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Eröffnung: Dienstag, 23.05.2006, 19.00 h
Dauer der Ausstellung: 24.05. - 28.05.2006, täglich 11.00 - 18.00 h
Aula der Akademie der bildenden Künste Wien, Schillerplatz 3, 1010 Wien

Eröffnung | Dienstag, 23.05.2006, 19.00 h
Begrüßung | Stephan Schmidt-Wulffen, Rektor der Akademie der bildenden Künste Wien
Einleitung | Herwig Zens
Über die technische Lösung des Unmöglichen | Kurt Zein, Meisterdrucker

Zur Verabschiedung ihres Professors Herwig Zens, der dem Hause neunzehn Jahre als Lehrender und Vorstand des Institutes für das künstlerische Lehramt verbunden war, zeigt die Akademie der bildenden Künste Wien erstmals in Österreich den zusammenhängenden Druck seines radierten Tagebuches.

Am 9. November 1977 eher zufällig begonnen, umfasst die auf Kupferplatten im Format 5 x 40 cm, in den verschiedensten Radiertechniken ausgeführte, 500 Seiten starke Aufzeichnung Stationen seines Lebens. Unter Mitwirkung des Künstlers hat der Drucker Kurt Zein die Herausforderung angenommen, das technisch Unmögliche möglich gemacht und den aktuellen, 40 Meter langen Bestand zu Papier gebracht.
Zens' Spanienneigung entsprechend wurde das manieristische Druckkunststück 2005 in Betanzos/Spanien präsentiert.

Multimedia-Präsentation
Eine der ältesten Drucktechniken wird im Rahmen der Ausstellung zum ersten Mal mit einer der modernsten elektronischen Techniken verknüpft: Die IT-Firma EOC ermöglicht mit spezieller Software, Begriffe im - elektronisch erfassten - Zens'schen Tagebuch zu suchen und sodann jene Streifen aufzufinden und zu projizieren, auf welchen diese Begriffe aufscheinen.

© Herwig Zens, Foto: Johann Klinger   © Herwig Zens, Foto: Johann Klinger  

Geschichte einer Obsession | 28 Jahre Tagebuch in einem Stück
Es war offenbar Zeit, die Ereignisse des Lebens aufzuzeichnen: Am 9. November 1977 beginnt Herwig Zens mit einem Selbstportrait sein Tagebuch und hält mit der Nummerierung "Seite 1" auch gleich eine längerfristige Perspektive fest. Die Besonderheit liegt im Format und in der Technik: 5 Zentimeter breit und 40 Zentimeter hoch ist jede Seite und gearbeitet wird auf Kupferplatten, zunächst in reiner Strichätzung, später kommen Aquatinta und andere Radiertechniken dazu. Mittlerweile hat das Tagebuch eine Art Eigenleben entwickelt, ist zur Obsession geworden - so wie andere große Themen für Herwig Zens: Zum Beispiel Goya, der Totentanz, die griechische Mythologie, der Berg Athos, Amerika ...

In unregelmäßigen Abständen muss das Tagebuch daher an die Öffentlichkeit. Ein Unterfangen, das mit zunehmendem Umfang des Werks naturgemäß immer schwieriger wird, eine immer größere Herausforderung darstellt - mit immer größerem Reiz verbunden ist.
Schon 1991, nach Seite 187, wurden das erste Mal alle Streifen durchgehend auf einem Bogen gedruckt. Das ergibt 12 Meter Länge, die zweimal gezeigt werden: In der Galerie Lang mit Wäscheklammern an einem Stahldraht befestigt und in der Galerie Tiller an die Wände montiert.
1992 präsentierte Zens sein eigenartiges Tagebuch in der Form von Halbbögen, die sich aneinander reihen ließen und auch als Bauelemente verwendet werden können.
Zum Triumphbogen zusammengebaut war dies 1993 in der Galerie Lang bei der Ausstellung zum 50. Geburtstag von Zens "Jahrgang 1943" zu sehen, als Stele im gleichen Jahr auf der Graphikmesse in Dresden und bei der Frankfurter Kunstmesse.
Abgeschlossene Jahre von 1977 bis 1993 wurden 1994 im Kurashiki City Art Museum in Japan gemeinsam mit Werken des japanischen Künstlers Toshifumi Harada gezeigt.
1995 setzte sich Zens in den Kopf, die bis dahin 18 Jahre in einem Stück zu drucken. Die damals mit 20 Metern längste Radierung der Welt wurde im selben Jahr in Frankfurt bei der Art multiple gezeigt. Das Kupferstichkabinett der Akademie erwarb eines der zwei Exemplare, das dort auch gezeigt und nun archiviert wurde, während die in Frankfurt ausgestellte Version mitsamt dem Drucker untertauchte.
Im Jahr 2000 stellt das Haus der Kunst von Andreas Lendl in Graz 367 Tagebuch-Radierungen unter dem Titel "Von Tag zu Tag" aus.

