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Ein Beitrag von Stephanie Damianitsch, verantwortlich für den Ausstellungsbereich der Akademie, und den Initiatorinnen sowie Künstlerinnen der Ausstellung Multiple Singularities (Ting-Jung Chen, Vasilena Gankovska, Jelena Micić, Ekaterina Shapiro-Obermair, Martina Z. Šimkovičová, Anastasiya Yarovenko) zur Wiedereröffnung des Ausstellungsraumes der Akademie der bildenden Künste Wien in der Eschenbachgasse 11 am 2. Juni 2020 

Es birgt ein gewisses Maß an Ironie in sich, dass gerade die Eröffnung der Ausstellung Multiple Singularities aufgrund der Restriktionen des öffentlichen Raumes im Kontext der Corona Krise nicht stattfinden konnte. Die von der Präsentation beleuchteten Fragen, die um Momente der Gouvernementalität kreisen und in den Arbeiten von sechs Studierenden und Alumni der Akademie Streiflichter auf den Stadtraum als politischen Handlungsraum werfen, könnte derzeit nicht aktueller sein. Verdeutlichten doch die Ereignisse der vergangenen Wochen gerade durch das plötzliche außer Kraft setzen kollektiver wie individueller Routinen, wie sehr der öffentliche Raum durch Steuermechanismen durchdrungen ist und wieviel der Alltag und die „Normalität“ mit Normierung zu tun haben. Öffentliche oder teilöffentliche Begegnungsräume wurden versperrt, baulich angepasst oder markiert: die Einstiegsbereiche in öffentlichen Verkehrsmitteln, die Kassen im Supermarkt, die Warteschlangensystematik bei Apotheken, Postämtern oder Baumärkten. All dies folgte dem Primat der Effizienz und Funktionalisierung und diente der Disziplinierung und darüber gewährleisteten Nutzbarmachung des Stadtraumes. Ganz explizit offenbarte sich der öffentliche Raum über diese Maßnahmen als politischer Handlungsraum, der von Markierungen, Grenzziehungen, Zuordnungen sowie spezifischen Stadtinventar durchzogen ist. Als Raum, der Normen und Werte visualisiert, kombiniert und vorgibt und damit in seiner Struktur der Verinnerlichung von Macht- und Überwachungsmechanismen dient: und dies nicht nur in Zeiten von Corona. 

Die in der Ausstellung Multiple Singularities versammelten Arbeiten widmen sich der Lektüre eben dieser von sozialen und politischen Parametern abhängigen Physiognomien des Stadtraumes sowie den Aspekten der Gouvernementalität im Sinn der unterschiedlichen „Handlungsformen und Praxisfelder, die in vielfältiger Weise auf die Lenkung und Leitung von Individuen und Kollektiven zielen.“[i] So zitiert Anastasiya Yarovenko in ihren Arbeiten defensive oder auch feindliche Architekturen, die eine bestimmte Nutzung von Plätzen und Objekten im Stadtraum – insbesondere durch Obdachlose – verhindern sollen. Als „Homeless/Homey“ finden hingegen in Jelena Micićs gleichnamiger Installation im Stadtraum wuchernde Pflanzen, die real wie metaphorisch gesehen, die natürlichen Ordnungsgefüge „aufzusprengen“ im Ausstellungsraum ein neues „Zuhause“; nicht ohne damit über eine ironische Wendung den Ausstellungsraum selbst als von Reglements durchdrungene öffentliche Sphäre offenzulegen. 

Der Stadtraum als Forum, welches der Zurschaustellung spezifischer Geschichts- und Identitätskonstruktionen dient, steht hingegen im Fokus der Arbeiten von Ting-Jung Chen, Vasilena Gankovska, Ekaterina Shapiro-Obermair und Martina Z. Šimkovičová. So bindet Shapiro-Obermair in ihren Installationen politische Ereignisse an Gegenstände und vorgefundene Versatzstücke der dinglichen Welt und zeigt darüber auf, wie sich Geschichte in den öffentlichen Raum einschreibt. Vergleichbar reflektiert Gankovska in ihrer Serie Moscow Cinema Project auf jene Kinos in Moskau, die einst als Kristallisationspunkte staatlicher Propaganda dienten, mittlerweile jedoch vom Abriss bedroht sind. Dass auch ephemere Ereignisse im Stadtraum identitätsstiftende Wirkung haben können, zeigt Chen in ihrer Installation auf, die um die jährlich in Los Angeles stattfindende Rose Parade kreist. Einem Streifzug durch jene skulpturalen Arbeiterdarstellungen, die sich auf Gemeindebauten der 1920er- bis 1980er-Jahre wiederfinden, gleicht wiederum Šimkovičovás Videoarbet Laborwave. die diese gesellschaftlichen konnotierten Abbildungen entfremdend kombiniert und in ihrer Präsentation mit zeitgenössischen, postfordistischen Selbstmanagementstrategien konterkariert. Eine Arbeit, die in Zeiten von Home-Office unter völlig neuen Gesichtspunkten betrachtet werden kann.

Dieses Beispiel zeigt auf, dass die Ereignisse der vergangenen Wochen sich – wie auch der folgende Videoessay deutlich macht – unabdingbar mit der Rezeption der Ausstellung Multiple Singularities verwoben haben. Sie verleihen den Arbeiten nicht nur eine zusätzliche Bedeutungsebene, sondern auch neue Brisanz.


[i] Thomas Lempke, „Gouvernementalität“, in: Clemens Kammler/Rolf Parr/Ulrich Johannes Schneider (Hrsg.), Foucault Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, Stuttgart/Weimar 2014, S. 260. Siehe dazu auch Nadine Marquardt, „Michel Foucault – Gouvernementalität und Stadt“, in: Bernd Belina/Matthias Naumann/Anke Strüver (Hrsg.), Handbuch Kritische Stadtgeographie, Münster 2014, S. 20­–25. Mit der Wortschöpfung des Begriffes Gouvernementalität, der nur annähernd mit „die Regierung betreffend“ übersetzt werden kann, weitete Michel Foucault in seinem Spätwerk seine Analyse gesellschaftlicher Machtausübung auf jene Regierungstechniken aus, die auf subtile Weise der Steuerung der Bevölkerung dienen, indem sie spezifische Handlungsanweisungen nahelegen, die von den Individuen verinnerlicht werden.


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