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IKW
Datum | 03.10.2019 - 05.10.2019
Ort | Akademie der bildenden Künste Wien, Atelierhaus, Lehargasse 8, 1060 Wien, 2. OG Mehrzwecksaal

20. Tagung des VöKK (Verband österreichischer Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker) in Kooperation mit der Akademie der bildenden Künste Wien.

 

Unter dem Titel An der Schwelle. Liminalität in Theorie und kunsthistorischer Praxis fragt die Tagung nach Zwischenräumen und Übergängen sowohl als Thema in der Forschung als auch als Herausforderung in diversen kunsthistorischen Berufsfeldern. Der Begriff der Liminalität ist dabei bewusst breit gefasst, um neben theoretischen Diskursen auch Raum für Beispiele aus der kunsthistorischen Praxis zu öffnen und so den Austausch zwischen den unterschiedlichen Berufsbildern zu intensivieren.

Seit der Prägung des Begriffs der Liminalität durch den Kulturanthropologen Victor Turner in den späten 1960er Jahren wurde dieser in verschiedenen Forschungsfeldern immer wieder diskutiert und adjustiert und scheint gegenwärtig wieder aktueller denn je zu sein. Signifikante Analysen von sich derzeit verändernden politischen und soziokulturellen Konstellationen lesen sich, wenig überraschend, mitunter wie direkte Beschreibungen des Phänomens von Liminalität: Gesellschaftliche Umwälzungen und individuelle Statusänderungen verbinden sich mit Irritationen und Herausforderungen, Gefährdungen oder gar Bedrohungen von individuellen Situationen und sozialer Ordnung. Damit eröffnen sich labile Zwischenräume außerhalb der gewohnten Strukturen, wovon ganze Gesellschaftsgruppen in diversen Kulturen betroffen sind. Inzwischen etablierte sich der Begriff der Liminalität in verschiedenen Ansätzen der Kulturwissenschaften, etwa neben der Anthropologie besonders in den Literatur- und Medienwissenschaften und wurde zum Angelpunkt in diversen propagierten turns, wie z.B. im performative turn, im postcolonial turn und im spatial turn. Für die Kunstwissenschaften sollen an der Tagung sowohl grundlegende Aspekte des Konzeptes von Liminalität, als auch spezifische Bereiche auf ihr Potential hinsichtlich von Schwellenerfahrungen durch Kunstwerke thematisiert werden.

Welche Rolle spielt Liminalität in der kunsthistorischen Forschung? Welche künstlerischen Formen repräsentieren paradigmatisch liminale Situationen? Welche rites de passage überwinden Kunstwerke auf dem Weg ins Museum oder in eine Sammlung? Inwiefern ist der Erhalt des Schwellenzustandes eines Objekts geradezu sinnbildlich für die Denkmalpflege? Oder: Eröffnen bestimmte kuratorische Praxen Schwellenräume zwischen künstlerischer Produktion und Rezeption?

Weitere Information, Programm und Anmeldung unter:

http://tagung.voekk.at/information-zur-tagung

Registrierung bis 26. September unter: tagung@voekk.at

Donnerstag, 3. Oktober 2019

14:30 – 15:00 Uhr      Anmeldung und Kaffee

15:00 – 15:30 Uhr      Begrüßung: Johan Frederik Hartle, Rektor der Akademie der bildenden Künste Wien

Eröffnung: Elisabeth Priedl, Akademie der bildenden Künste Wien und stellvertretende Vorsitzende des VöKK

Liminalität in Museen und Sammlungen

15:30 – 16:30 Uhr

Alice Hoppe-Harnoncourt (Doktorandin, Institut für Kunstgeschichte, Universität Wien)

Der liminale Blick auf das Gemälde im Wandel der Galeriegeschichte

Die Kreuztragung Christi von Pieter Bruegel d. Ä. wurde anlässlich der Ausstellung im KHM letzten Jahres in einer eigens dafür gebauten Vitrine atypisch präsentiert und erlaubte dadurch einen besonderen Blick auf das Gemälde. Es wird die Frage erörtert, ob die Neuartigkeit der jeweiligen Präsentationen, die im Kontext der Museumsgeschichte erklärbar sind, Schwellenzustände darstellen, die eine neuartige Rezeption ermöglichen.

