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Dissertant_in: Waltraud Paula Indrist
Betreuer_in: Angelika Schnell
Studienrichtung: Dr. techn.
Schlagwörter: Architekturmoderne, Wohnen, Hans Scharoun, Soziale Praxis, Architekturtheorie, Performativität, Photographie
  Das Haus- und Kindermädchen am Arbeitstisch von Herta Hammerbacher und Hermann Mattern. Haus Mattern, Hans Scharoun, Bornim bei Potsdam, 1934, Photographie vermutlich Erich Behne, 1934, Archiv der Akademie der Künste, Berlin, Hans-Scharoun-Archiv, [WV 128]  

Abstract:

In meiner Forschungsarbeit 5 Häuser . 5 Familien . 5 Freundschaften untersuche ich die spezifische Entwurfsarbeit in der Architekturkonzeption von Hans Scharoun im Zeitraum zwischen 1933 und 1945. Seine Architektur gilt zu dieser Zeit für das System der Nationalsozialisten als »entartet«; sein Schaffen unterliegt Restriktionen. Zugleich aber ist es jene Phase, in der sich Scharoun einer essentiellen Bauaufgabe widmet und dabei seine Entwurfsmethode vertieft – dem »Wohnen«. Einen unmittelbaren Zugang an das Thema ermöglichen dabei die (un-)publizierten, noch kaum untersuchten Architekturphotographien in Scharouns Nachlass. Auf sie wird das Augenmerk in der Forschungsarbeit gelegt.

Das Ungewohnte der hier vorliegenden Photographien ist, dass sie weder den experimentellen Charakter eines »Neuen Sehens« zu besitzen scheinen noch dem Darstellungskanon der »klassischen« Architekturphotographie entsprechen.
Das augenscheinlichste und gewichtigste Merkmal ist, worauf sich der photographische Blick dabei immer wieder konzentriert: auf die Bewohner_innen selbst; inmitten der neu bezogenen, für sie entworfenen Räume; inmitten ihres »Wohnens«. Sie lesen auf dem Sofa, sie schreiben am Arbeitsplatz, sie genießen das Sonnenbad auf der Terrasse. Gäste sind zu Besuch. Und Hans Scharoun, der Architekt, ist selbst immer wieder einer davon.[1] Dabei muss das »Wohnen« nicht erst antizipiert werden. Denn es bedarf kein aufgeschlagenes Buch, keine noch glimmende Zigarette im Ascher, keinen glitschnassen Fisch auf der Küchenanrichte und auch keine adretten Models.[2] Es sind keine »Wohnlichkeits-Attrappen«[3] von Nöten.
Zudem lassen sich bei den Abgebildeten kaum klar definierte Rollen(-verhältnisse) wie Ehefrau, Ehemann, Eltern, Kinder, Angestellte, Gäste ausmachen. Vielmehr wurden erst durch die eigene Recherche ungewohnte Situationen erkennbar: so etwa das Haus- und Kindermädchen, das am Arbeitstisch ihrer Arbeitgeber_innen den »eigenen« Tätigkeiten nachgeht oder nachgehen kann.
Darüberhinaus lassen die derzeitigen Recherchen annehmen, dass die Photographien Erich Behne sowie Beate Mattern und damit der Amateurphotographie zugeschrieben werden können. Die Photographien dürften in Zusammenarbeit mit dem Architekten konzipiert worden sein – inklusive der zukünftigen medialen Rezeption[4].
Meiner Forschungsarbeit liegt die These zugrunde, dass diese Photographien nicht das Resultat einer abbildenden, dokumentierenden Tätigkeit sind sondern, dass sie aus ihrer »Prozesshaftigkeit« heraus begriffen werden müssen – als Resultat eines »photographischen Aktes«[5]. Den Photographierenden haften dabei – im Dickicht der Kulturobjekte[6] – die gesellschaftspolitischen, kulturellen sowie sozialen Bedingtheiten an, die sich schließlich in das Medium der Photographie eindrücken und damit Aufschluss auf die Entwurfskonzeption Scharouns ermöglichen.


[1] Anmerkung: Scharoun pfleget ein freundschaftliches Verhältnis – auch nach Fertigstellung der Häuser – mit den Auftraggeber_innen. Immer wieder kommt er zu Besuch, bleibt zu Kaffee und Kuchen, übernachtet und ist ein gern gesehener Gast. Davon zeugen ebendiese Photographien, aber auch die einstigen Bewohner_innen wie Brigitte Würtz (Moll-Tochter) und Helga Zumpfe (Schminke-Tochter) berichten in Interviews, die ich mit ihnen führen konnte, von diesen »herzlichen« Momenten.

[2] Vgl. die inszenierten Photographien von Le Corbusier in der »Villa Savoye« in Poissy oder jene von Julius Shulmans »Case Study House N°21« in Los Angeles 1958.

[3] Vgl. Theres Sophie Rohdes, »Von aufgeschlagenen Lektüren und vergessenen Teetassen – Auf den Spuren der ›Wohnlichkeits-Attrappen‹ in Hand- und Warenbüchern sowie in Bauausstellungen der 1920er und 1930er Jahre«, in: Irene Nierhaus/Andreas Nierhaus (Hg.), Wohnen Zeigen – Modelle und Akteure des Wohnens in Architektur und visueller Kultur, transcript Verlag, Bielefeld, 2014,  S. 326 ff

[4] Beatriz Colomina, »Split Wall – Domestic Voyeurism«, in: Beatriz Colomina (Hg.), Sexuality & Space, Volume: Princeton Papers on Architecture 1, Princeton Architectural Press, New York, 1992, S. 73–130

[5] Vgl. Philippe Dubois, Der fotografische Akt – Versuch über ein theoretisches Dispositiv (1983), Verlag der Kunst, Amsterdam u.a., 1998

Fussn Vilém Flusser, Für eine Philosophie der Fotografie (1983), Edition: Flusser/03, Berlin, European Photography, 11. Auflage 2011, S. 31

Bio

Dipl.-Ing.in Waltraud Paula Indrist, geboren in Lienz (Osttirol), studierte Architektur an der Leopold-Franzens Universität in Innsbruck und der École superieure nationale à Montpellier (F). 2011 graduierte sie mit der Diplomarbeit »Bauen Wohnen Denken – Die Begegnung Hans Scharoun und Martin Heidegger«.
Nach einem bereichernden Berufsjahr im Kulturmanagement setzte Indrist ihre architekturtheoretische Auseinandersetzung mit dem Doktorat am Institut für Kunst und Architektur der Akademie der bildenden Künste Wien fort. Sie wird von Prof.in Angelika Schnell, Leiterin der Plattform »Geschichte Theorie Kritik«, betreut.Mit März 2015 wurde ihr das Marietta-Blau Stipendium des bmwfw zuerkannt. Im Rahmen dessen befindet sie sich für einen einjährigen Forschungsaufenthalt in Berlin an der Akademie der Künste, Hans-Scharoun-Archiv sowie bei ARCH+, Zeitschrift für Architektur und Städtebau.
Web: www.designparadigm.net

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w.indrist@akbild.ac.at

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