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31.7.2014

 
Foto: Lisa Rastl
 

Die Akademie der bildenden Künste Wien trauert um den Filmemacher Harun Farocki, 2004 bis 2011 Professor für Film und Kunst an der Akademie der bildenden Künste Wien. Er ist am 30. Juli 2014 im 71. Lebensjahr verstorben.

Harun Farocki, geboren 1944 in Nový Jicin /Neutitschein, damals Deutsches Reich, heute Tschechien, ist gehörte zu den wichtigen Essayfilmern und hat mehr als 90 Filme realisiert. Er studierte 1966 bis 1968 an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlins (dffb), war später Redakteur der Münchener Zeitschrift "Filmkritik" und produzierte ab 1966 zahlreiche Dokumentarfilme und Essayfilme. Seit 1996 war er auch im Kunstbetrieb aktiv, mit diversen Gruppen- und Soloausstellungen. Die Medieninstallation "Deep Play", die Anatomie des Fußball-WM-Finales von 2006 auf zwölf Monitoren, wurde bei der Documenta 2007 präsentiert.

Harun Farocki etablierte durch seine Lehrtätigkeit an der Akademie den Bereich Kunst und Film im Institut für bildende Kunst und trug somit wesentlich zur Erweiterung des Studienangebots bei. Seine engagierte Tätigkeit motivierte die Studierenden umfänglich. Es sei wichtig, so Farocki in einem Interview, "dass es so viele bewegte Bilder in der Kunstwelt gibt. So kommt es zu neuen Sichtweisen, Kunstgeschichtler etwa haben in den letzten Jahren angefangen, über Filme zu schreiben."

Die Kunstwelt verliert mit Farocki einen Protagonisten, dem es in unverwechsel- barer Weise gelang über enge disziplinäre Grenzen hinweg Kunst zu produzieren und dabei stets politische Haltung zu zeigen. Unsere Anteilnahme gilt vor allem seiner Familie und seinen Freund_innen.

Kondolenzschreiben

Erst vor kurzem saß ich lange in der Ausstellung "Playtime", eine Ausstellung über Arbeit im Kunstbau des Lenbachhauses in München, vor einem Film von Harun, den ich noch nicht kannte. Der Film heißt "Ein neues Produkt" von 2011. Haruns Sicht auf die Welt hat mich als seine Studentin damals 2004, wie heute, begeistert. Mit seiner kritischen Arbeit über die Arbeit vermittelte er uns politische Haltung, die die Frage nach dem Produzieren von Kunst und den Zirkus des Ausstellungsbetrieb weit übersteigt. Ich danke ihm dafür und die ausgedehnten Gespräche in seiner Zeit als Professor. Letztes Jahr widmete ich ihm mein 2 Kanalvideo "Der Inder" in der Galerie im Taxispalais Innsbruck, was er wahrscheinlich nie erfuhr.
Mein aufrichtiges Beileid gilt seiner Familie und seinen Freunden.
Caroline Heider

Harun brauchte nicht viele Worte, um uns die Kunst des Films verstehen zu lassen. Doch sobald er etwas sagte oder uns in den unzähligen Filmausschnitten zeigte, begann die Erkenntnis, nein: es begann die Offenbahrung was Film ist und sein kann. Erst durch Harun habe ich gelernt, bewegte Bilder zu sehen und seine vielen Details zu entdecken, zu verstehen und vor und über allem: zu analysieren und ihre Feinheiten und Botschaften sichtbar zu machen. Zu lernen, was Montage und Text im Film auslösen und bewirken kann; zu sehen, dass der Film ein zutiefst politisches Element sein kann und soll.
Dein menschliches, auf Augenhöhe und Bescheidenheit bestehendes Wesen prägte Deine allmonatigen Filmwochen im Semperdepot. Die letzte, im Mai oder Juni 2011, werde ich nie vergessen, es war wohl die schönste, lehrreichste und essentiellste Woche während meiner ganzen Akademiezeit. Und erst im Mai sah ich im Filmmuseum Deine "Videogramme einer Revolution", ein Film, der mich wie selten ein anderer sehr lange beschäftigte und meinen Respekt vor Deinem Werk endgültig besiegelte.
Was bleibt mir am meisten? Deine gemütlichst im Sofa ausgebreite Gestalt; Deine kurzen, prägnanten, enthusiastischen Worte; Dein offenes, aufmerksames Blicken auf die Filmleinwand und dann - vor allem! - Dein unverwechselbarer, hemmungsloser Lacher.
Alexander Kasimir Stanzel