Theresia Hauenfels (Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Zentrum für museale Sammlungswissenschaften, Donau-Universität Krems) und Andreas Liška-Birk (Provenienzforscher für die Landessammlungen Niederösterreich, Donau-Universität Krems)

Liminale Objekte am Beispiel der Provenienzforschung

Als liminale Objekte unterliegen Objekte der Provenienzforschung in Bezug auf ihren Status selbst dem Prozess eines Wandels. Anhand der Besitzgeschichte des Aquarells Dürnstein an der Donau von Rudolf von Alt, das als NS-Raubgut identifiziert wurde, kann gezeigt werden, dass innerhalb weniger Jahrzehnte ein Kunstwerk gleich mehrmals in einem liminalen Zustand verharren musste.

16:30 – 17:00 Uhr          Kaffeepause

17:00 – 18:00 Uhr

Alexandra Marraccini (Postdoctoral research associate, The Bilderfahrzeuge Project, The Warburg Institute London)

Between Nature and Art: Liminality and Representation in the Early Modern English Cabinet

The paper examines the dual liminalities of engraved nautilus shells, natural historical printed books, and related objects in the Early Modern English collection, and Anglo-Dutch Still Life painting of English collections. In considering the problematic Englishness of the English Cabinet as opposed to the Continental Wunderkammer, the paper exams how the Cabinet is represented by largely Dutch artists working as immigrants and refugees.

Lisa Moravec (PhD candidate, Royal Holloway, University of London)

Writing in between the Histories of Performance and Art

The paper will critically discuss Claire Bishop’s divide between “visual art performances” and “performing arts” (2018), in light of Victor Turner’s anthropological theory, and analyse a number of contemporary performances. Instead of categorising them as neither de-skilled performance art or highly-skilled performing art, I will discuss the transitional state of these works and suggest that we need a shared understanding of both artistic practices and discourses to evaluate them.

18:30 – 19:30 Uhr

Öffentlicher Abendvortrag

Eike Schmidt (Direttore delle Gallerie degli Uffizi di Firenze und zukünftiger Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums Wien)

Das Museum als liminaler Ort

Anschließend:Welcome Drinks!

Freitag, 4. Oktober 2019

9:00 – 9:30 Uhr         Anmeldung und Kaffee

Theorien des Liminalen/Spezifische Beispiele

9:30 – 11:00 Uhr:

Christian Janecke (Professor für Kunstgeschichte, Hochschule für Gestaltung Offenbach)

Fliehkräfte des Sinns. Über Werkränder als Schwellenräume

Bei Schwellen oder Übertrittszonen in der Kunst denkt man zuerst an deren interne Darstellung, sei es in atmosphärischer Szenerie oder bei Rückenfiguren. Doch Kunstwerke können auch buchstäblich gegen sich selbst andrängen, nämlich gegen ihren Rand als der Schwelle zu ihrem Außen. Das Schwellen wird dabei zum speziellen Formatproblem, und man kann fragen, was geschieht, wenn Sinn der Werke in deren Peripherie migriert.

Tobias Frese (Akademischer Rat, Lehrstuhl für mittelalterliche Kunstgeschichte, Universität Heidelberg)

Grenzüberschreitung und Wandlung. Zur Bilddramaturgie des Jakobkampfes in der Wiener Genesis

In dem Vortrag soll eine Einteilung der Miniatur des Jakobkampfes der Wiener Genesis in drei Phasen vorgeschlagen werden, die der spezifischen Bilddramaturgie der Grenzüberschreitung und Wandlung – dem liminalen Charakter der Darstellung – gerecht wird. Dabei wird gezeigt werden, dass die Sequenz Übereinstimmungen mit der Phasenstruktur der sogenannen Übergangsriten (rites des passages) aufweist.

Flavia Hächler (Doktorandin, Kunsthistorisches Institut, Universität Zürich)

Darstellung und Funktion von Schwellen auf Cassoni und Cassone-Tafeln der Florentinischen Frührenaissance

Bebilderte Hochzeitstruhen (cassoni istoriati) des ausgehenden 14. Jahrhunderts überwanden als liminale Bildträger während des Hochzeitsritus familiäre Grenzen und stellen damit Objekte eines rite-de-passage dar. In ihrer liminalen Ästhetik unterteilen sie einerseits unterschiedliche Geschichtsstränge, andererseits verbinden sie die dargestellten Handlungszusammenhänge. Im Rahmen der Tagung soll die Darstellung von Schwellen und Grenzen auf ausgewählten Cassoni und Cassone-Tafeln studiert werden.

