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Jakob Lena Knebl und Ashley Hans Scheirl sprechen mit Ingeborg Erhart über die gesellschaftspolitischen Herausforderungen der Corona-Pandemie und den Stellenwert von Kunst in der Krise. Sie treffen am 15. April 2020 zu einer Videokonferenz zusammen.

Jakob Lena Knebls Ausstellung Ruth Anne ist bei Georg Kargl Fine Arts in der Schleifmühlgasse in Wien noch bis 30. April zu sehen, im Gegensatz zu der Solopräsentation Frau 49 Jahre im Lentos in Linz. Das Museum bleibt bis auf Weiteres geschlossen[1]. Bis zum 5. Jänner dieses Jahres wurde eine gemeinsame Großinstallation von Jakob Lena Knebl und Ashley Hans Scheirl im Rahmen der Lyon Biennale präsentiert und die beiden Künstlerinnen und Lebenspartnerinnen werden 2021 den Österreichischen Pavillon auf der Biennale in Venedig bespielen. An der Akademie der bildenden Künste Wien hält Ashley Hans Scheirl die Professur für Kontextuelle Malerei und Jakob Lena Knebl unterrichtet als Senior Artist am Institut für künstlerisches Lehramt

Ingeborg Erhart IE: Ich hoffe es geht Euch den Umständen entsprechend gut. Nun nach einem Monat der Quarantäne habe ich das Gefühl: langsam wird es zäh.

Jakob Lena Knebl JLK: Es verläuft in Wellen – ein paar Tage geht es gut, dann kommt der Moment, in dem man glaubt, man hält es nicht mehr aus und man verliert die Zuversicht.

Ashley Hans Scheirl AHS: Die Stimmung ist höchst ambivalent. Was in der Welt abgeht, ist eine ungeheure Katastrophe, die reine Dystopie. In unserem Freundeskreis stehen Menschen vor dem Ruin, weil sie z.B. extern Lehrende sind, die Einzelpersonenunternehmen betreiben und dadurch keine oder lächerlich geringe Förderungen aus dem Hilfspaket der Regierung bekommen. Die in der Corona-Krise getätigten Änderungen im Epidemiegesetz machen sie zu Bittsteller_innen. Einige meiner Studierenden leiden unter Einsamkeit und akutem Geldmangel, weil sie ihre Gelegenheitsjobs verlieren. Ich habe auch sehr alte Eltern, die nicht in Wien leben: Werde ich sie wiedersehen? Gleichzeitig haben wir beide das Privileg, gesicherte Jobs zu haben und das riesige Glück, in einem Atelier im Grünen den Frühling hautnah mitzuerleben.  

IE: Es ist eine herausfordernde Zeit und ich habe unserem Gespräch den Titel Reduce to the max gegeben. Reduktion – alles wird immer kleiner und enger und gleichzeitig hat das aber so eine maximale, weltumspannende Auswirkung –  als allumfassende Problematik kann gut sein, wenn man daran denkt, dass sich in der relativ kurzen Zeit des Lockdowns das Klima messbar verbessert hat, aber auch schlecht, wenn es um Isolation und Einsamkeit geht.

Zukunftsforscher Tristan Horx hat im ORF-Fernsehinterview[2] die Chancen der Krise gelobt und gemeint, dass die Gesellschaft nicht nur in sehr kurzer Zeit einen riesigen Schritt in Richtung Digitalisierung machen würde, sondern dabei auch lernt, dass dies nur Sinn macht, wenn die Zwischenmenschlichkeit nicht außer Acht gelassen wird. Die so viel beschworene Solidarität würde nachhaltig zählen, auch oder gerade in einer zunehmend digitalisierten Welt. Schön wär’s! Mittlerweile beobachte ich zunehmend beunruhigt, was große Teile der Bevölkerung „zum Schutz der Alten und anderer ‚vulnerabler‘ Gruppen“ alles unwidersprochen auf sich nehmen und attestiere zunehmend eine Art von Misstrauen, das das Gemeinschaftsgefühl zu verdrängen droht.[3]

Was sind Eure Prognosen? Was befürchtet Ihr und was hofft Ihr, dass aus der Krise als breitenwirksame Erkenntnis mitgenommen werden kann?

JLK: Die Regierung setzt derzeit Maßnahmen, die nicht in jedem Punkt verfassungskonform sind,  bei denen z.B. Auslaufklauseln fehlen. Hinzu kommt eine App[4] ohne Open Source Zugang. Oder Medienförderungen, die sich allein an Auflagenzahlen orientieren. Fragen des Datenschutzes bekommen eine neue Relevanz. Es passieren Dinge, die sehr gefährlich für Demokratien sind.

