Eröffnung | 04.11.2010, 7.00 p.m.
Ausstellungsdauer | 05.11.2010 - 05.12.2010
Venue | Akademie der bildenden Künste Wien, xhibit, Schillerplatz 3, 1010 Wien

Öffnungszeiten: Di – So 10.00 – 18.00 Uhr, Eintritt frei!
Künstler_innen: Hurvin Anderson, Yto Barrada, Vicens Casassas, Ghazel, Anna Jermolaewa, Nada Prlja, Zineb Sedira, Deniz Sözen
Kurator: Christian Kravagna

Living Across | Spaces of Migration Deniz Sözen, Home Stories, Public Diary Project, Video, 2008

In welchen Räumen lässt sich Migration verorten und welche Räume werden durch sie mitproduziert? Die Ausstellung nähert sich über ein Spektrum von Bildtypen - von traumartigen Sequenzen bis zur Re-Inszenierung früherer Erfahrungen - einer Typologie von Räumen der Migration. In den Fokus geraten dabei Grenz- und Transiträume, kulturelle und politische Kontaktzonen, die mentalen und medialen Räume der Erinnerung und Erwartung sowie transnationale soziale Räume der Migration.

kravagna2Yto Barrada, Man with painting - Tetouan, 1999 Photo © MUMOK, Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien

Das spezifische Potential künstlerischer Äußerungen liegt vor allem in der Differenzierung, Vervielfältigung und Verkomplizierung von Bildern der Migration, die in den Darstellungen der vorherrschenden politischen und medialen Diskurse einer extremen Verengung unterliegen. Living Across setzt künstlerische Arbeiten zueinander in Beziehung, die weniger einem direkten Zugriff auf die "Wirklichkeit" oder der ästhetischen Illustration politischer Standpunkte verpflichtet sind, als dass sie sich mit assoziativen, performativen und poetischen Mitteln an die Visualisierung von unterbelichteten Zonen migrantischer Räume herantasten. Ihre "Mikropolitiken" der Repräsentation verstehen das Subjektive nicht als Marginalie des Politischen. Sie adressieren das Spannungsverhältnis zwischen den darstellerischen Möglichkeiten und ihren Gegenständen - jenen Räumen der Migration, aus denen sie selbst ihre künstlerische Energie beziehen. Die Ausstellung thematisiert also nicht nur Spaces of Migration, sondern handelt gleichermaßen von den Potenzialen und Limits visueller und narrativer Verfahren, diese "angemessen" zu erfassen.

Anderson Hurvin Anderson, Cobalt Blue and White 1, Acryl auf Papier, 2007

Vicens Casassas porträtiert in Barça ou Barzakh den von individueller Hoffnung und sozialem Druck geprägten mentalen Raum der Migration vor der Migration. Am Beispiel des Senegal veranschaulicht er kontroverse mediale Debatten zum Phänomen der Auswanderung in Westafrika. Die Fotoserie A Life Full of Holes von Yto Barrada zeigt eine ganze Stadt (Tanger) als Transitraum, in dem sich das Leben immer auch zu einem Teil auf der europäischen Seite der Grenze abspielt, und sei es auch nur in der Vorstellung. Zineb Sediras Sequenzen einer Schiffspassage zwischen Algier und Marseilles in ihrem Video MiddleSea handeln vom Mittelmeer als Raum der Trennung und der Verbindung, visualisieren aber auch die Gefühlsstruktur der Migration als unabschließbaren Prozess, der sich nicht mit Ortsbegriffen wie Herkunftsland und Zielland erfassen lässt. Ghazel übersetzt mit HOME (stories) eine frühere Performance mit AsylwerberInnen und "illegalen" MigrantInnen, welche durch Darstellungsmittel wie Zeichnung, Erzählung und Pose jeweils eine Vorstellung von Heimat bzw. Zuhause entwerfen und sich dabei auf Erinnerungen, eine imaginierte Zukunft oder auf das prekäre Stadium in den Transitzonen von Flüchtlingslagern beziehen, in einen Film über Techniken der Verortung und Taktiken des Überlebens im Warteraum vor dem echten Leben. Nada Prlja fördert aus den Tiefen der "Volksseele" Bilder der Angst und des sexuellen Begehrens des Anderen zu Tage. Sie lässt diese Folklore der Xenophobie auf folkloristische Selbstdarstellungen von MigrantInnen prallen und konfrontiert diese mit Video-Reflexionen über ein österreichisches Bundesland durch einen tschetschenischen Flüchtling.
Deniz Sözen bringt in filmischen Minidramen die Absurditäten alltäglicher Begegnungen an öffentlichen Orten samt ihren sprachlichen Missverständnissen bzw. kulturellen Fehldeutungen und Identitätszuschreibungen zur komischen Wiederaufführung.
Anna Jermolaewa re-inszeniert auf dem Wiener Westbahnhof die körperliche Erfahrung der Dislozierung nach ihrer Flucht aus der Sowjetunion vor vielen Jahren und verknüpft sie mit Überlegungen zur ökonomischen Kolonisierung des öffentlichen Raums.
Hurvin Anderson rekonstruiert mit den Mitteln der Malerei die ersten Geschäfts- und Sozialräume jamaikanischer Einwanderer im England der Nachkriegszeit und malt dabei mehr das Problem der Vergegenwärtigung von historischen Erscheinungen der Selbstorganisation von Communities als die konkreten Orte selbst.

