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(Stories of Traumatic Pasts: Counter-Archives for Future Memories)

Die Ausstellung der Akademie der bildenden Künste Wien ist Teil des am Haus angesiedelten FWF Forschungsprojektes „Genealogie der Amnesie“

Die Ausstellung „Geschichten traumatischer Vergangenheiten – Gegenarchive künftiger Erinnerungen“ thematisiert das systematische Verschweigen und Vergessen von Kolonialismus in Belgien, des Nationalsozialismus und des Holocaust im österreichischen Raum während der Zeit des Nationalsozialismus und den Genozid während des Krieges im ehemaligen Jugoslawien. Diese drei europäischen Regionen, ihre Geschichten und ihre teilweise immer noch gegenwärtige „kollektive Amnesie“ in Bezug auf die traumatischen Vergangenheiten stehen im kritischen Fokus der Präsentation. Die gezeigten künstlerischen Positionen sind Interventionen in Gegenwart und Zukunft und bilden Gegenerzählungen gegen das Vergessen. Oft von Künstler_innen geschaffen die in Ihren Herkunftsländern kein Gehör für ihre kritischen Zugänge finden, legen die Arbeiten die Pluralität des Denkens, der Gemeinschaft, der Geschichte und der Erzählungen frei und beleuchten die Allianzen von Erinnerungen und Geschichte. 

„Das Forschungsprojekt und die daraus hervorgegangene Ausstellung befassen sich ausdrücklich nicht nur mit der Vergangenheit, wie sie sich im Licht heutiger Blickwinkel darstellt, sondern auch mit der Zukunft. Von unser aller Reaktion auf die schicksalhaften Zusammenhänge von Verdrängung und dem darin verborgenen Wiederholungszwang hängt ab, wie lebenswert wir diese Zukunft gestalten werden können“, so Johan Hartle, Rektor der Akademie der bildenden Künste Wien und zuständig für den Bereich Forschung.

„Das Weltmuseum Wien ist ein demokratischer Ort, an dem auch Stimmen von außen Raum gegeben wird. In diesem Sinne freuen wir uns der Akademie der bildenden Künste Wien unsere Ausstellungsflächen zur Verfügung zu stellen um dieses Projekt einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Die Themen des interdisziplinären Forschungsprojekts, die im Rahmen dieser Ausstellung künstlerisch verhandelt werden – Kolonialismus, Antisemitismus und die Konstruktion nationaler Identität im Zeichen kollektiver Amnesie sowie das Schicksal von Flüchtlingen im heutigen Europa – , sind genau jene, denen sich das Weltmuseum Wien stellen will und muss – auch wenn es angesichts der eigenen Geschichte schmerzvoll ist“, sagt Christian Schicklgruber, Direktor des Weltmuseum Wien.

Video der Kuratorin die die Ausstellung erklärt Die Co-Kuratorinnen Sophie Uitz und Marina Gržinić fassen die Ausstellung zusammen 

ABSPIELEN

Viele traumatische Vergangenheiten – ein Europa
„Ausgangspunkte der Forschung war die Frage, wie man künstlerisch und wissenschaftlich ein System von Interventionen im Umgang mit der traumatischen Vergangenheit, die untrennbar mit Genoziden verwobenen sind, entwickeln kann“, so Marina Gržinić, Projektleiterin des an der Akademie angesiedelten FWF-Forschungsprojektes „Genealogie der Amnesie“, das die inhaltliche Basis der Ausstellung bildet. Untersucht wurden die Nachwirkungen des Kolonialismus im Belgien seit 1885, die Zeit des Nationalsozialismus im österreichischen Raum, unter besonderer Betrachtung des Holocausts (1938-1945) und der Turbo-Nationalismus in Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Serbien, der „Republika Srpska“ oder der „Serbische Republik“ von 1990 bis heute.

