Akademie der bildenden Künste Wien
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Premiere und Präsentation Film- und Fernsehstudio | 20.04.2007, 17.00 h
Ort | Akademie der bildenden Künste Wien, Lehargasse 6-8, 1060 Wien, Mehrzwecksaal, 2.Stock

 

© Constanze Ruhm, Still aus "X Love Scenes", 2007

 

Premiere und Präsentation Film- und Fernsehstudio | Fr, 20.04.2007, 17.00 h
Begrüßung | Stephan Schmidt-Wulffen, Rektor der Akademie der bildenden Künste Wien

KünstlerInnengespräch | Fr, 20.04.2007, 18.00 h
Constanze Ruhm im Gespräch mit Sabeth Buchmann, Professorin für Kunstgeschichte der Moderne und Nachmoderne

Ausstellungseröffnung | Fr, 20.04.2007, 19.00 h
Engholm Engelhorn Galerie, Schleifmühlgasse 3, 1040 Wien

X LOVE SCENES | Pearls Without A String 2007
Drehbuch, Regie, Produktion | Constanze Ruhm
Farbe | Ton | 50 min | 24 fps

Darstellerinnen:

Judith van der Werff
Josefin Platt
Melanie Herbe

X Love Scenes ist der fünfte Teil des als Serie angelegten Projektes "X Characters" von Constanze Ruhm, in dessen Mittelpunkt der Versuch steht, die Identitäten ikonischer weiblicher Figuren aus der Kinomoderne als zeitgenössische Versionen fortzuschreiben. Ausgangspunkt ist eine Ur-Trope des Kinos, die bis zu Edisons May Irwin Kiss aus dem Jahr 1896 zurückreicht - die filmische Konvention der Liebesszene, die hier als unaufgelöste, traumatische Wiederholung inszeniert wird.

X Love Scenes wurde 2006/2007 im neu eingerichteten Film- und Fernsehstudio der Akademie der bildenden Künste Wien, welches zur Premiere der Öffentlichkeit erstmals präsentiert und zugängig gemacht wird, gedreht und produziert.

Der Film wurde gefördert vom Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur, dem Kulturamt der Stadt Wien und der NÖ Kultur.

ConstanzeRuhm     © Constanze Ruhm, Still aus "X Love Scenes", 2007    

SYNOPSIS

X Love Scenes ist der fünfte Teil des als Serie angelegten Projektes X Characters, in dessen Mittelpunkt der Versuch steht, die Identitäten ikonischer weiblicher Figuren aus der Kinomoderne als zeitgenössische Versionen fortzuschreiben. Die bisher realisierten Produktionen (A Memory of the Players, 2001; Coming Attraction, 2002; X Characters/RE(hers)AL, 2003; X NaNa/Subroutine, 2004; X Love Scenes, 2006/7) sind interdisziplinär angelegt und untersuchen Formen weiblicher Identität innerhalb zeitgenössischer Kunstpraxen mit Blick auf die Geschichte von kinematografischen und theatralen Formen, sowie auf die Rolle der Neuen Medien.

Eine Schauspielerin, eine Regisseurin und ein Scriptgirl auf einem Filmset; der männliche Hauptdarsteller ist abwesend. Er wird durch eine Markierung - ein weißes Kreide-X auf einem schwarzen Flag - ersetzt. Während das Scriptgirl seinen Text einliest, spielt die Schauspielerin ihre Liebesszene gegen eine Leerstelle. Diese Figur basiert auf der Giuliana aus Antonionis Il deserto rosso (1964). Wie alle in X Characters / RE(hers)AL vorgestellten Figuren befindet sich auch Giuliana in einem Zustand kontinuierlicher Transformation. Seit ihrem ersten "Auftritt" in X Characters hat sich die ursprüngliche Einheit der nun zur Schauspielerin gewordenen Giuliana in mehrere Sub-Charaktere aufgespaltet. Diese stellen neue Versionen der Bree aus Klute (Alan J. Pakula 1971) und der Hariaus Solaris (Andrej Tarkovsky 1972) dar, die ebenfalls bereits in X Characters angelegt wurden. Das Scriptgirl geht auf Nana aus Godards Vivre sa vie (1962), und auf die in X Characters und X NaNa daraus entwickelten Varianten zurück. Allein die Figur der Regisseurin beruht auf keiner filmhistorischen Vorlage.

Die Einheit von Giulianas Identität wird durch den Rückbezug auf ihre Vergangenheit als "Ikone" filmischer Repräsentation von Weiblichkeit zwar noch referenziert, jedoch wird nun -in Anlehnung an die instabile psychische Verfassung, die sie in Il deserto rosso an den Tag legt - der Aspekt ihrer latent gespaltenen Persönlichkeit ins Zentrum der Geschichte gerückt, um Giuliana gleichzeitig als "receiver", "router" und "splitter" für die Signale der anderen Figuren (Bree, Hari) in Szene setzen zu können.

