Akademie der bildenden Künste Wien

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IKW

Iris Julia Gütler
Dissertationsstipendiatin an der Akademie der bildenden Künste Wien | Abschluss-Stipendium des Doktoratszentrums 2020|21

Abstract

Diese, im Rahmen eines PhD entwickelte Forschungsarbeit, untersucht Tanzperformances, welche das Produkt – die auf der Bühne des Theaters stattfindende Aufführung – in den Hintergrund rückten und den Inszenierungsprozess als spezifische Form der Zusammenarbeit fokussierten. Die daraus resultierenden künstlerischen Praxen lassen sich, unter gewissen Gesichtspunkten, als non-hierarchische Gefüge diskutieren. Da sie jedoch in größere sozial-politische Felder eingebettet sind, unterliegen sie Wissensordnungen und Ungleichheiten: An welchen Punkten der Arbeitskette der Inszenierungsprozesse scheinen jeweils Asymmetrien der Teilhabe durch? Und welche Analyseinstrumente und Methodologien wären für deren Sichtbarmachung erforderlich?

Um diesen Fragen nachzugehen, wurde eine, zwischen Praxis und Theorie vermittelnde, Untersuchungsperspektive gespannt. Zunächst, dem Diskurs der Tanz- und Theaterwissenschaft folgend, wurde die Ontologie des Philosophen Jean-Luc Nancy herangezogen. Nancys Prinzip des Mit-Seins, gleichsam das Herzstück seines philosophischen, die Personalpronomina "ich" und "wir" in Zusammenschau bringenden Denkens, erwies sich geeignet, um den kunstontologischen Status der Projekte in Bezug auf die Denkfigur einer "individuellen Autor_innenschaft" zu diskutieren. Wird jedoch die Frage gestellt, auf welche Weise die Inszenierungsprozesse Formen der Teilnahme und Partizipation ermöglichten, war diese Perspektivierung durch weitere Forschungsrichtungen zu ergänzen. Daher wurden, in einem nächsten Schritt, Verbindungslinien von Nancys Ontologie hin zu praxistheoretischen Ansätzen gezogen.

Zur Erstellung eines Untersuchungsrasters ließen sich im Bereich der Soziologie zahlreiche Methoden ausfindig machen, spannen diese doch Perspektiven, die zwischen "singulärer" Wahrnehmung von Personen und "pluralen" Ebenen gesellschaftlicher Gefüge vermitteln: So resultierte aus einer Zusammenschau von Nancys, Singular und Plural verschmelzender, Denkfigur des Mit-Seins und Forschungsmethoden des Soziologen Pierre Bourdieu die Möglichkeit, die Betrachtung von relationalen Gefügen, welche im Rahmen von Inszenierungsprozessen wirksam sein können, auf unterschiedlich große Radien auszudehnen: Von der Bildung einer einheitlichen Bewegungssprache innerhalb einer fünf bis zehn Personen umfassenden Tanzgruppe des zeitgenössischen Tanz- und Performancefeldes, hin zu politischen Ebenen, die eben auch die Distribuierung von Fördergeldern bestimmen. Auf Basis des von Bourdieu konzipierten Instrumentariums des sozialen Raums ließen sich spezifische Faktoren diskutieren, wie etwa ein soziales und kulturelles Kapital. Dabei wurde evident, dass unterschiedliche, nicht zwingend ökonomische, Kapitalsorten der Mitwirkenden durchaus Fragen der Teilnahme beeinflussen und sich mitunter implizit zu Regulierungen formen. Es wurde sagbar, an welchen Punkten der Arbeitskette die von den Mitwirkenden eingenommene Position im sozialen Raum des Tanz- und Performancebereichs, auf Formen der Teilnahme und Mitsprache rückwirkte.

An diesem Punkt der Argumentationsführung erwies es sich als erforderlich, um einer deterministischen Interpretation entgegenzuwirken, die Ergebnisse meiner Forschung an die Denkfigur des Mit-Seins rückzukoppeln: Auf Basis eines, aus dem Mit-Sein resultierenden, prozessualen Denkens, wurden die Ergebnisse, welche im sozialen Raum aufschienen, als fluide Formationen lesbar, als singulär-plurale Aktualisierungen einer spezifischen Zusammenarbeit.

Unterschiedliche Ebenen der Interaktion, welche aus der Denkfigur eines Mit-Sein resultieren und sich in einem (un)sagbaren Davor bilden, respektive differierende Grade der Teilhabe und Teilnahme an Ideen und Austauschprozessen, konnten somit in eine Sichtbarkeit und Sagbarkeit überführt und für weitere Diskussionen geöffnet werden


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