Akademie der bildenden Künste Wien
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9.10.2021
30.1.2022

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Nach lockdownbedingter Schließung sind von 4.5. bis 15.5.2021 im Ausstellungsraum der Akademie der bildenden Künste Wien die Gruppenausstellung „The Use of Landscape“ und die Präsentation der Cathrin Pichler-Preisträgerin 2020 „Angela Anderson. Ecosexual Time and the Subversive Multiplicity“ zu sehen. Sie läuten den thematischen Schwerpunkt „Fokus Natur“ in der zeitgenössischen Ausstellungstätigkeit der Akademie im Jahr 2021 ein. Klimawandel und Pandemie haben der Reflexion der Beziehung von Menschen und Natur neue Dringlichkeit verliehen. Die Frühjahrsausstellungen der Akademie der bildenden Künste Wien zeigen individuelle künstlerische Zugänge zu diesem Themenkomplex: sei es in der kritischen Verhandlung von Naturbegriffen, -konzepten und -ideologien, in der bewussten Auseinandersetzung mit der Landschaft als Erfahrungsraum oder auch – wie im Fall der Cathrin Pichler-Preisträgerin Angela Anderson – über eine Position feministischer Öko-Intersektionalität.

The Use of Landscape
Die Ausstellung „The Use of Landscape“ präsentiert Arbeiten von zehn Studierenden aus dem Fachbereich „Kunst und Fotografie“ der Akademie der bildenden Künste Wien und aus dem Department für Fotografie und Video der National University of Arts Bucharest. Am Beginn eines einjährigen Workshops, dessen vorläufiger Schlusspunkt die Ausstellung ist, stand ein Gedanke des Philosophen Jean-François Lyotard. Er reflektierte im Jahr 1989 über das Verhältnis von Menschen und Natur und wie man dieses in Hinblick auf das Erlöschen der Sonne und damit das Ende der Erde denken kann. Lyotards Überlegungen sind Ausdruck eines damals neuen Blickes auf die Erde: wir erleben und beobachten Umweltzerstörung, Klimawandel – haben aber letztendlich Natur im menschlichen Leben vergessen. Die Arbeiten in der Ausstellung greifen diese Stimmung auf. „Als Künstler_in dieser Mensch–Natur-Beziehung nachzugehen und die Erde, auf der wir folgenreich stehen, unmittelbar zu erfahren und zu beobachten, war im einjährigen Prozess des Workshops die eigentliche Herausforderung“, so Michael Höpfner, Lehrender an der Akademie der bildenden Künste Wien im Fachbereich „Kunst und Fotografie“. Die Studierenden fanden in dieser Zeit der direkten Auseinandersetzung mit dem Erfahrungsraum Natur zutiefst persönliche Zugänge, die den Gebrauch der Landschaft – „The Use of Landscape“ – zu einer existentiellen Frage veränderten. „Wir haben versucht uns von Ideologien zu befreien und stattdessen auf das reine Beobachten und Entdecken zu setzen um ohne Begriffe und Konzepte einen Arbeitsprozess zu starten. Die künstlerischen Arbeiten der Studierenden entstanden aus mentalen und physischen Beobachtungen und Erfahrungen“, erklärt Michael Höpfner.

Momente zwischen menschlicher Konstruktion und Zufall
Die Landschafts- oder Detailaufnahmen von Dominik Buda verdanken sich seinen direkten Reaktionen auf die Natur und haben nur auf den ersten Blick rein dokumentarischen Charakter. Im näheren Betrachten irritieren subtile Eingriffe in vorgefundene Bedingungen: ein Zahnstocher, der in einem Stamm steckt, Dornen, die in entgegengesetzte Richtung wachsen. Es sind Momente zwischen menschlicher Konstruktion und Zufall, die der Künstler auch in der Arbeit Parabelflug sucht, in der ein Ast gleichsam dem Flug eines Basketballes nachgibt.

EIn Basketball fliegt an einem gebogenen Ast vorbei Dominik Buda, Parabelflug, 2021, © Dominik Buda 

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Geschichten, Utopien und Ausbeutung eingebettet in Abläufe der Natur
In ihren Fotografien betont Elena Kristofor den Wald in seinen formalen Strukturen, der insbesondere durch die Vertikalität der Baustämme geprägt ist, und lässt diese stellenweise installativ in den Raum wachsen. Für die Künstlerin, die mit dem Horizont der Steppe aufgewachsen ist, ist Wald eine fremde Natur, die beengend und beängstigend wirkt.
Der Respekt vor der Natur resultierte häufig in den Wunsch diese zu beherrschen und zu kontrollieren. Vorstellungen, die Diana Păun in ihrer Installation bewusst adressiert. Sie arbeitet mit Satellitenfotos von Rodungsstätten, die über den Blick aus der Distanz weniger Dokument der Abholzung, denn – vergleichbar zu Kristofors Arbeiten – formale Strukturen darstellen.
Um die Rückeroberung der Kultur durch die Natur kreisen hingegen die Arbeiten von Cătălina Cosma. Diese behandelt in einem dokumentarisch anmutenden Video einen Vorort in Bukarest, der in den 1920er-Jahren als alternative Vorstadt mit Selbstversorgungsfarm geplant wurde. Als Bewohnerin dieses Stadtteils beobachtet sie diese Anlage seit ihrer Kindheit und dokumentiert das inzwischen verlassenen Areal, das, wie die ihm zugrunde liegende sozialistische Utopie, von der Natur zusehends überwuchert wird. Der Vergänglichkeit von Kultur scheint die Natur gegenüberzustehen.