Das Procedere jeder fertigen Platte ist streng geregelt: Die Einzelstreifen werden in einer Auflage von 30 Stück plus 5 Edition des Autors (E.d.A.)-Drucke auf Rives Arches Papier 250 g gedruckt. Die Streifen eines Jahres ergeben zusammen eine Fläche von 70 x 100 Zentimeter, davon erhält das Kupferstichkabinett den Druck mit der Nummer 1/30, das Kulturamt der Stadt Wien Nummer 11/30 und das Haus der Kunst in Graz die Nummer 12/30. Einen der E.d.A.-Drucke erhält Johannes Scheer, der die Zens'sche Druckgraphik wissenschaftlich bearbeitet.

Nun ist es wieder soweit: 28 Jahre Tagebuch auf einem Stück Papier. Das ergibt eine Länge von etwa 40 Metern. Als Drucker hat Kurt Zein die Herausforderung angenommen, konstruierte eine spezielle Vorrichtung mit Plastikrohren und Holzböcken, die den Druckraum über eine Länge von elf Metern durchmaß, um den durchgehenden Druck zu ermöglichen, das empfindliche Papier entsprechend sorgfältig behandeln und nach dem Druck auch trocknen lassen zu können. Das Papier ist französisches, hochweißes, säurefreies Aquarellpapier Rives Arches mit einem Gewicht von 400g/m2. Eine Spezialanfertigung. Drei bis vier Tage musste das Papier in der Rolle feuchtgehalten werden, um die richtige Geschmeidigkeit zu bekommen. Dann wurde gedruckt: Unterstützt von Valentin Hirsch, Student von Prof. Gunter Damisch, und Javier Pérez Gil, einem jungen spanischen Künstler, den die Liebe nach Wien geholt hat, druckte Kurt Zein vier Tage bis zur Fertigstellung einer kompletten Rolle mit den gesamten 28 Jahren - alle Platten vorgereinigt, mit Hand gefärbt und mit der Handpresse Marke Plankenhorn, die der legendären Krausepresse nachgebaut ist, gedruckt. Die Auflage beträgt 2 plus 1 Artist Proof, wobei jedes Exemplar unterschiedlich ist: Die während des Drucks neu hinzugekommen Tagebucheintragungen wurden wiederum einbezogen - ein selbstreferentielles System. Die Obsession.

© Herwig Zens   © Herwig Zens  

Statistisches
- Zwischen 11 und 25 Streifen umfasst jeweils ein Jahr, im Durchschnitt sind es 16,8 Streifen pro Jahr.
- Die geringste Anzahl an Tagen pro Streifen ist 4, die Maximalzahl 54.
- Nur ganz wenige Streifen kommen ganz ohne Illustration aus, sonst bewegt sich die Anzahl zwischen 1 und 9 Illustrationen pro Jahr, mit einem Mittelwert von 4 pro Streifen.
- Der erste Streifen weist nur Illustrationen, keinen Text auf, die erste Eintragung findet sich auf dem zweiten Streifen, am 21.11.1977: Brief an Franz. Dann liegt die Bandbreite der Häufigkeiten von Tagen mit reinen Textvermerken zwischen 2 und 52 pro Streifen mit einem jährlichen Mittelwert von 9,6 pro Streifen und 25,1 pro Streifen.
- Die Anzahl der Tage ohne Text und Bild, also nur mit Datumseintragung, reicht von 1 bis 36, wobei mit zunehmender Dauer des Tagebuchs die Tage ohne jegliche Eintragung immer seltener werden. So sind ab 1995 maximal 4 Tage pro Jahr nur mit Datum bezeichnet, in manchen Jahren finden sich gar keine solchen unbeschriebenen Tage.
- Bis zum 06.05.2005 gibt es insgesamt 1090 Eintragungen mit Bemerkungen über die Befindlichkeit, wobei die Häufigkeit stetig ansteigt.
- Im Jahr 1986 beginnen Eintragungen über die Akademie der bildenden Künste Wien, wobei auch hier die Häufigkeit rasant zunimmt. Insgesamt sind es bis zum Stichtag 06.05.2005 928 Akademie-bezogene Kommentare. - Manche Namen und Orte kehren mit Regelmäßigkeit wieder. Absoluter Spitzenreiter der Orte ist Kals in Osttirol mit insgesamt 439 Nennungen, Madrid wird namentlich 90-mal genannt, der Berg Athos 99-, Paris 83-, Graz 72-, Salzburg 44- und Venedig 40-mal. Einer der sehr häufig aufscheinenden Namen ist mit 123 Nennungen Ortner, Leiter des Arnold Schoenberg Chors und Athosbegleiter.