Kolonialismus in Belgien
Die Untersuchungen fokussieren auf Belgiens Entwicklung seit der Unabhängigkeitserklärung des Kongo und der Verehrung der Kolonialisten und der Politik des für den Genozid verantwortlichen König Leopold II. am Beispiel von zahllosen Denkmälern im öffentlichen Raum. Dieses Kapitel der Geschichte Belgiens wird erst seit den 1990er-Jahren aufgearbeitet. Noch heute herrscht jedoch vielerorts das Bild vor, dass dem Kongo Wohlstand und Modernität gebracht wurde, dem sich zahlreiche Wissenschafter_innen und Künstler_innen entgegenstellen.
Monique Mbeka Phoba (*1962, Brüssel)
zeigt dazu in ihrer Arbeit „Jeder Belgier wird auch durch sein Verhältnis zum Kongo definiert, 2020“ Familienalben, Oral History in Form von Geschichten und Anekdoten ihrer Eltern und Großeltern erzählen von der Kolonialzeit im Kongo bis hin zur Unabhängigkeit als Republik im Jahr 1960.
In „K o l o n i a l i t ä t / G e s e l l i g k e i t ?, 2020“ laden Joëlle Sambi Nzeba (*1978, Brüssel) und Nicolas Pommier (*1984, Saint-Malo) ein, sich, konfrontiert mit einer großen, reichlich gedeckten Tafel der Frage zu stellen, ob es möglich ist Schmerzen verstummen zu lassen und Traumata zu ignorieren, sich quasi trotzdem „gemeinsam an einen Tisch zu setzen und zu essen“.
Elisabeth Bakambamba Tabwe (*1971, Kinshasa)
hinterfragt mit ihrer Video-Intervention die Institution des Museums an sich und merkt an, dass Museen sich selbst nicht länger als Ort verstehen können, an denen „die Wahrheit“ gemäß eines einzigen Wissensbereichs präsentiert wird. Um dem Ausdruck zu verleihen überwacht ein riesiges Auge eine der Hauptvitrinen im Saal "Sammlerwahn. Ich leide an Museomanie!" des Weltmuseum Wien. In der Vitrine befinden sich u. a. sogenannte "Chrarakterköpfe" aus Indien. Das Auge regt dazu an die ausgestellten Objekte, die von der Künstlerin als „abgeschlagene Köpfe“ interpretiert werden, ebenso zu hinterfragen, wie die, die sie betrachten.

Eine blonde Frau steht vor 2 Familienbildern Ausstellungsansicht: Monique Mbeka Phoba, A Family Album, 2020, © Monique Mbeka Phoba, Foto: İklim Doğan 

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Hände in 6 verschiedenen Positionen Joelle Sambi Nzeba und Nicolas Pommier, Congolese Hands, 2020 © Joëlle Sambi Nzeba und Nicolas Pommier 

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Eine Vitrine mit einem Bildschirm auf dem ein Auge zu sehen ist, die Vitrine ist voll von unterschiedlichen Gegenständen aus der Sammlung Franz Ferdinands Elisabeth Bakambamba, The Eye, 2020, Installationsansicht aus dem Weltmuseum Wien, Foto: İklim Doğan 

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Turbonationalismus am Balkan
Der Turbonationalismus, der Genozid und der Krieg in Bosnien und Herzegowina ist ebenso Gegenstand des Forschungsprojektes wie auch der Ausstellung im Weltmuseum Wien. „Die grausame Politik der ethnischen Säuberungen, die sich gegen Muslim_innen, Kosovo-Albaner_innen, Roma und Sinti sowie die LGBT_QI-Community richtete sind noch lange nicht im kollektiven Gedächtnis Europas und in der Geschichtsschreibung angekommen,“ sagt Marina Gržinić, eine der Kuratorinnen der Ausstellung und Leiterin des Forschungsprojektes an der Akademie. Was in ihren Herkunftsländern oft schwer zu thematisieren ist zeigen die Künstler_innen nun im Weltmuseum Wien. Bojan Djordjev (*1977, Belgrad) und Siniša Ilić (*1977, Belgrad) bieten mit ihrer Arbeit „Topografien der Emanzipation und des Zwangs“ eine über politische und geografische Einheit hinausgehende Übersicht, die weit auseinanderliegende historische und gegenwärtige Ereignisse und Ideen zu Überlegungen über Emanzipation und ihre Zerstörung verbindet. Sie stellen antikoloniale und antiimperiale Ereignisse wie Vertreibung, Migration, Ausbeutung, Überleben oder Rebellion, gegenwärtigen Bedingungen gegenüber. Den lyrischen Titel „Die Stille des Balkans, 2020“ trägt eine Augmented-Reality-Installation von Valerie Wolf Gang (*1990, Ljubljana), die sich mit dem abstrakten Zustand der Erinnerung auseinandersetzt. Die Künstlerin fuhr die sogenannte „Balkanflüchtlingsroute“ in die gegengesetzte Richtung zu den Flüchtenden mit dem Auto ab und sammelte und archivierte im Zuge ihrer Feldforschung Fotos, Tonaufnahmen und Videos ihrer Reise. Unterstützt durch die Augmented-Reality-Technik können die Besucher_innen diese Reise nacherleben. Die traumatische Zeit der Belagerung Sarajewos, der Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina, während des Bosnischen Krieges (1992 – 1996) erzählt die Klanginstallation von Lana Čmajčanin (*1983, Sarajevo) und Adela Jušić (*1982, Sarajevo) mit dem Titel „Gutenachtgeschichten, 2011“. Es war aber zugleich auch eine Zeit der Stärke und des Widerstands, in der Musik eine große Rolle spielte. Um sie zu hören traf sich die Jugend in kommunalen Kellerräumen. Für ihren Zugang zu diesem Trauma und dieser musikalischen Erfahrung entschieden sich Čmajčanin und Jušić für einen Doppelstrang aus Klängen und Tönen. Nur wenige werden die im Hintergrund zu hörender bosnischer Sprache verstehen, die zum Klang greifbarer Angst wird. Gleichzeitig erinnert die von einer Erzählerin mit weicher Stimme vorgetragene englische Übersetzung an die Stimme einer Mutter, die uns Gutenachtgeschichten erzählt.

