Eröffnung | 06.03.2014, 7.00 p.m.
Ausstellungsdauer | 07.03.2014 - 18.05.2014
Venue | Akademie der bildenden Künste Wien, xhibit, Schillerplatz 3, 1010 Wien

Öffnungszeiten: Di–So / 10.00–18.00 h / Eintritt frei
geöffnet 21.04.2014 (Ostermontag) sowie 01.05.2014 (Staatsfeiertag) / 10.00–18.00 h

Künstler_innen: Alice Creischer & Andreas Siekmann / Maruša Sagadin / Ina Wudtke / Herman Asselberghs & Dieter Lesage

Das Neueste Weltgerichtstriptychon Herman Asselberghs, After Empire, 2012 (Video Still)

Courtesy of the artist & Auguste Orts, Brüssel

Eröffnung: Donnerstag, 06.03.2014, 19.00 h
Begrüßung: Eva Blimlinger, Rektorin der Akademie der bildenden Künste Wien
Das Weltgerichtstriptychon von Hieronymus Bosch:
Martina Fleischer, Direktorin a. i. der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien
Einführung zum neuesten Weltgerichtstriptychon: Dieter Lesage, Kurator

Das Weltgerichtstriptychon von Hieronymus Bosch ist eines der bekanntesten Werke der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien. Es wurde um 1500 gemalt, in einer Zeit des radikalen Umbruches, wo die alten feudalen Strukturen erschüttert wurden und die moderne Welt und ihr kapitalistisches System entstanden. Die Künstler_innen Alice Creischer & Andreas Siekmann, Maruša Sagadin und Ina Wudtke interpretieren das Triptychon für die Gegenwart noch einmal neu und stellen die drei Tafeln in je einem Raum von xhibit dreidimensional dar. Die beiden Außentafeln in Grisaille werden von Herman Asselberghs und Dieter Lesage in zwei Zwischenräumen präsentiert.

Im Neuesten Weltgerichtstriptychon stehen die Stadt und die Welt erneut vor Gericht. Anders als bei Bosch wird die Topografie des Neuesten Weltgerichtstriptychons eine radikal säkulare sein. Die räumlichen Koordinaten der zeitgenössischen Kosmopolit_innen, die durch die Auseinandersetzung mit dem Neuesten Weltgerichtstriptychon zu Sinnen kommen sollen, sind nicht länger die Schöpfung, der Himmel und die Hölle, sondern die Stadt, der Staat und das "Empire" gemäß Negri/Hardt. Das Neueste Weltgerichtstriptychon wird unterschiedliche Formen der Sanierung in Stadt, Staat und "Empire" vorstellen und hinterfragen. Dabei wird die These untersucht, ob ökologische und/oder wirtschaftliche Sanierungen nicht oft nur ein Vorwand sind, um unbequeme Individuen und Gruppen vertreiben zu können. Ist denn die Vertreibung das Schicksal der "Multitude"?

Antigentrifizierungsgegner_innen besetzen Häuser, die Occupy-Bewegung besetzt Plätze und Parks, aber das letzte Bild, das uns bleibt, ist das Bild ihrer Vertreibung. Muss es so sein? Worauf dürfen wir hoffen? Wie könnte eine gerechtere Welt entstehen, wenn wir den Glauben an einen Tag des Jüngsten Gerichts verloren haben? Welchen Tag, welche Tage wollen wir als Tage der Gerechtigkeit feiern, auch wenn wir nicht länger an ultimative Gerechtigkeit glauben?

Creischer_Siekmann.jpg Andreas Siekmann & Alice Creischer, Auf einmal und gleichzeitig, 2007, Courtesy of the artists

Die Stadt, die in der Immobilienwerbung heute gerne als säkulares Paradies dargestellt wird - der Ort, wohin die Wohlhabenden unbedingt ziehen sollen und wollen -, ist auch der Ort, von dem die Zuwenighabenden vertrieben werden. Die Vertreibung aus dem metropolitanen Paradies, genannt Gentrifizierung, ist das Thema der (linken) 'Flügelinnenseite' des Neuesten Weltgerichtstriptychons von Ina Wudtke. Ihre Installation erzählt auf vielschichtige Weise die Geschichte eines langjährigen juristischen Kampfes um den Erhalt einer Mietwohnung in Berlin. In ihrem neuen Video Der 360.000-Euro-Blick kombiniert Ina Wudtke den Blick auf Berlins Wahrzeichen, den Fernsehturm, mit einer Ich-Erzählung aus dem Off, in der Beobachtungen zu ökonomischen Strukturen und individuellen Lebensbedingungen, künstlerischer Produktion mit zeitgenössischer Politik und Stadtplanung ineinander fließen.