StillsZineb Sedira, MiddleSea, Video, 2008

Christian Kravagna ist Kunsthistoriker, Kritiker und Kurator.
Professor für Postcolonial Studies am Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften der Akademie der bildenden Künste Wien. Herausgeber der Bücher "Privileg Blick: Kritik der visuellen Kultur", Berlin 1997; "Agenda: Perspektiven kritischer Kunst", Wien/Bozen 2000 und "Das Museum als Arena: Institutionskritische Texte von KünstlerInnen", Köln 2001. Kurator der Ausstellungen "Routes: Imaging travel and migration", Grazer Kunstverein 2002; "Migration: Globalisation of Cultural Space and Time", Max Mueller Bhavan, New Delhi 2003 (mit Amit Mukhopadhyay); "Planetary Consciousness", Kunstraum der Leuphana Universität Lüneburg 2008. Aufsätze und Kritiken u.a. für Artforum, Camera Austria, Kunstforum International, springerin, Texte zur Kunst, Third Text.

FruitmarketNada Prlja, Wild and Cultivated Fruits Market (Detail), 2010

Hurvin Anderson
geb. 1965 in Birmingham, UK, lebt in London. Er studierte an der Wimbledon School of Art und am Royal College of Art in London. Letzte Einzelausstellungen: Art Now: Hurvin Anderson, Tate Britain, London (2009); Hurvin Anderson: Peter's Series 2007-09, Studio Museum, Harlem (2009); Anthony Meier Fine Art, San Francisco (2008); Thomas Dane Gallery, London (2008).

Yto Barrada
geb. 1971 in Paris, lebt in Tanger, Marokko, und Paris. Sie studierte Politikwissenschaften an der Sorbonne in Paris und Fotografie am International Centre of Photography, New York. Sie ist künstlerische Leiterin und Mitbegründerin der Cinematheque de Tanger. Ihre Arbeiten waren zuletzt u. a. auf bei der Biennale São Paulo 2010 und der Biennale Venedig 2007 zu sehen, in einer Einzelausstellung der Göteborgs Konsthall (2009) sowie in den Ausstellungen Uneven Geographies: Art and Globalization, Nottingham Contemporary (2010), Die Zukunft der Tradition - die Tradition der Zukunft, Haus der Kunst, München (2010).

Vicens Casassas
geb. 1966 in Barcelona, lebt in Barcelona. Von 2006 bis 2010 arbeitete er im Senegal an Kultur- und Sozialprojekten. Er studierte bildende Kunst an der Universität von Barcelona und erhielt dort den Master in Creation in the Digital Era. Ausstellungen: Art en Route, Guédiawaye, Senegal (2009); Barça ou Barzakh, L’Aparador, la Seu d’Urgell, Lleida, Spanien (2008); Chinese Fantasy, Yongkang Lu Art (mit MIOP group) Shanghai (2010); Guantanamo, Centre d’Art Santa Monica (mit MIOP group), Barcelona (2009).