graue Wasserfarbe auf Papier Sinisa Ilic, Conference Room with a View over the Mediterranean, 2015, © Sinisa Ilic 

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Ausstellungsansicht_Lana Cmajcanin and Adela Jusic Lana Cmajcanin und Adela Jusic, Gutenachtgeschichten_2011, Foto: İklim Doğan  

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Eine überkritzelte Landkarte Valerie wolf Gang, Die Stille des Balkans, 2020, © Valerie Wolf Gang 

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Ausstellungsansicht Valerie Wolf Gang Valerie Wolf Gang, Ausstellungsansicht, Silence of the Balkans, 2020, Foto: İklim Doğan 

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Nationalsozialismus in Österreich
Die Zeit des Nationalsozialistischen Terrors und die Erinnerung, aber auch die Aufarbeitung der begangenen Verbrechen ist ein weiterer Schwerpunkt der Ausstellung und der Forschungsarbeit. Auf Spurensuche in der eigenen Familie macht sich Anja Salomonowitz (*1976, Wien). In Interviews mit drei Frauen aus ihrer eigenen Familie, die an der Erziehung der Künstlerin wesentlich beteiligt waren. Ihre jeweiligen Rollen in der Zeit des Nationalsozialismus im österreichischen Raum könnten nicht unterschiedlicher sein. Die Großtante, die Auschwitz überlebt hat, das sozialistische Kindermädchen im Widerstand und die Großmutter, die zuschaute und nichts tat. Anja Salomonowitz konfrontiert sich und ihre Familie im gezeigten Film mit den unterschiedlichen Erinnerungen und reflektiert diese widersprüchliche Aufgabe aus dem Off. Wenig bekannt ist die Geschichte von Ludwig Mies van der Rohe, der sich als einer der wesentlichen Lehrenden des „Bauhaus“ weigerte politisch Stellung zu beziehen. Trotz des Drucks der gerade an die Macht gekommenen NS-Regierung, wie auch der kommunistischen Studierenden blieb die Leitung apolitisch. Mit der Arbeit „Neutralitätsfelder (Das letzte Interview mit Ludwig Mies van der Rohe), 2019“ermöglicht der Künstler Dani Gal (*1975, Jerusalem) Einblicke in die letzten Tage des Bauhauses, den Zusammenstößen mit den faschistischen Kräften, aber auch in unsere eigenen moralischen Annahmen – damals wie heute. Martin Krenn (*1970, Wien) stellt in seiner Videoinstallation „Österreich ist ein wunderbares Land, 2020“ die Frage, wie es möglich war, dass während der Tage des „Anschlusses“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich zu den Pogromen kommen konnte, den sogenannten „Reibepartien“. Titelgebend für die Kombination aus Augenzeug_innenberichten und historischen Fotos ist der erste Satz des Regierungsprogramms 2020 – 2024. Die Wirklichkeit des Lebens eines Geflüchteten, das in Europa eine radikale Abwendung vom humanitären Zugang hin zu einer tödlichen laissez-faire Einstellung erfährt, untersucht Arye Wachsmuth (*1962, Hamburg) in seiner Arbeit „Derocide, 2020“. Ausgangspunkt für Wachsmuths Arbeiten sind immer konkrete Bilder und Materialien, die sich zwischen Archiven und Selbstreflektion, zwischen Momentaufnahmen und entblößten Machtstrukturen bewegen und ein Aufruf zum Handeln sind.    

Eine alte Frau sitzt auf einem Bett und schwingt eine rote Fahne mit dem Zeichen der Sozialdemokratie Anja Salomonowitz, Das wirst du nie verstehen, 2003, © Anja Salomonowitz, Courtesy of sixpackfilm_ID 

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Ausstellungsansicht Arye Wachsmuth Arye Wachsmuth, Ausstellungsansicht, Decerocide, 2020, Foto: İklim Doğan 

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Bodenplatte mit dem Schriftzug "Österreich ist ein wunderbares Land", and er Wand ein Video und ein schwarz/weiß-Foto Martin Krenn, Österreich ist ein wunderbares Land, 2020, Installationsansicht, Foto: İklim Doğan 

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Eine Frau sitzt an einem Tisch und interviewt einen alten Mann Dani Gal, Fields of Neutrality (The Last Interview with Ludwig Mies van der Rohe), 2019,© Dani Gal 

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Eine Studienecke mit Videointerviews, ein interaktiver Multitouch-Tisch, der die Verbindungen von Kolonialismus, Antisemitismus, Holocaust und Widerstand im österreichischen Raum während der Zeit des Nationalsozialismus und Turbo-Nationalismus zeigt, sowie die Ergebnisse von künstlerischen Workshops an der Akademie der bildenden Künste Wien vervollständigen die Ausstellung.


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