Die fünf Sequenzen markieren die Stationen einer Liebesgeschichte von der ersten Begegnung bis zur Trennung, und sind jeweils einer Figur gewidmet. Die darzustellenden Liebesszenen beziehen sich auf die entsprechenden filmischen Vorlagen, und werden in immer neuen Versionen geprobt. X Love Scenes konzentriert sich auf die ineinander verwobenen Figurenfragmente als rhizomatische Updates und identitäre Relaisstationen, die codierte Botschaften aus einer technologisch inszenierten "comédie humaine" übermitteln. Die "andere Seite" des Blicks auf die/den "Geliebte/n" wird als Einstellung auf den Produktionsapparat als imaginäres Off und so als Gegenschuß zu einem Begehren inszeniert, das der filmischen Liebesszene unauslöschlich eingeschrieben ist, hier jedoch ins Leere läuft.

LOVE SCENE

Maureen O'Hara beschreibt in ihren Erinnerungen an die Dreharbeiten zu dem Film Against All Flags die Methode, die häufig zum Einsatz gelangt, wenn einer der beiden Schauspieler als Gegenüber nicht zur Verfügung steht. Das Scriptgirl liest den Text des abwesenden Schauspielers ein; ein Stand-In ersetzt dessen "Körper" und dient als Projektionsfläche für Blicke und Emotionen. In X Love Scenes wird das (menschliche) Stand-In weiter abstrahiert: zu einer weissen Kreidemarkierung auf schwarzem Grund.

Es zeigen sich die Ränder und Leerstellen der filmischen Konstruktion selbst; gleichzeitig nimmt X Love Scenes jenen Moment in den Blick, in dem die filmische Figur "Menschlichkeit", "Begehren", "Liebe" darstellen soll. Innerhalb ihrer Psyche markiert das "X" symbolisch die Stelle, an welcher unterschiedliche historische und zeitgenössische Formen des Begehrens mit den wechselnden und instabilen Identitäten der Figur konvergieren.

Die Sprache benennt das Mögliche. Wie könnte man etwas kombinieren, das keinen Namen hat, den Gegenstand = X? Molloy sieht ein merkwürdiges kleines Ding vor sich, bestehend aus "zwei X, die an der Stelle, wo die Striche sich kreuzten, durch ein Stäbchen miteinander verbunden waren... (dieses Ding) stand in jeder seiner vier Grundstellungen gleich fest, ohne sein Aussehen zu ändern." Wahrscheinlich werden künftige Archäologen, wenn sie etwas derartiges in unseren Ruinen finden, darin wie gewöhnlich einen Kultgegenstand sehen, der bei Gebeten oder Opferhandlungen bentuzt wurde. Gilles Deleuze, Erschöpft, in: Samuel Beckett, Quadrat. Stücke für das Fernsehen. Mit einem Essay von Gilles Deleuze.

X / MARKER

Die Positionsmarkierungen aus X Characters / RE(hers)AL, die in der ersten Einstellung zu sehen sind - werden in X Love Scenes wieder aufgenommen und von einer horizontalen in eine vertikale Position verlagert. Aus dem "Standpunkt" wird ein "Gegenüber", die Position der Schauspielerin wird mit einer markierten Leerstelle kurzgeschlossen. Das "X" wird zu einem Zeichen, das vielleicht einen Beginn anzeigt - den Beginn einer Passage oder die Rückkehr zu einer verlorengegangenen Einheit. Die sieben Positionsmarkierungen, die am Anfang von X Characters stehen, konvergieren hier zu einer Form von Absenz, die von den verschiedenen, auseinanderstrebenden Identitäten der Figur aufgeladen wird: ein Abstraktum als Zeichen einer Abwesenheit, der die Schauspielerin ungebrochen und umsomehr, ihre Liebe erklärt. Das "X" verwandelt sich von einer individuellen Positionsmarkierung, die den Ort der Performance bezeichnet, in eine universelle Identität, die nicht mehr bloss eine Figur und deren Standpunkt benennt, sondern die Position vonzeitgenössischem Kino zu lokalisieren versucht.

CINEMA / LOVE

Die Figur der Giuliana ist eine Agentin der Sehnsucht, eine etwas konfuse Botschafterin ihres eigenen Begehrens, und eine menschliche Projektionsapparatur. Die scheinbare Logik ihrer Vorschläge, Fragen und Anspielungen wird von ihrer Sehnsucht nach Liebe verraten.