Die (rechte) >Flügelinnenseite< von Maruša Sagadin ist in Wien angesiedelt. Mit ihrer neuen Installation Meet The Residents bezieht sich Maruša Sagadin auf spezifische Fragmente der rechten Flügelinnenseite des Weltgerichtstriptychons von Bosch, zugleich schaut sie auch auf die Stadt und die Vielfalt ihrer Bewohner_innen. Ihre räumliche Inszenierung als eigenartiges Kabarett dürfte eine lockere Reminiszenz an das Wiener Kabarett Die Hölle (1906–1937) sein, exemplarisch für eine (auch buchstäbliche) 'Untergrund'-Gegenkultur der Wiener Hoch- und Hofkultur. Jedoch wird das Selbstermächtigungsprojekt einer Gegenkultur hier abstrakter gedacht. Wenn Macht als Größe definiert werden kann und Selbstmitleid keine Option für Widerstand ist, dann könnte eine Strategie der Gegenmacht darin bestehen, sich selbst auch groß zu inszenieren. Vielleicht war es auch genau das, was die Underground-Band The Residents machte, als sie sich 1974 auf dem Cover ihres Albums gleich als alternative Beatles inszenierte.

Die zentrale Tafel des Neuesten Weltgerichtstriptychons wird von Alice Creischer und Andreas Siekmann gestaltet. Das Video Auf einmal und gleichzeitig. Eine Machbarkeitsstudie. Musikalische Szenen zur Negation von Arbeit, dokumentiert eine Performance, die Creischer und Siekmann in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Christian von Borries 2007 auf der documenta 12 in einem Kasseler Einkaufszentrum neben dem Fridericianum gaben. In den fünf musikalischen Szenen wird die Warenwelt entzaubert, indem die Waren wieder in den Kontext ihrer Entstehung und den damit verbundenen unmenschlichen Arbeitsbedingungen auf dem globalen Arbeitsmarkt gesetzt werden.

Stellvertretend für die beiden 'Flügelaußenseiten in Grisaille' des Neuesten Weltgerichtstriptychons stehen zwei Arbeiten des belgischen Videokünstlers Herman Asselberghs. Sein Video Dear Steve versteht sich als offener Brief des Künstlers an Steve Jobs, in welchem er ihn nach den Produktionsbedingungen einer der beliebtesten Arbeitsinstrumente vieler Kunstproduzent_innen, des Laptops MacBook Pro, fragt. Für ein zweites Video, After Empire, schrieb Asselberghs zusammen mit dem belgischen Philosophen Dieter Lesage, der die Ausstellung kuratierte, das Drehbuch nach dem Buch Empire von Antonio Negri und Michael Hardt. After Empire hat im Rahmen der Ausstellung seine österreichische Premiere. Der 15. Februar 2003, so die These von After Empire, war ein Tag der Gerechtigkeit: der Tag, an dem Millionen von Menschen in hunderten Städten auf der ganzen Welt gegen den Krieg im Irak demonstriert haben. Zwar werden diese Bilder oft von anderen Bildern verdrängt, die Kunst aber unternimmt den Versuch, unbequeme Bilder in der Erinnerung wach zu halten: 2/15 statt 9/11. (Dieter Lesage)

Handapparat zur Ausstellung
Publikationen von Herman Asselberghs, BAVO (ed.), Yves Christe, Alice Creischer, Jacques Derrida, Michael Hardt & Antonio Negri, David Harvey, Dieter Lesage, Andreas Siekmann, Renate Trnek, Immanuel Wallerstein und Ina Wudtke
Universitätsbibliothek der Akademie der bildenden Künste Wien
Lesesaal, Mezzanin
Öffnungszeiten: 07.03.–18.05. 2014, Mo–Do 9.30–18.00 h,
Fr 9.30–17.00 h, geschlossen: 18.–22.04.2014, 01.–02.05.2014

Programm zur Ausstellung