FWF-Projekt am Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften
von Anna Artaker und Meike S. Gleim

Atlas von Arkadien Foto: Ulrich Dertschei

Was verändert sich, wenn der öffentliche Raum mit der privaten Shoppingmall identisch geworden ist? Was passiert durch Überwachungskameras mit der gleichermaßen gelobten wie verdammten Anonymität der Stadt? Was bedeutet es, wenn Digitalkameras in Mobiltelefonen jeden Augenblick des Lebens dokumentieren und die Bilder sofort im worldwide web veröffentlicht werden können? Wie ändert sich das Zusammenleben, wenn die Dorfbrunnenfunktion realer Orte von social networks übernommen wird?

ATLAS VON ARKADIEN ist ein Projekt, das die sozialen, gesellschaftlichen und ideologischen Auswirkungen der urbanen und technischen Entwicklungen der vergangenen zwanzig Jahre erforscht. Es zeichnet nach, wie sich Funktionen des urbanen Raums zunehmend in die mediale, virtuelle Welt verlagern, die uns in ein neues visuelles Universum taucht. Wie von Vertretern des pictorial (bzw. iconic) turn und den Bildwissenschaften konstatiert werden Bilder für uns konstitutiv.

Dementsprechend konzentriert sich das Forschungsvorhaben auf Bilder, es rekontextualisiert und kommentiert Bilder mithilfe von Bildern. Die Forschungsergebnisse artikulieren sich in erster Linie nicht in Form theoretischer Texte, sondern als Bilderatlas, der sowohl als Ausstellung wie als Publikation präsentiert wird. So erprobt das Projekt in der Praxis, wo die Grenzen und Möglichkeiten einer bildzentrierten wissenschaftlichen Analyse liegen.

ATLAS VON ARKADIEN bezieht sich auf zwei unvollendete, historische Werke des 20. Jahrhunderts: Walter Benjamins "Passagenwerk"1 und Aby Warburgs "Mnemosyne-Atlas"2. Das "Passagenwerk" bildet den Ausgangspunkt und wird in zweifacher Weise übertragen. Einerseits werden für die Motive, die Benjamin in seiner Bestandsaufnahme zum Paris des 19. Jahrhunderts aufgreift jeweils Entsprechungen in globalen Entwicklungen um die Jahrtausendwende gefunden. Andrerseits wird seine Methode der "literarischen Montage" in eine visuelle Montage übersetzt. Anstatt wie Benjamin Zitate zu sammeln und zu montieren, verfährt das Projekt entsprechend mit Bildern.

Warburgs "Mnemosyne-Atlas", der als Kulturgeschichte in Form eines Bilderatlas angelegt war, ist die zweite Referenz für den ATLAS VON ARKADIEN. Oft als "Kunstgeschichte ohne Worte" charakterisiert wird Warburgs Bilderatlas mit Benjamins Einsichten in die Konstruktion von Geschichte im Dienste hegemonialer Ideologien gekreuzt.

ATLAS bezeichnet die Methode einer Analyse ohne Hierarchie, ohne oben und unten, hinten und vorne, die gleichzeitig Vertiefung ermöglicht. In einem Atlas kann man ebensogut ziellos blättern wie sich zielgerichtet in Details vertiefen. Er ist ein Versuch die Welt zu lesen, ohne sie vollständig zu versprachlichen, oder in Benjamins Worten: "zu lesen, was nie geschrieben wurde".

ARKADIEN dient als Chiffre für die Utopie einer besseren, gerechteren Welt. Im Namen von Benjamins Geschichtsphilosophie bedient sich der ATLAS VON ARKADIEN dieser Chiffre um verschüttete Ansätze möglicher alternativer Entwicklungen aufzuspüren. Dafür muss die Vergangenheit neu in Augenschein genommen werden. Anstatt immer gleiche Bilder zu reproduzieren gilt es, den Blick auf die Ränder zu richten, den Ausschuss; und das, was scheinbar obsolet ist, aus der Versenkung hervorzuholen.

11928-40, 1983 wurde das umfangreiche Material zum Passagenwerk in der Benjamin-Werkausgabe von Rolf Tiedemann publiziert.

21924-29, 2000 als Fotodokumentation von Martin Warnke und Claudia Brink herausgegeben.