Ich war lange Altenbetreuerin. Wir schützen richtigerweise Risikogruppen, vergessen aber, dass wir dabei nur knapp an einer Entmündigung vorbeischrammen. Gesellschaftlich feiert das Denunziantentum ein unerfreuliches Comeback. Die Polizei ist mit einer Anzeigenflut konfrontiert und agiert selbst oft grenzwertig, wenn z.B. kontrolliert wird, ob zwei Menschen, die gemeinsam auf der Straße sind im selben Haushalt wohnen, oder jemand 500 Euro bezahlt, weil er oder sie auf einer Parkbank sitzt. Da kommen schon sehr ungute Charakterzüge an die Oberfläche. Unklare Maßnahmen von Seiten der Regierung öffnen Tür und Tor für solche Bespitzelungen. Peter Weibel geht davon aus, dass auch nach der Krise das Digitale im Zentrum bleiben wird.[5] Ich kann mir aber auch vorstellen, dass gerade das Analoge nach einer solchen Krise ein großes Come-back feiern könnte. Aber was auch immer passiert, ich fände es wichtig, die Auseinandersetzung mit unserer digitalen Realität auf den Kunstuniversitäten zu stärken.

Wie Tristan Horx sehen auch wir in dieser Krise eine Chance, die vor allem darin liegt, eine Art von Entschleunigungstransformator zu sein. Wir sind auf uns zurückgeworfen. Wir können die Zeit nutzen, um uns selbst zu reflektieren, um nachzudenken, wie wir die Gesellschaft anders strukturieren könnten. Ohne diese Stopptaste wäre diese neue Langsamkeit nie passiert. Was jetzt stark sichtbar wird ist die Frage, welche Berufe systemerhaltend sind. Hier rücken Arbeitsbedingungen und Klasse ins Zentrum. Uns wird bewusst, wie sehr wir voneinander abhängig sind. Ohne Erntehelfer_innen und Pfleger_innen aus dem Ausland drohen lebenserhaltende Systeme auseinanderzubrechen.

AHS: Die globale Vernetzung und der Wahnsinn des Neoliberalismus werden hier deutlich. Staaten wären besser dran, wenn sie zusammen arbeiten würden, obwohl das gerade in eine andere Richtung zu gehen scheint. Die Hoffnung wäre, dass insgesamt eine größere Dringlichkeit für die Klimakrise entsteht, die ja auch alle trifft.

JLK: Aus reiner Geldgier wurde die Produktion von Arbeitskleidung und Medikamenten in Billiglohnländer verschoben. Semperit hat in Traiskirchen sehr vielen Menschen Arbeit gegeben. Die Erzeugung von Gummihandschuhen wurde aber nach Malaysia ausgelagert, von wo wir sie jetzt wieder importieren. Oder Antibiotika, die in Wuhan erzeugt werden … Wir haben Unabhängigkeiten aufgrund von einer kapitalistischen Denkordnung aufgegeben.

IE: Besteht nicht gerade die Gefahr neuer Nationalismen? Bei den Lieferungen von Mund-Nasen-Schutzmasken aus China waren die Länder untereinander zuletzt nicht solidarisch.

AHS: Hoffnung und Bedrohung liegen nahe aneinander. Es könnte in alle Richtungen gehen. Auch wenn man daran denkt, was passieren könnte, wenn ein Impfstoff entwickelt ist. Es hat zwischen den Nationalstaaten, aber auch zwischen den Klassen ein bedrohlicher Verteilungskampf begonnen.

JLK: Das ist eine Wanderung auf einem schmalen Grad. Unsere Hoffnung ist, dass dieser surreale Kapitalismus ein Stück weit durch die Krise überwunden wird, z.B. dadurch, dass die Kommerzialisierung des Gesundheitswesens beendet wird, kein Wegrationalisieren von Intensivbetten mehr stattfindet, oder auf die Forderungen des Pflegepersonals auf eine 35 Stunden Woche bei voller Bezahlung endlich eingegangen wird. Ich hoffe, es kommt zu einem Umdenken in Bezug auf die Wertigkeit von Berufen und der Definition von Arbeit. Aktueller denn je sollte es einen ernstmeinenden Diskurs über Vermögens- und Erbschaftssteuern geben, und das Bedingungslose Grundeinkommen sollte realisiert werden.

Maßnahmen, die vor kurzem noch undenkbar waren stehen jetzt zur Diskussion. In Dänemark bekommen Konzerne, die ihre Gewinne in Steueroasen bunkern keine staatliche Förderung in der Krise. In diese Richtung tut sich auch was in Österreich. Man wird sehen, ob sich nationalistische Bestrebungen wie der Brexit fortführen. Rom hatte am 28. Februar einen  Hilferuf ausgesandt, auf den kein einziger EU Staat reagierte. Bereits im Jänner schlug die EU eine Koordination der Bestellung von Schutzkleidung vor, die von allen Mitgliedsstaaten abgelehnt wurde. Und 50km entfernt von uns entsteht eine Diktatur.

 IE: Diese zwei Seiten, dass Bedrohung und Hoffnung so nah beieinanderliegen, die grundsätzliche Einigung auf Solidarität, gepaart mit der Unsicherheit, dass wir nicht wissen, wie lange die Situation dauert, führt wohl dazu, dass man trotzdem seine Schäfchen ins Trockene bringen will. Um die Bevölkerung eines ganzen, wenn auch kleinen Landes, bei der Stange zu halten scheint eine ausgefeilte Dramaturgie vonnöten zu sein, die mit „Zuckerbrot und Peitsche“ beschrieben werden kann. Jede_r würde bald jemand kennen, der an Corona verstorben sei, war die Message, die uns zwischen den Solidaritätsbekundungen und Durchhalteparolen, aufgerüttelt hat. Ein paar Tage später – bereits an die „neue Normalität“ gewöhnt – dürfen wir verpflichtend Masken tragend nach Ostern wieder anderes außer Lebensmittel shoppen. Was fällt Euch an der Inszenierung der österreichischen Bundesregierung auf?