11:00 – 11:30 Uhr         Kaffeepause

11:30 – 12:30 Uhr:

Maximilian Hartmuth (Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut für Kunstgeschichte, Universität Wien)

Inszenierungen der Schwelle? Orientalisierende Bauten des späten 19. Jahrhunderts an der ehemaligen habsburgisch-osmanischen Grenze

Im nördlichen Bosnien findet sich im Grenzbereich zu Kroatien eine auffällige Dichte von Gebäuden in einem exotisierenden Stil, der in der landessprachlichen Literatur in der Regel „pseudomaurisch“ genannt wird. Der Beitrag prüft Gesetzmäßigkeiten bezüglich der Anhäufung von orientalisierenden Bauwerken in dieser Region. Waren sie als Erinnerungen an die traditionelle Liminalität des Gebiets (nämlich als „Zivilisationsgrenze“ von Christentum und Islam) beabsichtigt?

Stefanie Kitzberger (Doktorandin und Assistentin für Neueste Kunstgeschichte, Institut für Kunstgeschichte, Universität Wien)

Gegen Selbstbezogenheit. Szenarien der Grenzüberschreitung im frühen russischen Konstruktivismus

Der russische Konstruktivismus kann geradezu als paradigmatisches Beispiel einer liminalen künstlerischen Praxis bezeichnet werden, ging es ihm doch darum, künstlerische Aktivität aus ihrer gesellschaftlichen Autonomie und Folgenlosigkeit heraus in soziale Operationalität zu überführen. Der Beitrag wird diversen Phänomenen mittels Close Readings des wohl bekanntesten Konvoluts konstruktivistischer Objekte auf der ersten öffentlichen Ausstellung der Arbeitsgruppe im Mai 1921 nachgehen.

12:30 – 14:00 Uhr         Mittagspause (individuell)

Liminale Körper

14:00 – 15:30 Uhr:

Lynn M. Somers (Adjunct Assistant Professor, Drew University New Jersey)

Sculpture as Liminal Object: Louise Bourgeois’s Janus

In 1968, amidst critical debates about objecthood in the history of postwar sculpture in New York, Louise Bourgeois fashioned five bronze sculptures hung from wire and titled Janus. Included in Lucy Lippard’s pivotal Eccentric Abstraction exhibition in 1966 – focused on the liminality of anti-sculptural and sensuous materials, the radical nature of such work announced Bourgeois as a figure to watch during that unstable decade.

Barbara Ursula Oettl (Universität Regensburg)

Existentielle Grenzerfahrungen: Die Bewusstwerdung der eigenen Sterblichkeit

Sofern Künstler_innen wie Hannah Wilke, ORLAN oder Gregor Schneider mit ihren Werken Bilder der Gewalt kreieren, so unterschätzen sie mitnichten die Gewalt der Bilder, welch diese auf ihre Betrachter auszuüben vermögen. Vielmehr setzen sie in die Tat um, was Antonin Artaud bereits 1936 zur Grundlage eines Erkenntnisgewinns über unser zeitlich begrenztes Körper-Haben und Leib-Sein anempfohlen hatte: „Das Theater der Grausamkeit“.

Thomas Moser (Doktorand, Institut für Kunstgeschichte, Ludwig-Maximilians Universität München)

Rite de Passage Montmartre

Der esprit Montmartre wird heute mit mehreren Generationen namhafter Künstler verbunden, der die Masse marginalisierter, weiblicher Musen gegenübersteht. In der historischen Rückschau widersetzt sich insbesondere die amerikanische Serpentinentänzerin Loïe Fuller dieser stereotypen Hierarchisierung. Qua künstlerischer Medienreflexion anhand „la Loïe“ emanzipierte man sich intellektuell von der zunehmend pansozialen Menge am Montmartre, um sich im selben Atemzug als Außenseiter zu konstituieren. Der moderne Paragone um 1900 muss so gesehen als rite de passage gelesen werden.

15:30 – 16:00 Uhr         Kaffeepause

16:00 – 17:00 Uhr

Raffaella Perna (Research Fellow, La Sapienza University, Rome)

Art and Feminism in Italy: Tomaso Binga’s Liminal Actions

The paper focuses on the work of the Italian artist and performer Tomaso Binga (Bianca Pucciarelli), active in the 1970s in the field of visual and phonetic poetry and close to feminist ideas, under the perspective of liminality. The aim of the paper is the analysis of the ways in which Bings’s work on identity and the body challenged the stereotypes of femininity through a radical critique of social rituals and of dominant artistic languages.