"Vergänglichkeit" als Begriff mit Harun Farocki als Person in Zusammenhang zu bringen, ist mir unmöglich.
So loopt sich das Erinnern an die vielen Jahre in seiner Klasse, in denen er mich und uns das Sehen und Denken lehrte, und verdichtet sich hin zu großer Dankbarkeit.
Monika Rabofsky

Harun Farocki war einer der besondersten und einer der feinsinnigsten, der menschlichsten Menschen, die man sich denken kann. Dementsprechend verlief sein Unterricht in der Filmklasse in Wien; diesen hatte er niemals so bezeichnet, ihn niemals schulmeisterhaft gedacht, sondern ihn fließend zur großen Schule des Sehens gemacht, ohne jemals einmal eine prätentiöse Geste an den Tag zu legen. Er war echter Mentor, ein Licht, eine Persönlichkeit von menschlichster Tiefe. Er war ein Lehrmeister von außerordentlicher Intelligenz, von reichem Verständnis für die Belange Einzelner; er geleitete die Klasse, die er niemals zu führen vorgab, die jedoch die beste Schule war, die jemand bekommen kann, weil sie durch ihn ein Zusammen war, ein Miteinander von zartem Scharfsinn, für das ein Mensch von feinfühlendem Verständnis Sorge trug; die beste Schule auch deshalb, weil er als Wegbegleiter auf einer weiten Strecke, weil er als kluger Freund vor seiner Klasse stand, die ihm ein tief gehendes und aufrichtigeres Vertrauen entgegenbrachte, ihm Bewunderung für seine Fähigkeiten zuteilwerden ließ, weil er im höchsten Maße präzis und tiefempfindsam war, weil er sein Fach meisterhaft beherrschte, niemals aber meisterhaft tat. Und deshalb, weil er schlicht ein herausragender Filmemacher und ein wahrer Mensch, ein Weltverbundener war, der in einer traulich hellen Art die unwahrscheinlichsten Dinge offenzulegen und zu zeigen im Stande war; ein Feinstfühlender, der sichtbar werden lassen konnte, was Sehen, was Erkennen, was Mitteilen heißt. Er war jemand der niemals übermütig war, sondern im großzügigsten Sinne groß war. Und auch wenn er gezierte Wortwendungen nicht gerne mögen mochte: Harun Farocki wird immer leuchten.
In Trauer, und in Verbundenheit
Selma Doborac

Lieber, lieber Harun.
Wir haben uns oft geschrieben, jetzt schreib ich Dir hier noch einmal.
Zuletzt habe ich Dich beim diesjährigen documentary forum im HKW in Berlin getroffen. Wir saßen gemeinsam mit Christian Petzold in der Sonne am Ufer, sprachen über Peter Lorre und über eine Brecht-Inszenierung von "Mann ist Mann"; über polnisches Kino und über Marey, der Aufnahmen für Taubstumme gemacht hat - ein Mann bewegt die Lippen stumm sagend, Bonjour Madame, Bonjour. Bei der WM, so hast du erzählt, halten Spieler und Trainer meist die Hand vor den Mund, weil Lippenleser sonst entschlüsseln, was sie sagen: Haun wir dem eins rein. Der Ball ist rund. Abseits ist, wenn der Schiedsrichter pfeift.
Ich erinnere mich deswegen so genau, weil ich mir Notizen zu unserem Gespräch gemacht habe, wie oft, wenn ich mit Dir zusammen war. Es war ein schöner Tag, wir haben viel gelacht, und später gab es eine Führung durch Deine neue Arbeit "Parallel I-IV". Diese Installation handelt -  unter anderem - vom Verhältnis zwischen digitalen Modellen und filmischen Bildern. Auch von Wolken ist die Rede: Man sieht, wie diese virtuell konstruiert werden; im Umschnitt erscheinen gefilmte Wolkenformationen. Schwarzweißes Flackern, altes Filmmaterial, ein Strand, Dünen, der Himmel, das Bild in meiner Erinnerung ein wenig beschleunigt.
Ich wollte dich immer wieder fragen, aus welchem Film du diesen schönen Ausschnitt genommen hast. Und ich habe immer wieder darauf vergessen. Diese, und viele andere Fragen, die ich noch an Dich gehabt hätte, muss ich jetzt wohl alleine beantworten. Ich bin so froh, dass ich Dich kennen durfte, über eine so lange Zeit; dass wir so gute Freunde waren, dass ich von Dir lernen durfte, dass wir manchmal gemeinsam über Sachen lachen mussten, die sonst wirklich niemand anderer komisch fand. Ich denke an die vielen Gespräche, die Feste, die Eröffnungen, die immer gemeinsam mit Antje, Deiner Frau, verbrachten Zeiten in Wien und Berlin: Antje, die mir von Euren vielen Reisen ihre Reisetagebücher schickte. So hatte ich das Gefühl, mit Euch sein und reisen zu können - egal, wo ihr wart.
 Harun, mir fehlen die Worte, aber noch mehr fehlst Du mir. You are so, so deeply missed. Danke für alles, was wir von Dir lernen durften. Danke für alles, was Du warst und danke für alles, was du uns, in Deiner unendlichen Großzügigkeit, gegeben hast.
Constanze