Ein roter und ein weißer Stab sind zwischen Bäumen gespannt Elena Kristofor,
Ohne Titel, 2020,
© Elena Kristofor
 

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bunte Äste lehnen an der Wand, im Vordergrund stehen Baumstümpfe Elena Kristofor, Entwurf eines Waldes in der Steppe, 2021, (Vordergund) Diana PăunCodrul secular Giumalău, Suceava, Romania, 2021, Foto: Lisa Rastl 

Aufnahme einer Waldes von oben Diana Păun, Pasul Mestecăniș ,Suceava, Romania (2), 2021 (Detail), © Diana Păun 

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Ein Mensch steht vermummt und mit Kapuze vor einem Gartenzaun Cătălina Cosma, Impromptu forest – a study of artificial nature, 2020 – 2021,
© Cătălina Cosma
 

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„Zurück zum Ursprung“
Nora Severios
beobachtet Natur anhand von Pflanzen, die dem Menschen folgen: Brennnesseln etwa, die im Mühlviertel neben jedem Bauernhof wachsen. Das Unkraut war eine wichtige Faser, die verarbeitet wurde – Severios eignet sich diese traditionellen Verarbeitungstechniken an und überführt sie in ihre Installationen: Einmachgläser, mit Wasser und pflanzlichen Farbstoffen gefüllt, färben die Nesselstoffe und -fasern durch die Wärme der Sonne.
Eine vergleichbare Dialektik zeichnet auch die Fotografien von Denise Lobont aus, in denen sie Sonnenanbeter an einem beliebten Schwarzmeerstrand festhält. Die Urlaubsstimmung, welche die Fotografien auf den ersten Blick vermitteln, trügt jedoch: im Fokus der Auseinandersetzung steht die Frage, wie sehr wir der Natur, von der wir meist eine zu idyllische Vorstellung haben, ausgesetzt sind und wie sie uns auch in Angst und Schrecken versetzen kann. Lobont zeigt dieses Ausgesetztsein über Spuren auf unserer Haut in Form von Sonnenbränden auf – vergleichbar mit der Lichtzeichnung der Fotografie.

Gläser mit bunter Flüssigkeit darin Nora Severios, 150 million kilometers away, 2021 (Detail),
© Nora Severios
 

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Eine Frau in einem blauen Badeanzug sitzt am Strand, man sieht einen Sonnenbrand auf ihrem Rücken  Denise Lobont,
Woman on Eforie Sud Beach no. 2, 2021,
© Denise Lobont
 

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Eine junge Frau geht durch Gläser mit bunter Flüssigkeit, an der Wand hängen bunte Fotos (an der Wand) Denise Lobont, Sun Dazed no. 1–7, 2021, (auf dem Boden), Nora Severios, 150 million kilometers away,
2021, Foto: Lisa Rastl
 

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Erleben von Natur an Orten der eigenen Biografie
Die Fotografien von Amy Casilda Bartoli entstanden auf Wanderungen in einsamen Kalkplateaus ihrer maltesischen Heimat, die von ihrer Familie noch am Anfang des 20. Jahrhunderts als Weiden benutzt wurden. Sie werden in der Ausstellung teilweise ineinander oder übereinander gelegt präsentiert, um das Gesehene in Schichtungen wiederzugeben. Der Frage nach ihrem eigenen Sein geht die Künstlerin am explizitesten in ihrer Werkserie von Keramikmasken nach. Deren Formen zeigen unterschiedliche Stadien eines sehr spezifischen visuellen Prozesses: Bartoli ließ ihr Portrait immer und immer wieder durch eine Software zur Gesichtserkennung bis hin zur Unkenntlichkeit laufen. Über ihre Anordnung an der Wand gleichen die amorphen Masken jedoch mehr dem Musterspiel der Gesteinsformationen, welche Bartolis Fotografien zeigen, als einem menschlichen Gesicht.
Die Arbeiten von Flora Franke nehmen diesen Moment der Suche nach dem Selbst auf: der Moment der Spiegelung des Ich auf der Wasseroberfläche. Die Methode der Cyanotopie, eine direkte Form der fotografischen Abbildung, ermöglicht es der Künstlerin haptisch, selbst im Wasser, mit dem Wasser zu arbeiten. Ihre Arbeiten bestechen im ersten Moment durch die Abstraktheit der detaillierten Oberflächenstrukturen von Wasser. Nach längerem Betrachten meint man Formen, Figuren und Gesichter in den Mustern zu erkennen. Die Oberfläche des Wassers wird so zum Spiegelbild der Suche des Menschen nach sich selbst in der ihn umgebenden Welt.
Vlad Dinu und Patric Pavel
begeben sich in ihrer Arbeit unseen über Monate immer wieder in bestimmte Wälder um Bukarest, die vor allem von österreichischen Unternehmen ausgebeutet werden. Diese Urwälder sind den Künstlern ebenso wie der lokalen Bevölkerung jedoch wichtiger Bestandteil ihrer eigenen Geschichte. In einem vielteiligen Video werden diese Wälder und die gerodeten Baumstämme aus verschiedenen Perspektiven aufgenommen und mit Drohnen überflogen. Diese versuchte Gesamtsicht der eigenen Wahrnehmung, die immer auch scheitert und ungesehen bleibt, verfolgen die beiden auch in den Fotografien, in denen einzelne Bäume immer wieder über den Lauf eines Jahres aufgesucht und fotografiert werden.

Eine Frau liegt auf dem Rücken auf einem Stein Amy Casilda Bartoli,
Dès lors je suis avec une horrible fascination le processus de déshumanisation don’t je sens en moi l’inexorable travail, 2020, © Amy Casilda Bartoli
 

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Ein schwarzer Stein unter Wasser Flora Franke, Eberlsee,
August 2020,
© Flora Franke
 

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Ein Baum eingerahmt von einem Stoffrahmen Vlad Dinu und Patric Pavel, unseen, 2021, © Vlad Dinu und Patric Pavel 

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