Doris Guth (Assistenzprofessorin, Akademie der bildenden Künste Wien)

Erotisierung der Religion und Sakralisierung der Liebe. Zeitgenössische Kunst „an den Schwellen“

Religion hat am Anfang des 21. Jahrhunderts eine veränderte Rolle und Zuschreibung erfahren. Schwellen überschreitende Glückserfahrungen beziehen sich nicht mehr auf den Glauben an einen Gott. Ein Beispiel für die Sakralisierung religionsferner Felder liegt in der kulturellen Bedeutung der Emotion „Liebe“. Die Soziologin Eva Illouz beschreibt in Liebe im Zeitalter des Spätkapitalismus mit Victor Turners Liminalitätstheorie wie die Liebe Schwellenerfahrungen ermöglicht.

ab 18:00 Uhr:

Gemeinsames Abendessen aller Tagungs-Teilnehmer_innen an der Akademie und Kurientreffen des VöKK (für Mitglieder des Verbandes)

Samstag, 5. Oktober 2019

9:30 – 10:00 Uhr         Anmeldung und Kaffee

Liminale Räume

10:00 – 11:00 Uhr

Steffen Zierholz (Getty/ACLS Postdoctoral Fellow in the History of Art / Bibliotheca Hertziana, Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte, Rom)

Zu einer jesuitischen Ästhetik des Liminalen

Der Vortrag versucht die virulente Frage nach dem „Jesuitischen“ der jesuitischen Kunst nicht in einem längst widerlegten „Jesuitenstil“, sondern in Hinblick auf eine Ästhetik der Liminalität zu beantworten. Die Grundlage hierfür bilden zunächst die Geistlichen Übungen des Ignatius von Loyola, insbesondere die sogenannte „Zusammenstellung des Raumes“ (compositio loci) und die Anwendung der Sinne (applicatio sensuum), die beide mit inneren Bildern der Imagination operieren.

Tobias Kämpf (Istituto di studi sammarinesi, Università degli studi, San Marino)

Lebendiges Erinnern: Liminalität als künstlerische Entgrenzung des Grabmals

Obgleich alle Kunstwerke mit einer Memorialfunktion den auch im Konzept der Liminalität erfassten Schwebezustand suchen, ist die architektonisch-plastisch definierte Gattung des Grabmals diejenige, welche diese ästhetische Dimension noch um eine rituell geformte bereichert: Nicht nur oszilliert das Monument als solches in einer kontroversen zeitlichen Verortung, sondern es verewigt mitunter auch eine Phase des Übergangs zwischen dem Akt des Verabschiedens und dem ebenso Unbekannten wie Endgültigen.

11:00 – 11:30 Uhr         Kaffeepause

11:30 – 12.30 Uhr

Katarína Kravčíková (Master Student, Department of Art History, Masaryk University Brno)

Walking Towards the Threshold

The contribution wishes to dwell on the notion of liminality on two levels. On the one hand, it considers the corporeal as well as intellectual experience of the modern scholar pilgrim, crossing the line between theoretical and empirical scientific research. On the other hand, this theoretical basis will then be applied to the case of the Cathedral Notre-Dame du Puy-en-Velay (France) and its surrounding landscape, an exemplary case of liminal interactions in pilgrimage art.

Daniel Tischler (Student der Kunstgeschichte und der Vergleichenden Literaturwissenschaften, Universität Wien)

Stufen. Zur ästhetischen Funktion der Schwelle zwischen Langhaus und Chor in der Salzburger Franziskanerkirche

Zwei in den Triumphbogen der Franziskanerkirche kaum merklich eingespannte Stufen fungieren als ein Ort der Trennung und Kommunikation gleichermaßen. Sowohl sinnbildlich als auch konkret räumlich regelt diese Schwelle die Überleitung von der romanischen Architektur zur diaphanen Struktur der spätgotischen Raumkonzeption. In und mittels dieses liminalen Grenzbereichs wird der Blick aus dem Dunkeln ins Helle, in ein leibliches Erfahren des Erhabenen, überführt.

12:30 – 13:00 Uhr

Abschlussdiskussion und Resümee


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