Tereza Kotyk

Adéle Cartes-de-Visite

Ausgehend von einer performativen Umsetzung eines 'Salon Adèle' und einer Verschränkung der 1860er Jahre mit der Gegenwart wird die künstlerische Produktion von Cartes-de-Visite der Hoffotografin Adéle Perlmutter - Perlmutter war von 1862-1905  eine der bekanntesten PorträtistInnen des damaligen Wien und hat fotografische Visitenkarten (= Cartes-de-Visite) von der Aristokratie, den Schauspielerinnen und Tänzerinnen,  aber auch von der österreichischen Gesellschaft und der 'idealen' Frau künstlerisch umgesetzt - sowie Perlmutters Rezeption und Rolle in einem künstlerischen Drehbuch und filmischen Porträt aufgearbeitet.

CartesCartes-de-Visite

Angelehnt an die frühen Fotoateliers wird ein Bühnenbild und Studio entworfen, in dem es möglich sein wird, visuelle Visitenkarten in Interaktion mit dem Publikum machen zu lassen, d.h. das Publikum kann verschiedenste Rollen einnehmen und sich in diesen fotografieren  lassen. Das Labor wird in ein Ausstellungskonzept zum Thema "Identität und Porträt" eingebunden. Dieses Thema hat - durch die rigiden Bestimmungen für Passfotos, Daumenabdrücke oder Iris-Scan - an Aktualität gewonnen und schlägt sich auf die Handhabung von Individualität in der Fotografie nieder. Die Ausstellung selbst sowie die Produktion von Cartes-de-Visite knüpfen nicht nur an den historischen Ausgangspunkt an, sondern sollen auch den damaligen Markennahmen "ADÈLE" wieder in Umlauf bringen. Geplant ist, den 'Salon Adèle' in verschiedenen Städten, die mit der Geschichte der Cartes-de-Visite verbunden sind, wie Wien, Prag, Berlin/Leipzig, Paris, London, zu performen.

'Salon Adèle' stellt die These auf,  dass diese Form des frühen fotografischen Porträts vorwiegend von Frauen genutzt wurde, um aus einer privaten Sphäre in die Gesellschaft zu treten und in der 'Öffentlichkeit' sichtbar zu werden, denn diese Visitenkarten wurden in der Gesellschaft getauscht, verschickt, verschenkt, hinterlassen oder in Alben geklebt. Cartes-de-Visite wurden gewissermaßen als fotografischer Identitätsbeleg weiblicher Existenz verteilt und sind weltweit zu finden.

Als in den 1860er und 1870er Jahren der Hype für die Cartes-de-Visite erfolgte, begann sich aufgrund der ersten emanzipatorischen Bewegungen auch das Bild der perfekten viktorianischen Dame zu verändern: Millionen dieser Karten wurden jährlich produziert und kostengünstig angeboten. Dies war nicht nur ein Schritt in die Demokratisierung des Mediums und in eine Entwicklung, in der die Fotografie als Produkt der Masse seinen Stellenwert erhielt und den unteren Gesellschaftsschichten die Möglichkeit bot sichtbar zu werden - die Mittelschicht konnte nun gewissermaßen in die Rolle der besseren Gesellschaft schlüpfen -  sondern es war auch die Zeit der ersten öffentlichen Versammlung der Suffragetten 1868 in Manchester. In gewisser Weise nahmen diese parallelen Entwicklungen - sowohl auf künstlerischer als auch auf politischer Ebene - die Entdeckung des 'Home-Video', 1969, vorweg, als Künstlerinnen die Möglichkeit dieses Mediums nutzten und die Videokamera auf sich selbst richteten, um mit Performances, Aktionen und Body Art auf sich aufmerksam zu machen und in die Öffentlichkeit zu treten.

Tereza Kotyk

Studium der Kunstgeschichte, Medienwissenschaften, Gender Studies an den Universitäten Wien, Innsbruck und Dijon (F). Vorlesungen an der Universität für Angewandte Kunst und Akademie der Bildenden Künste, Wien. Schauspielunterricht in Manchester, London, Wien und Innsbruck. Kotyk hat als Kuratorin für die Galerie im Taxispalais, Innsbruck, Achtung Kunst, Schwaz und Cornerhouse, Manchester gearbeitet.Lebt und arbeitet als Kulturproduzentin, Autorin und Künstlerin mit Schwerpunkt auf Fotografie, Diainstallationen und Film in Innsbruck und Wien. Ihr Büro The Soap Room ist ein offspace: www.thesoaproom.com

Tereza Kotyk entwickelt derzeit Drehbücher für Home is Here (ausgewählt durch Diverse Geschichten / Witcraft Szenario, Wien; Babylon, London) und für Stille Tränen / Alices Welt, in Zusammenarbeit mit Wildruf Medienkollektiv, Volders, Österreich. Darüberhinaus ist soeben ihre Ausstellung Personal Tempest für UH Galleries Hatfield und Museum von St. Albans, UK, zu Ende gegangen, die mit einer Performance von FROST, in einer Bearbeitung von Sabine Mitterecker und mit Andreas Patton in der Hauptrolle in Innsbruck begleitet wurde. Ein erster Salon Adèle (mit der Künstlerin Catherine Bertola) wurde bereits im Mai 2011 im The Soap Room veranstaltet und wird 2012 ebendort fortgeführt.