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Ein Beitrag von Jens Bülskämper, Kunstkritiker und Student an der Kunstakademie Münster

Meeting-ID und Passwort eingeben, mit Computeraudio teilnehmen, Video ein- und, besser ist es wohl, Selbstansicht ausblenden: – schon ist er da und geht live, der ‚Kubismus der Jetztzeit‘ in seiner neuesten und Corona-bedingt sehr gefragten Spielart – Zoom.    Aufgerastert in einem nachmodernistischen ‚Grid‘ begrüßt uns, und täglich etwa 300 Millionen weitere Nutzer, das Interface des kalifornischen Krisengewinners meist im Homeoffice. Vielfach belächelt und beargwöhnt ist dieser Arbeitsplatz nun Alltag für viele – im Guten, wie im Schlechten –, dazu offiziell legitimiert und darf obendrein als heißer Kandidat fürs Wort des Jahres gelten.    

Dann Donnerstags, um kurz nach zehn an der virtuellen Variante der Kunstakademie Münster: nach und nach zoomen sich immer mehr Menschen in das, wenn die Vokabel nicht schon besetzt wäre, könnte man es ‚Face-Book‘ nennen, und formieren sich zu einer Videowand, die einem Nam June Paik wohl nicht nur gefallen, sondern ihn direkt zu einer Biennale-tauglichen, virtuellen Großinstallation inspiriert hätte. „When too perfect, lieber Gott böse“ ist dann auch unser Motto, als es losgehen soll. „Guten Morgen, kann man mich hören?“ tönt es aus der Landeshauptstadt und die erkennbaren Titel der Bibliothek im Hintergrund – von Knoebel bis Lasker – zeigen, dass wir allemal bestens fürs Seminarthema – Figuren der Abstraktion – aufgestellt sind. Etwas blechern knarzen die Stimmen der Studierenden aus diesigen Gemächern, je nach Kameraqualität schummert das Konterfei mal deutlicher, mal weniger klar durch den Datennebel. Oft schaut man lediglich auf ein graues, über 90 Minuten schweigendes Rechteck mit schnöder Namensbekundung. Das war’s. Vorbei die Zeiten, als man sich an blau gefärbten Haaren, selbst entworfenen Schuhen oder frisch gestochenen Tattoos erfreuen durfte; es waren goldene Jahre, soviel steht fest.

Kommentiert man dann im Powerpoint-Vollbildmodus eines laufenden Referates ins globalisierte Plenum zwischen Guatemala und Schallstadt hinein, passiert erst mal – gar nichts. Im manchmal muffigen, aber immerhin realen Seminarraum der Vor-Corona-Ära wäre eine abwiegelnde Geste mit kritisch-mimischer Fußnote Kommentar genug, online hingegen muss man den Diskutanten die auditive Kenntnisnahme abnötigen – "Mh-hm",  oder auch, dem digitalen Nirvana geschuldet, „seid ihr noch da?!“.              

Der Blick auf das elterliche Talent zur Terrassengestaltung, in heimische Jugendzimmer und ihre vorakademische Bildproduktion oder auf die palmengesäumten Strandparadiese, die das Programm selbst als artifizielle Hintergründe anbietet, können – trotz allem – nicht die Kurzweil aufbieten, die eine echte Diskussionsrunde bei Käse und Wein uns gemeinhin bot. Dass per Bildschirmfreigabe der Gegenstand der Betrachtung mit einem Klick für alle gut einsehbar vor Augen steht, wo sonst ein veritabler Brummer von Beamer zunächst aus den ewigen Jagdgründen des Klassenfundus herbeigeschleppt werden muss, geschenkt. Fraglos aber hat auch das Kerngeschäft liebevoller Künstler_innenaufzucht, eben das Kolloquium, im Datenstrom zwischen Hochschul-Cloud und Zoom-Schalte, nennenswerte Abzüge in der B-wie-Bildungs-Note verzeichnen müssen.         

Die entkörperlichte Effizienz des Digitalen wirft lange Schatten, deren Kühle erst mit der Zeit das Frösteln lehrt. Auf Dauer gestellt wäre dieser Umstand wohl auch für die härtesten ‚Loner‘, also die einem selbstgewählten Solipsismus frönenden Menschen – und jeder Künstler ist ein Mensch, wie wir nicht erst seit Kippenberger wissen –, eine zu unerbittliche Klausur. Jeder wolle dieser Einsiedler sein, einsam an seinem Werk feilend, behauptete Daniel Richter mal, befand dann aber, das sei eigentlich Quatsch – der Mensch sei ein soziales Wesen und jenes Soziale erschlösse sich für ihn etwa beim gemeinsamen Essen, befand der Maler.  

Der vielleicht auch mal wortkarg im Akademiecafé ‚Casino‘ verspeiste Käsekuchen nach dem Seminar, einfach zusammen Löcher in die Campusluft gucken – „und sonst so?“ – das vermisst man nach Wochen der schöngeredeten Klausur dann doch, wenn man ehrlich ist. Der Homo digitalis sitzt daheim vor der Kiste, aufgeschwemmt von der Bewegungsarmut, kurzatmig, adipös, der Frischluftmangel tut sein Übriges. Okay, ganz so schlimm muss es nicht ausfallen, sich aber auch nicht zwingend so viel besser darstellen. 

Die reichhaltige Textur des Sozialen im sogenannten ‚Reallife‘, ihr gleichsam analoges ‚Multimedia‘ ist offensichtlich unverzichtbarer, als es im Rausch der ersten Digitaleuphorie den Eindruck machte. Nicht umsonst werden die Vorträge der ‚Münster Lecture‘ kulinarisch beschlossen und eine Examensausstellung mit Umtrunk gefeiert. Es sind mit schöner Regelmäßigkeit die informellen Momente, in denen jene Bemerkungen fallen, die sich, wenn man zu später Stunde heimradelt, als ertragreiche Gedankensplitter zurückmelden.     

Dem gemeinsamen dumm Rumstehen wohnt eben einige Intelligenz inne; es ist wie beim Käse: die Löcher sind der eigentliche Geschmacksträger. Und jenen produktiven Leerlauf lässt das Digitale vermissen; es gibt nur on-off, 0 und 1, Seminar oder Tschüss bis nächste Woche. Wer also meint, man könne das Akademiestudium womöglich auf zehn fluffige YouTube-Tutorials herunterbrechen – Gott sei Dank sieht das ja niemand so – aber, sicher ist sicher: der irrt. Allemal fest steht, dass Erkenntnisgewinn bei guter Laune sich körperlicher vollzieht, als man gemeinhin vermutet. Beuys hatte eben doch Recht: wir denken sowieso mit dem Knie.            


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