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Christa Benzer | Zur Gruppenausstellung Multiple Singularities im xhibit und der Rauminstallation von Katharina Scheucher in der Ausstellungsreihe xposit.

Der öffentliche Raum oder besser das, was von ihm übriggeblieben ist, steht im Zentrum der Ausstellung Multiple Singularities. In sämtlichen Großstädten der Welt ist dieser schließlich längst so rigoros durchstrukturiert, dass das Öffentliche – und mit ihm auch wichtige Rechte wie die Bewegungsfreiheit, die öffentliche Meinungsäußerung oder auch das Versammlungsrecht – schon allein räumlich immer mehr eingeschränkt wird.

Dass der Kampf in und um die Straße durch die coronabedingten Maßnahmen einerseits und die Black-Lives-Matter-Proteste in den USA andererseits gerade verstärkt im Fokus steht, konnten die beiden Künstlerinnen und Initiatorinnen der Ausstellung, Jelena Micić und Anastasiya Yarovenko, vor einem Jahr freilich nicht ahnen: Damals, als sie ihr Konzept beim Open Call für die Bespielung des Ausstellungsraumes der Akademie eingereicht haben, schienen tiefgreifende ideologische Eingriffe wie die Dekommunisierung (Gesetze zum Verbot der Verwendung kommunistischer Symbole wie Leninstatuen) oder auch emanzipatorisch-kämpferische Raumnahmen eher die in Transition befindlichen post-kommunistischen Staaten zu betreffen.

Die versammelten Künstlerinnen wurden in Bulgarien, Serbien, Taiwan, Slowakei und der Ukraine geboren. Kein Zufall, meinen die Kuratorinnen, die davon ausgehen, dass sie sich selbst sowie Ting-Jung Chen, Vasilena Gankovska, Ekaterina Shapiro-Obermair und Martina Z. Šimkovičová auch aufgrund ihrer Erfahrungen dort für die immer engere Fassung des öffentlichen Raums interessieren – und zwar nicht nur in Moskau oder in Kiew, sondern auch in London und Wien, wo sich vergleichbare Prozesse abspielen.

So scheint es etwa überall auf der Welt ein Anliegen Regierender zu sein, die Verweildauer von Menschen im öffentlichen Raum zu reduzieren – das heißt, jene Orte zu regulieren, wo Menschen aufeinandertreffen, sich austauschen und dabei nichts konsumieren.

Die Arbeit for humans by humans (2016/19) von Anastasiya Yarovenko basiert auf einem Forschungsprojekt, in dem sie analysiert, wie Design und Architektur zur Abwehr von Menschen dienen: Mit „Hostile Architecture“ gibt es bereits einen Begriff für die Gestaltung von öffentlichen Gebäuden oder Objekten, bei der die Verhinderung einer bestimmten Nutzung beabsichtigt ist. Die nicht unumstrittene Camden Bank ist dafür ein gutes Beispiel: Sie wurde von einem Londoner Designbüro nicht zum Ausruhen konzipiert, sondern vielmehr genauso gestaltet, dass man auf dem kubistisch anmutenden Objekt zwar kurz Verweilen, aber nur unbequem Sitzen und unmöglich Schlafen kann.Yarovenko bezieht sich in der Ausstellung mit einer Serie von Objekten auf diese modern designte „Abwehr“ von Obdachlosen oder auch Passagieren, die man in der U-Bahn zum Weitergehen anregen will. Eines ihrer Wandobjekte hält dazu an, sich nur anzulehnen statt hinzusetzen; und zudem überziehen alle ihre Objekte eine abweisende, graue Struktur, die sich bei näherem Hinsehen als Schaumstoffauflage entpuppt. Weit weniger freundlich zu seinen Gästen ist man am Flughafen Heathrow: Mit Statistiken zeigt die Künstlerin auf, dass die Sitzgelegenheiten für die tausenden täglichen Passagiere überall dort verschwindend gering sind, wo es keinen Konsumzwang gibt. „Sie könnten solche Aufträge ja auch ablehnen“, entgegnet die Künstlerin sehr bestimmt auf die Bemerkung, dass Designer und Architekten solche Designs ja nur ausführen.

Steckt hinter Multiple Singularties also nicht nur eine von „oben“ angestrebte Vereinzelung politischer Subjekte durch Architektur? Sind im Titel vielmehr auch solche widerständigen Formen individuellen Verhaltens mitgemeint?

