Akademie der bildenden Künste Wien
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Eröffnung | 04.11.2015, 18.00 h
Ausstellungsdauer | 05.11.2015 - 27.11.2015
Ort | Akademie der bildenden Künste Wien, Schillerplatz 3, 1010 Wien, Aula

Eine Ausstellung von springerin – Hefte für Gegenwartskunst anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Zeitschrift in Kooperation mit der Akademie der bildenden Künste Wien.

Öffnungszeiten: täglich 10.00 - 18.00 h, montags geschlossen, Eintritt frei

 

Coverfotografie: Louise Lawler, No Drones, 2013

 

Das Magazin springerin feiert dieses Jahr sein 20-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass finden in Budapest, Zürich, Wien und Istanbul vier kontextbezogene Präsentationen statt. Der Fokus dieser Jubiläumsausstellungen richtet sich auf die Backlist der Zeitschrift seit 1995, wobei in unterschiedlichen Formaten Gegenwartsbezüge geschaffen werden.

Die von den HerausgeberInnen für Wien konzipierte Ausstellung „Kiev, Moscow and Beyond – 20 Years of springerin“ greift den Titel der aktuellen Ausgabe auf und schließt an die diesjährige Kiew-Biennale The School of Kyiv, kuratiert von Hedwig Saxenhuber und Georg Schöllhammer, an. Die Anfang September 2015 eröffnete Biennale dreht sich zentral um die Frage, wie sich angesichts der aktuellen politischen Lage ein gemeinsamer, zivilgesellschaftlicher Diskursraum eröffnen lässt, der Barrieren überwindet und sich konstruktiv vom Status quo abhebt: von Kiew über Moskau und weit darüber hinaus. Die springerin-Ausgabe Kiev, Moscow and Beyond reflektieret diesen Kontext und versucht an der Ausgestaltung eines solchen Diskursraums aktiv mitzuwirken.

Die in der Aula der Akademie der bildenden Künste gezeigte Ausstellung wirft zunächst einen Blick in die Geschichte der Zeitschrift und bereitet dies seriell auf. Das von Johannes Porsch entwickelte Raumarrangement dient dabei als Ausstellungsdisplay und Präsentationsfläche für sämtliche, seit der Gründung 1995 erschienene Ausgaben. Das Display folgt in seiner Grundfigur von Boden und Hinterwand der Logik eines theatralen Settings: der Markierung bzw. raumzeitlichen Heraushebung eines Ortes, welcher der Konzentration auf die einzelnen Ausgaben, aber auch der Betrachtung des Geschehens rundum gewidmet ist.

Zusätzlich zu den Einzelheft-Displays wird in Erweiterung des Magazingedankens ein speziell für diesen Anlass produziertes Kompendium präsentiert: eine Zusammenstellung sämtlicher künstlerischer Projekte, Inserts und Bildstrecken, die seit der ersten Ausgabe 1995 exklusiv für die Zeitschrift entstanden sind. Der Bogen spannt sich dabei von frühen „Journal-im-Journal“-Projekten bis hin zur „Übersetzung“ aktueller, im Kontext der Kiew-Biennale gezeigter Videoarbeiten in das Magazinformat.

Einen installativen Kontrapunkt innerhalb des Ausstellungsdisplays bildet ein ausgewähltes Video- und Audioprogramm, welches die School of Kyiv auszugsweise für den lokalen Rahmen adaptiert. Die fünf gezeigten Film- bzw. Videoarbeiten sind entweder eigens für die Biennale entstanden oder stammen von den dort vertretenen KünstlerInnen bzw. Schulen.

Laure Prouvost (*1978, Lille) widmet sich in ihrer jüngsten Arbeit Into All That Is Here (2015) dem Thema Lust in finsteren Zeiten. Das Video vertieft sich in die Fantasien seiner Hauptfigur, ähnlich einem Vogel oder Insekt, die sich von den Pollen einer Pflanze angezogen fühlen und, einmal darauf gelandet, mit Lust in sie eintauchen. Für die BetrachterInnen entsteht der Eindruck, nach einer Phase der Düsternis in einer feuchten, glibbrigen Pflanze zu versinken – bis die Bilder zu brennen und sich zu entziehen beginnen.