Bildverständnis, Bildkritik. Bilder denken. Szenen betrachten, diskutieren, erneut betrachten - suchend. Betrachten als Suche.
Einer derjenigen die gezeigt haben wie Kunst, wie Leben sich in Theorie und Praxis verschränken kann, jemand der scheinbar ohne Vorurteile ein Verständnis um die Wesen der Dinge gesucht hat. Akribisch in Wortwahl, V-Neck im Auftritt. Ein offener, humorvoller, kritischer Geist.
Abschied 2011 nach den Diplomen, im Park am Naschmarkt, neben der Hundezone. Gegen Hierarchien. Fussball nie weit entfernt. Die Besonderheit, von seinem Denken, seinem Weltverständnis über die Jahre begleitet worden zu sein; jemand sagt "Für Sie ist Ihr Denken normal, allgegenwärtig; aber uns hier wird es fehlen".
(Interview vom 5. Juli 2014 in seiner Wohnung in Berlin)
Harun: "Da gehört irgend so ein raffiniertes Haushalten dazu - also wenn ich mich nicht täusche, und tatsächlich demnächst 50 Jahre oder so produziert habe, muss ich irgendwie gut hausgehalten haben, weil es gibt ja wirklich gute Leute, die haben eine Methode draufgehabt, und nach 10, 15 Jahren war die irgendwie verbraucht - in der bildenden Kust noch deutlicher als beim Film, da kann man das dehnen und strecken, da fällt das nicht so auf; aber in der bildenden Kunst - so ein Maler wie Ensor, der kann nicht hundert oder fünfhundert solcher Bilder malen [lacht]. Nolde wahrscheinlich schon, Matisse wahrscheinlich schon. Aber das ist unglaublich, mir ist das völlig unklar wie man das irgendwie hinkriegt [lacht], dass man eine Variation da reinkriegt, und mal ändert, und das nicht so eine tote Feedbackschleife wird."
Ein großer Verlust.

Christian Bazant-Hegemark

Die Nachricht von Haruns Tod stimmt zutiefst traurig. Seine Persönlichkeit, seine Arbeit sind auch noch drei Jahre nach seinem Weggang von der Akademie mehr als  präsent. Für die, die ihm über seine Lehrtätigkeit hinaus verbunden waren und blieben - und dies gilt auch für mich - war er jemand, der  - oftmals gemeinsam mit Antje Ehmann, seiner Partnerin -  die für die Akademie so essenziellen Verbindungen zwischen Film, Kunst, Politik und Theorie auf immer wieder neue Weise formuliert und hergestellt hat. Er hat mich aber auch von Anbeginn seiner und meiner Arbeit an der Akademie immer wieder daran erinnert, dass es hierzu praktischer Institutionskritik bedarf - und hierzu gehörte nicht zuletzt sein unschlagbarer Humor. 2004, wir hatten eben unseren Job begonnen, führte ihn Stephan Schmidt-Wulffen, unser damaliger Rektor, der Haruns Stelle wohl nicht zuletztdeswegen erfunden hatte, um ihn an die Akademie holen zu können, durch die Räume. So kamen sie auch an meinem Büro vorbei. Harun flüsterte mir zu, dass er den Schillerplatz etwas unheimlich fände. Er fühle sich so, als schleiche er schon 100 Jahre durch die Gänge und als habe man vergessen, ihn von der Payroll zu nehmen. Harun, ich glaube, ich/ wie werde/n Dir dort noch viele weitere Jahre begegnen - denn Du bist und bleibst für all diejenigen, die das Privileg hatten, Dich kennenzulernen, unvergessen.
Sabeth Buchmann