An Widerständigkeit mangelt es jedenfalls auch den Grashalmen, nicht, die Jelena Micić in den Spalt zwischen Boden und weißer Wand eingepflanzt hat. Homeless / Homey titelt die Arbeit, mit der die Künstlerin ein Stück Öffentlichkeit ins Innere transferiert; die offensichtliche „Deplatziertheit“ wirft Fragen nach Inklusion und Exklusion auf. Zudem erzählen die Pflanzen an dieser für sie unwirtlichen Stelle von Anpassung und An-den-Rand-gedrängt-werden, aber auch von Diversität, notwendiger Pflege und Fürsorge. In zwei weiteren Werken verhandelt Micić (politisierte) Zeichen, die sie im öffentlichen Raum gefunden hat: Zum einen bildet ein Neonschriftzug ein Graffiti in Belgrad nach. Ein helleres Orange markiert die Interventionen von jemandem, der das serbische Wort „Orthodoxie“ zwar nicht gelöscht hat, aber doch seine Kritik an diesem konservativen Gesellschaftskonzept deutlich macht. Für die zweite Arbeit hat die Künstlerin auf Found Footage zurückgegriffen, dass sie während des Deutschlernens in den Boulevardblättern Heute und Österreich fand: Nun besetzen die hunderten, fein säuberlich ausgeschnittenen Fußbälle eine ganze Ausstellungswand.

In der Masse auch für den Stellenwert des Sports in diesen Medien bezeichnend, schlägt die Aufarbeitung als grafisches Zeichen eine Brücke hin zu der Arbeit von Ekaterina Shapiro-Obermair: Angelehnt an Plakatvorrichtungen halten Metallständer ihre mit grafischen Formen bemalten Bilder, mit denen man (vorschnell) Ideologisches assoziiert. Die dominierende Farbe Rot trägt dazu bei, während die Muster und Formen die vermeintliche Eindeutigkeit irritieren: So erinnern die geometrischen Muster eher an abstrakte Kunst der 1920er-Jahre und die Form ist mit einem Eisberg nicht eben einer politischen Richtung geschuldet.

Unter dem Titel Das Eis schmilzt an. Überblick, der auf ein Kapitel aus dem Roman Wir (1920) von Jewgeni Samjatin referiert, lässt die Künstlerin formal Widersprüchliches aufeinandertreffen, um das Verhältnis zwischen Öffentlichkeit, Politik, Geschichte, Autonomie und Erinnerung zu reflektieren: blanke Mini-Obelisken harren ihrer Vereinnahmung, die Anti-Kurz/Strache-Sticker auf den Rückseiten der Bilder waren Teil der Proteste gegen die rechtskonservative Regierung und ein Video hält den fast touristischen Auflauf bei einer Gedenkfeier in Mauthausen fest.

Shaprio-Obermair geht es um Formen kollektiven Erinnerns, Ting-Jung Chen hat sich dagegen mit einer Parade zur kollektiven politischen Zerstreuung befasst. Seit 1890 gibt es die Rose Parade in Pasadena (CA), die in ihrer „all-americanness“ alles umfasst, was auch Donald Trump lieb und teuer ist: Es gibt eine Rosenkönigin, Reitereinheiten, TänzerInnen, Musikkapellen und opulent geschmückte Blumenwagen, von denen der erste seit 2011 von Honda gesponsert wird. Die Künstlerin hat sich während ihres MAK-Stipendiums mit dieser geballten Aufführung des konservativen Amerikas befasst. Ihre Zwei-Kanal-Videoinstallation gleicht einer audiovisuellen Demontage: Zwischen Medienausschnitten von der Parade sieht man Bilder, die in den Augen blenden, aber auch ein Stillleben wie eine vertrocknete Rose – auf der Tonspur hört man die Aufnahme einer Trommel, die sich durch das gesamte Video zieht und mit der man – während etwa die Rose entblättert wird – auch Zupf-Geräusche assoziiert.

