmt. Dieses Engagement hat bei ihr auch dazu geführt, mit dem Staatsapparat dermaßen in Konflikt zu geraten, dass ihr von den 1970er- Jahren bis Mitte der 1980er-Jahre der Pass und damit jede Reisemöglichkeit entzogen wurden.

Mehr oder weniger dazu verurteilt, das Land nicht verlassen zu können, richtete Karamustafa ihr Auge auf die Effekte und Phänomene dieser Verschiebungen im Spiegel der Istanbuler Alltagskultur: auf die Folgen und Formen der Migration, auf die Rolle der Frauen und ihre Formen emanzipativer und widerständiger Praktiken, auf den Umgang mit einem konfliktträchtigen kulturellen Erbe und so fort. All diese Themen durchziehen die Arbeiten von Karamustafa. Ihre Methoden bedienen sich damit selbstredend der Recherche und Interviews genauso wie des Versuchs, einmal die Details symptomatisch herauszuschälen und sie ein andermal im Sinne der Kohärenz verschiedener Probleme miteinander zu verknüpfen. Konsequent skizziert sie damit eine künstlerische Praxis, die man in Bezug auf die Frage nach dem Medium nur panoramatisch beantworten kann: Sie reicht von der Fotografie und Installation bis zum Video und Film. So different die formalen Ausprägungen ihrer Arbeiten sein mögen, so gemeinsam ist ihnen die Verknüpfung von dokumentarischen mit fiktiven und nicht selten ironischen Perspektiven. In dieser Kombination aus dokumentarischen und fiktiven Perspektiven steckt eine interventionistische Figur - ein Insistieren auf die Möglichkeit, sich in das Beobachtbare und Feststellbare auch einmischen zu können.
(Text: Andreas Spiegl)

Gülsün Karamustafa

geboren 1946 in Ankara/Türkei, studierte an der Staatlichen Kunstakademie in Istanbul. Gülsün Karamustafa analysiert in ihren installativen und filmischen Arbeiten historische und soziale
Zusammenhänge. Sie thematisiert Migration, die Rolle der Frau in der türkischen Gesellschaft, gesellschaftspolitische Entwicklungen und Phänomene und stellt die Frage nach Identität als Folge ideologischer und psychologischer Prozesse. Sie war 1987, 1992, 1995 Teilnehmerin an der 2., 3. und 4. Istanbul Biennale, 2000 an der 3. Kwangju Biennale, 2003 an der 8. Havanna und 3. Cetinje Biennale, 2004 an der 1. Sevilla Biennale und 2008 an der 2. Guangshou Triennale und der 11. Kairo Biennale. Jüngste Einzelausstellungen: 2008 Kunstmuseum/Bonn, Salzburger Kunstverein/Salzburg, 2011 ifa-Galerie Suttgart.