Akademie der bildenden Künste Wien

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ÖAW | DOC
Hannah Bruckmüller, Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften

Marcel Broodthaers hat mit seinem künstlerischen Werk eine radikale Befragung des Werkbegriffs sowie der Konventionen des Ausstellens angestoßen. Heute gilt er als einer der bedeutendsten Künstler der europäischen Nachkriegsavantgarde, die Kunstgeschichte zählt ihn zu den Gründungsvätern der Institutionskritik. 1964 begründet Broodthaers den Beginn seiner künstlerischen Laufbahn mit der Abwendung von der Dichtkunst: Dieser vielfach zitierte Disziplinenwechsel vollzieht sich jedoch nicht so unvermittelt und abrupt, wie das von Broodthaers kolportiert und von der Forschung vielfach verhandelt wird. Die journalistische Produktion bildet eine bislang kaum beachtete Werkfacette, die Broodthaers' künstlerische Entwicklung begleitet. Diese spezifische Konstellation von Schrift, Bild und Druckwerk, die in das engmaschige Bedingungskorsett eines bestimmten Publikationsmodus eingelassen ist, steht in klarem Bezug zu Broodthaers' Gesamtwerk.

Das Forschungsprojekt verfolgt jene Bezüge und Interessen, die im journalistischen Werk zum Ausdruck kommen. Ziel ist die umfassende Neubewertung der journalistischen Produktion von Broodthaers als integraler Bestandteil seines künstlerischen Schaffens. Dabei stehen motivische Verknüpfungen ebenso im Fokus wie Produktionsbedingungen, Strategien der Formfindung, Referenzsetzungen und Modi des Erzählens. Daher bedarf es zunächst der Entwicklung einer adäquaten begrifflichen Nomenklatur, die disziplinenübergreifende Relationalitäten, Strategien und Mechanismen analytisch zu erfassen vermag. Das Forschungsvorhaben situiert sich folglich auf der Ebene formbildender und konzeptueller Verfahren, die eine Konkretisierung der Bezugnahmen und Strukturanalogien zwischen Broodthaers' Schaffensbereichen verfolgt. Zusammenhänge bislang weitgehend getrennt verhandelter Werkformen sollen auf diese Weise neu gedacht und formuliert werden.

Mit dem journalistischen Werk wird eine Produktionsform untersucht, die bislang aufgrund ihrer praktischen, dienstleistenden Konnotation als Marginale eingestuft wurde. Angesichts des historiographischen Paradigmenwechsels, der sich auch in der Kunstgeschichte abzeichnet, ist das journalistische Werk jedoch als wesentlicher Bestandteil der künstlerischen Position, die Broodthaers vertritt, anzusehen. Die Untersuchung des Materials ist zudem durch die zeitgenössischen Forderungen nach interdisziplinärer Kompatibilität motiviert: Textproduktion wird zunehmend als Teil künstlerischer Praxis aufgefasst und vorausgesetzt. Derartige Bestrebungen und Ansprüche sind bereits im Broodthaers' Gesamtwerk auszumachen. Aufgrund ihrer spezifischen Situierung in seinem Schaffen stellt die journalistische Produktion folglich einen Präzedenzfall hinsichtlich der Fragen nach der Werkform und dem Status des Kunstwerks in der Kunst der Gegenwart dar.


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