Kuratorisch war intendiert, dass jeweils zwei der insgesamt sechs künstlerischen Positionen in einen engeren Dialog treten: Tatsächlich tun sich zwischen den Arbeiten aber vielfache Verbindungslinien auf: So thematisiert etwa das Moscow Cinema Project von Vasilena Gankovska den Ausverkauf des öffentlichen Stadtraums genauso wie die Bemühungen der sowjetischen Regierung, Kultur (und natürlich ihre politische Propaganda!) auch in den sogenannten Schlafbezirken am Rande der Stadt zu implementieren. In den 1930er-Jahren wurde deswegen ein Netz von Kinos gebaut, von denen die Stadt 2014 den überwiegenden Teil verkauft hat. Gankovska hat die Kinos während ihres Stipendienaufenthaltes in Moskau aufgesucht und Zeichnungen davon angefertigt: Die meisten fungieren heute als Shopping Malls, nur einige wenige, die sich dafür nicht eigneten, werden derzeit von einer Gruppe junger CineastInnen als Programmkinos wiederbelebt.

Einige zentrale Werte wie jener der Arbeit, aber auch der Arbeiterbildung, hatten Moskau und Wien in den 1930er-Jahren gemein. In ihrem Projekt befasst sich Martina Z. Šimkovičová damit, wie sich der veränderte Arbeitsbegriff anhand von Darstellungen im öffentlichen Raum ablesen lässt: In einem Video sieht man die „Arbeiter“, die an den Fassaden des Roten Wiens übriggeblieben sind; Außerdem überlagern mit den Bildern einhergehende Sprüche – wie „Arbeit schafft Brot“ oder „Der höchste Adel ist der Adel der Arbeit“ – die figurativen Darstellungen, die alle von körperlicher Arbeit erzählen. Vis-à-vis von dem Video flattert derweil eine Hundertschaft kleiner gelber Zettel im Raum. Šimkovičová hat sich bei der Hängung der zweiten Arbeiten, Diagrams of Productivity, an diversen Ratgebern zur Optimierung von Arbeitsprozessen orientiert: „Rapid Problem Solving with Post-it Notes“ titelt eines der vielen Bücher, die – die Anordnung der Post-its an der Wand veranschaulicht das sehr schön – teils zu geradlinigen, teils zu etwas offeneren, aber doch vorgegebenen Denkprozessen anregen.

Raum jenseits von Effizienz, Funktion, Regeln, Beeinflussung, Ideologie oder Konsum scheint immer weniger vorhanden zu sein. Beim Rundgang überträgt sich diese „Verengung“ fast körperlich. Vielleicht ist man sich auch deswegen im xposit gleich noch stärker des eigenen „Zugegenseins“ bewusst. We’ll double back, seesaw and leave in tracks and traces, so der poetische Titel der Rauminstallation von Katharina Scheucher, lässt wissen, dass der Weg durch den Raum nicht geradlinig ist.

Die Künstlerin war Studierende der Klassen Gunter Damisch und Veronika Dirnhofer und ist eine von drei Absolventinnen, die man unter dem Motto Draw a Distinction für eine Einzelpräsentation ausgewählt hat. Im Ausstellungsraum hat sie nicht im klassischen Sinne gezeichnet, sondern dem White Cube mit Draht eine Art „Geist des Raums“ eingeschrieben. Scheucher hebt dessen spezielle Eigenheiten und Charakteristika mit architektonischen Eingriffen, alltagsbezogenen Objekten und einer Soundinstallation hervor: Ähnlich wie Jelena Micić mit ihren Pflanzen hat zudem auch sie auf eine Eigenheit des von Architekt Ulrich Huhs umgestalteten White Cubes reagiert. Zwischen Boden und Wand klafft auch im xposit ein – etwas größer – Spalt im Boden, in den man die Heizkörper eingebaut hat. Katharina Scheucher ebnet diesen mit einer Gitterstruktur wieder ein und eröffnet mit Spiegeln andernorts Perspektiven, die etwa die Deckenstrukturen in den Blick rücken.

Eine experimentelle Soundinstallation (gem. mit Benjamin Nelson) loopt die Umgebungsgeräusche und Konzentration verlangen auch mehrere weiße Objekte am Boden: Da liegt irgendwo ein zerknülltes Taschentuch aus Gips, aber auch weniger eindeutig identifizierbare Objekte, die die BetrachterInnen auf ihre Schritte aufpassen lassen. Der Künstlerin geht es um eine sinnlich erfahrbare Ausdehnung des Raums, in dem alles was darin zu sehen ist, tendenziell auseinanderstrebt. Obwohl inhaltlich völlig verschieden, setzt die Installation von dieser Bewegung her zu Multiple Singularities einen sehr schönen Kontrapunkt.

Multiple Singularities bis 6.9.

Katharina Scheucher. We’ll double back, seesaw, and leave in tracks and traces bis 6.9.


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