Lieber Harun,
erst heute vor einer Woche haben wir uns noch in Salzburg getroffen und jetzt - die Nachricht über Deinen Tod, ein letztes Bild von Dir vor Augen?! Noch vor wenigen Jahren war die Antwort auf die Frage klar, wer denn die erste Filmklasse an der Akademie leiten, ihr ein Gesicht, ein unverwechselbares Profil geben könnte, einen nachweislichen Grund, eine Perspektive den Schritt zu wagen: Du warst es! Ohne Wenn und Aber, ohne Zweifel und Bedenken den Blick auf den Film zu lenken, auf ein filmisches Sehen, zu sehen wie der Blick sieht, was er zeigt und verdeckt, verbirgt und manchmal wider Willen zum Vorschein bringt: ein Sehen, das sich der Geschichte des Sehens stellt, der Geschichte der Repräsentation des Sehens, einem Blick, dem eine politische Dimension schon eingeschrieben ist, als Axiom so nah und fern das politische Motiv dann erscheinen mag: Deinem Hinsehen auf alles war nur eines fremd: das Wegsehen. Ich erinnere mich noch an Deinen ersten Vortrag an der Akademie, an dem Du Dich und Deine Praxis vorgestellt hast: Da war von vielem die Rede - von Analysen, von Recherchen, Wissen, Kunst und Film. Und um Deine Praxis zu beschreiben, zu vermitteln worin ihre Aufgabe liegt, ja ihre Ästhetik, hast Du gesagt: Man kann manche Dinge wissen und manche auch beweisen. Aber da, wo Deine Arbeit ansetzt, gilt eine andere Herausforderung: "Ich weiß es und kann es nicht beweisen" - schöner und präziser kann man das Band aus Kunst und Wissen nicht fassen. Umso weniger kann ich es fassen, dass Du nicht mehr unter uns weilen sollst. Alle Erinnerungen an Dich werden bleiben, all Deine Arbeiten, das weiß ich … und die Welt kann es Dir beweisen.
Hab Dank für alles, was ich von Dir lernen durfte, von Deinen Arbeiten, die Zeit und Gespräche, die ich mit Dir haben durfte. 
Andreas Spiegl                   

Harun Farocki werde ich als wunderbaren und einfühlsamen Menschen in Erinnerung behalten, der mir ein Professor mit viel Gespür war: Für das Wesentliche, für sein Gegenüber. Seine Arbeiten sind für mich inspirierend, berührend, eigenwillig klar.
Herzlichen Dank für alles!
Mein aufrichtiges Beileid und Mitgefühl für seine Familie.
Astrid Friedl

Während meines Studiums an der Akademie habe ich einige wenige Male Klassenbesprechungen bei Harun Farocki besucht. Die Diskussionen, denen ich aus der Distanz gelauscht habe, haben mich immer begeistert und die Themen seiner Arbeit waren für mich sicher wegweisend. Ich habe ihn letztes Jahr bei der Biennale in Venedig das einzige Mal bei einem Abendessen persönlich kurz kennengelernt. Er hat von Venedig geschwärmt, vor allem auch von den Vaporettos und den Arbeitern mit ihren Seilen, die bei jedem Stopp an der Haltestelle fachmännisch festgemacht werden, dem Handwerk, den Geräuschen. Möge ihn die Gewerkschaft der Fährmänner sicher über das Wasser auf die andere Seite geleiten. Sein Denken und Schaffen ist für so viele KünstlerInnen ein Anker.
Mein herzliches Beileid an seine Familie.

Verena Dengler

Eine grosser Essayist des Kinos
Mit Harun Farocki ist einer der bedeutendsten und prägendsten Essayisten des Kinos verstorben. Seine genauen - und stets in der Sprache des Kinos formulierten - Argumente waren gleichermaßen politisch treffend wie poetisch berührend.
Mit seiner Arbeit an der Akademie hat Harun Farocki die Kunst des filmischen Denkens mehreren Generationen an jungen Künstler_innen aller Fachbereiche weitergegeben. He will be missed around the world.

Andrea B. Braidt

Mit Harun Farocki geht einer der besten, unglaublichsten Menschen von uns. Es ist unfassbar traurig. Er war mir ein wichtiger Mensch bei meinem Diplom 2011, einer der wenigen guten Menschen mit einer tiefen Überzeugung, der er unbeirrbar gefolgt ist. Für mich eine wahnsinnige Inspiration und große Kraft. Danke für alles.
Alexandra Augustin