Die filmische Konvention der Liebesszene ist Ausgangspunkt der Inszenierung von X Love Scenes. Die "Liebesszene" wird hier in einer verdoppelten szenischen Auflösung (als Film-im-Film, und als "making-of"-Produktion) als standardisierte narrative und dramaturgische Wendung und als formalisiertes Begehren gezeigt, das an der Nahtstelle zwischen Schuss und Gegenschuss, im Schnitt zwischen den wechselnden Einstellungen, als das Verdrängte lokalisiert wird.Die Form, in der die Schauspielerin zu einem geliebten Gegenüber spricht, wird hier suspendiert: der normalerweise erforderliche Gegenschuss auf das Gegenüber, der benötigt wird, um dem Publikum die Szene realistisch glaubhaft zu machen, wird als sichtbare Leerstelle, als Absenz des Geliebten (des anderen Schauspielers) inszeniert.

Die Geschichte der Liebe, die Liebesgeschichte, die Liebe im und zum Kino sind der Kinogeschichte von Anbeginn an unauslöschlich eingeschrieben. Giuliana und die "durch sie hindurch" entwickelten Subcharaktere werden am offenen Endpunkt der Erzählung durch die Liebe, durch das unstillbare Verlangen wieder vereinigt, eine fiktive Figur in einen wirklichen Menschen zu verwandeln. An diesen Figuren zeigt sich Leidenschaft als eine Form der Fiktion, die der Wirklichkeit der Liebe entgegengesetzt ist. In den immer neuen Varianten und Versionen, in welche die Schauspielerin Giuliana sich verwandelt, wird diese Leidenschaft als eine artifizielle Konstruktion gezeigt, die gegenüber der Kamera wirksam wird, welche - gleichsam als objektive Instanz - ein "Liebesgeständnis", eine "confession", aufzeichnet. So wird ein Blick auf die andere Seite der Darstellung möglich: auf die Variationen der Haltung und des Texts, auf den Abstand zwischen fiktiven und realen Figuren.

Im Versuch, die Sprachen des Kinos und der Neuen Medien zu überlagern, wird eine Koordinate markiert und ein Ort des Übergangs bezeichnet, welchen die Figuren passieren müssen - sie werden geleitet, "gechannelt" wie angerufene, beschworene Geister. Die Anrufungsformel:Residuen eines Textes, rasch hingeworfene Zeilen aus einem Logbuch, das "Identität" registriert: Fragmente einer Liebeserklärung, die an einen unbekannten Adressaten gerichtet ist - vielleicht an das Kino selbst.

Diese gespenstischen Charaktere, geisterhafte Erscheinungen - mythische "Medien" zeitgenössischer Technologien - übermitteln codierte Botschaften aus einer Vergangenheit, in der Identität sich noch unversehrt zeigte. In einer Konstellation, die von Leidenschaft, Liebe, Eros und Psyche bestimmt wird, zeigen sich diese Gespenster als unerfüllte Konstruktionen, aufgehalten zwischen Er- und Auflösung. Diese Figuren-Variationen werden um das "X" als erste zwingende und letzte mögliche Position konfiguriert, die gleichzeitig eine Öffnung darstellt, und einen Ausblick auf die Möglichkeit einer neuen Identität erlaubt.

Die Figuren, die aus der Schauspielerin Giuliana hervorgehen, sind unerlaubte, "illegale" Subjekte: merkwürdige Zeuginnen ihrer eigenen Überschreitungen, die den Blick auf die Randzonen eines Mediums freigeben, dessen Ethos auf der Vorstellung grösstmöglicher Authentizität (von Darstellung, von Repräsentation) basiert, und dem so eine ursprüngliche Sehnsucht nach vollkommener Freilegung des reinen Begehrens innewohnt.

X Love Scenes dokumentiert die Geschichte der Produktion einer neuen Persona: eine aktualisierte Version der ursprünglichen Giuliana, die nun als "Psyche" des Kinos selbst erscheint. Es zeigt sich eine Meta-Figur als Metapher für eine mögliche Form zeitgenössischen Kinos, das sich durch die Praxen der Neuen Medien verändert hat, und in heutigen kulturellen und technologischen Diskursen verankert ist. Diese Meta-Figur spricht mit der Stimme des Kinos, aber durch die Syntax der Medien. Sie speist sich aus einem Strom (feed) unterschiedlichster Identitäten, die sich in X Characters zu einer neuen Konstellation zeitgenössischer "Stars" formieren.

Die Figur stellt eine Collage, ein "synthetisches Ornament" dar, dessen Verläufe und Mäander den Weg einer einst intakten, nun aber instabilen Identität aufzeichnen. Die Geschichte erzählt von Absenz und von weiblichem Begehren als Projektion und Überschreitung. Sie erzählt auch vom Ende der Liebe, von der Abwesenheit des Anderen und von dem Anderen, das dem eigenen Selbst eingeschrieben ist. Eine Kartografie von Absenz wird hier entworfen, das Bild einer noch unvermessenen Wildnis auf einer einsamen Bedeutungs-Insel entsteht, ein Ort, an dem sich die dort ausgesetzten Figuren (eine merkwürdige Formation zwischen Theatertruppe und Reisegruppe) auf der Suche nach noch zu schreibenden Geschichten neu orientieren.

(Text Constanze Ruhm)


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