Anna Daučíková (*1950, Bratislava) wirft in Along the Axis of Affinity (2015) anhand von Wohngebäuden in Kiew, Köln und Bratislava eine historische Perspektive auf Fassadengestaltungen in poststalinistischen, westlichen und postsowjetischen Zusammenhängen. Die Muster auf den Oberflächen setzen sich im mäandernden Fluss der Erzählung fort, der an das Kiewer Künstlernetzwerk rund um Valery Lamakh und dessen spirituelle Forschung in den 1950er- bis 1970er Jahren erinnert, die damals auch ein subversives Potential hatte. Das Video zeigt Einblicke in Lamakhs Archiv und ist in einer Zeit der ukrainischen „Dekommunisierung“ aktueller denn je.

Ausgangspunkt von Zbyněk Baladráns Approximation of Infinite Sequences (2015) ist die Überzeugung, dass wir Menschen ausgrenzende Verhaltensmuster gegenüber anderen nicht einfach ablegen können. Baladráns (*1973, Prag) filmische Recherche, angelehnt an den 1959 erschienenen Roman Eden von Stanisław Lem, zeichnet eine Zukunft, die geprägt ist von einer durch und durch anthropozentrischen Weltsicht. Im unaufhaltsamen Lauf der Evolution, geprägt durch die gleichzeitige Existenz von extremer Armut und technologischem Fortschritt, sind die Menschen lediglich eine von mehreren Kräften innerhalb der Abfolge der Ereignisse.

Walk (2010) von Taus Makhacheva (*1983, Moskau) zeigt eine einzelne Fußgängerin inmitten der grandiosen Berglandschaft der russischen Republik Dagestan. Unscheinbar klein, wandert sie am Rand des Abgrunds von einem Ende des statischen Bildausschnitts zum anderen. Die Einstellung, die an die Motivik der historischen Landschaftsmalerei erinnert, strahlt ein Moment der Kontemplation und Stille aus, bevor die menschliche Präsenz darin – selbst fragil und unbeständig – ein unauflösliches Spannungselement ins Spiel bringt.

Ergänzt wird das Filmprogramm durch ein Fragment des ukrainischen Regisseurs Felix Sobolev (1931–1984). In Seven Steps Beyond the Horizon (1968) bilden Experimente sowjetischer WissenschaftlerInnen den Ausgangspunkt, um über noch unentdeckte bzw. „übernatürliche“ Fähigkeiten des menschlichen Geistes zu reflektieren. Im hier gezeigten Fragment geht es um das Lenken eines Fahrzeugs mit verbundenen Augen – einem überaus symbolträchtigen Versuch, die Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten des Gehirns weiter zu beschleunigen.

Eine eigene, kleine Station der Ausstellung bildet die Audio-Installation collective conversation (The School of Kyiv) (2014/15) von Ricardo Basbaum (*1961, São Paulo). Das Hörstück basiert auf einem Stimmensemble, wobei die TeilnehmerInnen eines Workshops ein gemeinsam verfasstes Skript vortragen und so ein rhythmisches Geflecht aus unterschiedlichen Stimmen und Sprachen erzeugen. Die Konversation dreht sich um Aspekte der sogenannten „Pädagogik der Avantgarde“, worin Fragen über das Lokale/Globale, die Schockwirkung des Kunstwerks bzw. Körpers sowie über das künstlerische Schaffen generell angesprochen werden.

Skulpturen des österreichischen Künstlers Heinz Frank (*1939, Wien) ergänzen das Display. Die Arbeiten, zum überwiegenden Teil aus den 1970er- und frühen 1980er-Jahren stammend und bislang nur selten in österreichischen Institutionen zu sehen, gehen meist auf Textnotizen zurück. Frank, ein gelernter Architekt und Möbeldesigner, behauptet, für seine Arbeit nie die „richtigen Materialien“ gefunden zu haben. Er verwendet Holz, Metall, Farbe und andere Stoffe und arrangiert diese zu spannungsvollen Gebilden. Im Mittelpunkt stehen dabei stets die mit Bleistift festgehaltenen Gedankensplitter – da Bleistift laut Frank „ausradiert und die Texte, falls nötig, jederzeit wiederkehren können“.

Derlei Zurückholen ist insgesamt eines der Zentralmotive der Ausstellung Kiev, Moscow and Beyond – 20 Years of springerin. Nicht nur wird der Weg zurück bis zu den allerersten Ausgaben begangen, sondern es wird umgekehrt auch erfahrbar, welche – oft unvermuteten –Diskursräume diese 20jährige Geschichte immer wieder eröffnet hat.

Kuratiert von springerin – Christa Benzer, Christian Höller, Hedwig Saxenhuber, Georg Schöllhammer – in Zusammenarbeit mit Johannes Porsch (Ausstellungsdesign) und Ruth Lang (Projektkoordination)

 

Gefördert durch das Bundeskanzleramt Österreich


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