Ghazel
geb. 1966 in Teheran, lebt in Teheran und Paris. Sie studierte an der Ecole des Beaux-Arts in Nîmes und erhielt einen BA in Cinematographic Studies der Université Paul Valery, Montpellier. Einzelausstellungen: Me 2000-2003 & Me 2003-2008, Théâtre de la Cité Internationale, Paris (2010); Me 2000-2003, La Maison Rouge, Paris (2009); ME & All The Others, MAC: Museo de Arte Contemporáneo, Santiago de Chile (2007).

Anna Jermolaewa
geb. 1970 in St. Petersburg, lebt seit 1989 in Österreich. Sie studierte Kunstgeschichte an der Universität Wien und Malerei und Grafik an der Akademie der bildenden Künste Wien. Seit 2005 Professorin für Medienkunst an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Letzte Einzelausstellungen: Anna Jermolaewa, KREMLIN, EDS GALERIA México D.F. (2010); RATS, XL-Gallery, Moskau (2009); Engholm Engelhorn Galerie (2009); Kunstverein Friedrichshafen (2009).

Nada Prlja
geb. 1971 in Sarajewo, zog 1982 nach Skopje, lebt seit 1999 in London. Sie studierte an der National School of Fine Arts und der Academy of Fine Arts in Skopje und erhielt einen MPhil Abschluss des Royal College of Arts in London. Letzte Ausstellungen: Manifesta 8 (Beteiligung), Murcia, Spanien (2010); Wild and cultivated fruits market, Kunstraum Lakeside, Klagenfurt (2010); Kortil Gallery, Rijeka (2010); Should I stay or should I go? Museum of Contemporary Art, Skopje (2008).

Zineb Sedira
geb. 1963 in Paris, lebt seit 1986 in London. Sie studierte an der Central Saint Martins School of Art, an der Slade School of Art sowie am Royal College of Art in London. Letzte Einzelausstellungen: Under the Sky and Over the Sea, BildMuseets, Umeå University, Schweden und Kunsthallen Nikolaj, Kopenhagen (2010); MiddleSea, Prefix Institute of Contemporary Art, Toronto (2010); Zineb Sedira, Musée National Pablo Picasso, La Guerre et la Paix, Vallauris, Frankreich (2010).

Deniz Sözen
geb. 1981 in Wien, lebt zwischen Wien, London und Istanbul. Sie studierte an der Universität für angewandte Kunst in Wien und erhielt einen Master of Fine Arts des Goldsmiths College in London. Ausstellungen und Präsentationen: be longing, solo show feat. Suzan Dennis,Visual Arts Platform, ACF, London (2010); Plattform Junge Kunst, Galerie Bäckerstrasse 4, Wien (2009); groupe/grope, group show, Area 10, Peckham, London (2009). Diagonale, Festival des österreichischen Films, Graz (2008 und 2006).

Viel Glück!
Migration Heute
Wien, Belgrad, Zagreb, Istanbul


Viele tausende Male wünschen Menschen ihren Verwandten und Bekannten "Viel Glück!", wenn sie in ein anderes Land, in eine unbekannte Zukunft aufbrechen. Migration gelingt in Zeiten strenger Grenzsicherungen und verschärfter Migrations- und Asylgesetze in der Tat nur mit viel Glück.

Wien, Belgrad, Zagreb, Istanbul sind die Ausgangs-Städte für ein Projekt, das von der Initiative Minderheiten in Kooperation mit der Erste Stiftung, der Akademie der bildenden Künste Wien, der Wienbibliothek im Rathaus und der zeitschrift juridikum initiiert wurde und sich die Frage stellt, wie es im zentral- und südosteuropäischen Raum nach der Gastarbajteri-Zeit in Bezug auf Migration weitergegangen ist. Historisch verbunden durch die staatliche Anwerbepolitik Österreichs in den 1960er Jahren, haben diese Länder vor allem in den vergangenen 20 Jahren neue Migrationsbewegungen erfahren.

HS_photoGhazel, Home (stories), Video, 2008

Das Projekt umfasst die Kunstausstellung Living Across. Spaces of Migration (05.11.2010-05.12.2010, xhibit, Akademie der bildenden Künste Wien), die dokumentarische Ausstellung Grenzpegel. Kreativität und Kontroversen migrantischer Musikszenen (12.11.2010-14.01.2011 in der Wienbibliothek im Rathaus) und das Buch Viel Glück! Migration Heute. Wien, Belgrad, Zagreb,
Istanbul
(erschienen im Mandelbaum Verlag Wien).