© Herwig Zens   © Herwig Zens  

Herwig Zens - ein Rastloser
Herwig Zens wurde 1943 in Himberg geboren, absolvierte seine Schullaufbahn in Wien und diplomierte 1967 an der Akademie der bildenden Künste Wien. Nach einigen Jahren Unterrichtstätigkeit im Fach Bildnerische Erziehung in verschiedenen Wiener Gymnasien, während derer sich seine malerischen Aktivitäten intensivierten, erhielt er 1987 die Berufung zum Vorstand des Instituts für Bildnerische Erziehung und Kunstwissenschaft an der Akademie am Schillerplatz (ab 2004 Institut für das künstlerische Lehramt).
Sein künstlerisches Werk kreist oft um bestimmte Themenkomplexe, wie beispielsweise die griechische Mythologie, Musikstücke, den Berg Athos mit seinen Klöstern, die er jährlich zweimal aufsucht, oder den Tod. Dementsprechend entstehen Themen-bezogene Zyklen, deren erster großer Bilder des spanischen Malers Francisco Goya in den Mittelpunkt von Paraphrasen stellte - und der für Zens bis heute nichts an Faszination verloren hat.
Aus der Ausbildungstradition des Post-Expressionismus kommend, zeichnen sich die Bilder von Herwig Zens durchwegs durch eine sehr kraftvolle Pinselführung in starken manchmal auch ziemlich düsteren Farben aus, oftmals mit einem feinen Schuss Humor. Neben der klassischen Malerei - früher in Öl-, heute vor allem in Acrylfarben - widmet sich Zens auch der Aquarellmalerei, der Zeichnung und mit besonderer Vorliebe der Radierung. In dieser Technik führt er seit mittlerweile mehr als 20 Jahren ein einzigartiges Tagebuch, seit er im November 1977 auf einem Kupferabfallstück begann, das Datum einzuritzen und sehr persönliche Bemerkungen zum laufenden Tag zu machen, fallweise mit Zeichnungen versehen. Bei der art multiple 1995 in Düsseldorf wurde eine Aneinanderreihung der bis dahin entstandenen Tagebuchplatten als die längste Radierung der Welt vorgestellt. 2001 soll sie Thema einer Sonderausstellung auf der ESTAMPA, der Graphikmesse in Madrid, sein.
Großprojekte von Herwig Zens reichen vom "Basler Totentanz" über die Kreuzwegstationen im Österreichischen Hospiz in Jerusalem und drei Bildzyklen zu Musikstücken, die im Rahmen der Aufführung der Komposition präsentiert wurden, bis zu der Bemalung eines - runden - Möbelensembles für die Räumlichkeiten des Schoenberg-Chors in Wien. Das jüngste Großwerk des Rastlosen, dem nicht nur die Kunst, sondern auch die Kunstvermittlung durch direkte Erfahrungen sehr am Herzen liegt, ist die künstlerische Ausgestaltung der neuen, von Architekt Helmut Sautner geplanten Friedhofskapelle in Brunn, die durch diese Kombination zum bereits viel beachteten Gesamtkunstwerk geworden ist.

Text: Verena Kienast

© Herwig Zens   © Herwig Zens  

Herwig Zens
1943 geboren in Himberg bei Wien
1961 Beginn des Studiums an der Akademie der bildenden Künste Wien
1965 Erste Reise nach Spanien. Diplomarbeit über die "Pinturas Negras" von Goya
1967 Diplom für Malerei
1984 Beginn der Aktion GOYA-PROJEKTIONEN: Variationen über die "Pinturas Negras", Fortdauer bis 1993
1986 Ausstellung und Projektion des Films "Zens-Vienna" in Valencia
1987 Professur an der Akademie der bildenden Künst Wien
1993 Abschluss der GOYA-PROJEKTIONEN im Museum moderner Kunst in Bilbao, Ausstellung im Museo Grabado, Fuendetodos, Zaragoza über Goya
1995 Präsentation der "Längsten Radierung der Welt" bei der art multiple in Düsseldorf
1996 Lithomappe "Hommage á Goya - zum 250. Geburtstag"
1998 Estampa Madrid, Präsentation der "Längsten Radierung der Welt" im Kupferstichkabinett der Akademie in Wien
1999 Filmprojekt "Eine spanische Passion"
2000 Malerische Gestaltung der Aufbahrungshalle in Brunn am Gebirge mit Bild-Zitaten von Goya
2001 Verleihung der Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien in Gold
2002 Präsentation der Tagebuch-Radierung im Rahmen der Estampa, Madrid
2002 Verleihung des Ordens "de Merito Civil" durch König Juan Carlos 1
2003 Verleihung des Silbernen Komturkreuzes, des Ehrenzeichens für Verdienste um das Bundesland Niederösterreich
2004 Projekt "Gesang der Geister über den Wasser" mit dem Arnold Schoenberg Chor unter der Leitung von Erwin Ortner
2005 Präsentation von Goya-Paraphrasen anlässlich der Goya-Retrospektive im KHM in Wien Filmprojekt: "Goya - Last und Leidenschaft"
2006 Emeritierung von der Akademie der bildenden Künste Wien mit Ende des Wintersemesters 2005/2006

Veranstaltungshinweis
Die Universitätsbibliothek der Akademie der bildenden Künste Wien widmet Herwig Zens eine weitere Ausstellung, Zens. Die böse Macht der Bücher, die von 06.06.2006 bis 30.06.2006 im Lesesaal gezeigt wird.

Ausstellung und Verkauf organisiert von:

 

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