AHS: Die Message Control der regierenden Volkspartei ist unerhört ausgearbeitet. An die 60 PR_Mitarbeiter_innen planen strategisch jedes Wort, das der Bundeskanzler sagt.

JLK: Propaganda lebt von Geschichten und Emotionen („Jede_r wird jemanden kennen...“). Das sieht man auch bei den Pressekonferenzen der Regierung, wenn Bundeskanzler Kurz Geschichten aus seinem Umfeld erzählt. „Da hat mir ein Mädchen einen Brief geschrieben…“ und so weiter. Dabei handelt es sich ganz eindeutig um eine Methode der Propaganda. Regierungen – nicht nur unsere – bedienen sich militärischer Sprache. Die Formulierung des nationalen Schulterschlusses macht beispielsweise Druck auf die Opposition. Wer Kritik an der Regierung übt, gilt als Verräter_in des vermeintlichen Wirs.

Wir setzen uns seit geraumer Zeit mit PR-Methoden und Propaganda auseinander. In einer Zeit, in der mit dem Datenanalyse-Unternehmen Cambridge Analytica Wahlen und Referenden gewonnen werden, steht für die Demokratie mehr denn je auf dem Spiel. Cambridge Analytica (CA) hat zum Beispiel in Trinidad im Auftrag für die dortige konservative Partei eine Kampagne konzipiert, mit dem Ziel, schwarze Jugendliche zu manipulieren und sie vom Wählen abzuhalten. Nicht wählen zu gehen wurde als subversiver Akt inszeniert. Das ging so weit, dass die Jugendlichen die Kampagne als subkulturelle Bewegung deuteten. Sie produzierten T-Shirts mit dem von CA entworfenen Logo und gingen damit auf die Straße. So gewannen schlussendlich die Konservativen die Wahl.

Wir müssen herausfinden, wie PR, Propaganda oder beispielsweise NLP[6] funktionieren. Wann beginnt Manipulation und Schwarze Rhetorik? Hier gilt es, eine Sensibilisierung zu schaffen und Vermittlungsarbeit zu leisten!

IE: Stehen queer-feministische Errungenschaften Eurer Meinung nach durch Corona auf dem Prüfstand?

AHS: Die Gefahr ist groß, dass die Krise dazu missbraucht wird, gesellschaftliche Errungenschaften zurückzufahren. Beim Spazierengehen im Prater kommt eine_r sich vor wie in einem dystopischen Sci-Fi Film. An einem Sonntag war es besonders bedrohlich: Da spazieren Paare mit oder ohne Kinder durch die sonnigen Wiesen, darüber rotieren zwei (!) Helikopter. Mehrere Polizeibusse fahren herum und fordern per Lautsprecher die Leute auf, Abstand zu halten. Auch eine Flotte lederbepackter Polizist_innen fährt die Hauptallee entlang. Der Grusel vor staatlich verfügter und mit übermäßigen Mitteln kontrollierter Monogamie und Kleinfamilienstruktur steigt auf. Freundschaften und queere Großfamilien sind zur Fernbeziehung verdammt. Es hängt davon ab, ob, wann und wie diese Maßnahmen zurückgenommen werden.

JLK: Aber auch unabhängig von der Corona-Krise sehe ich queer-feministische Errungenschaften in Gefahr durch den international aufkommenden Rechtsruck. Wenn man zum Beispiel in jüngster Zeit nach Polen schaut, wo sich immer mehr Orte zu LGBT-freien Zonen erklären.

IE: Erleben wir womöglich gerade das Ende eines globalisierten Turbo-Kapitalismus?

Ich bin da ja skeptisch und meine Befürchtung ist, dass alles wird wie es war, so schnell es nur geht – die AUA beispielsweise verhandelt gerade um 800 Millionen Euro Staatshilfe, um asap wieder abheben zu können. Positiv Denkende sehen in der Corona-Krise die Chance, die Werte neu zu bestimmen und in Punkto Klimarettung eine ähnliche Sensibilisierung der Bevölkerung auf die „Gesundheit“ der Erde vorantreiben zu können, wie es gelungen ist, in Bezug auf die Verbreitung des COVID19-Virus.

AHS: Ich komme aus einer Familie, in der Sparsamkeit und Wiederverwertung von Gebrauchtem großgeschrieben wurden. Auch war da durch die Ölkrise ein Bewusstsein der Endlichkeit von Ressourcen. Zur Erinnerung: jedes Auto musste an einem Tag der Woche in der Garage bleiben. Es war selbstverständlich, dass Essensreste weiterverwertet wurden. Ich lernte im Gymnasium, dass Konsum von den Konzernen durch PR und Werbung befeuert wird, und dass eine_r da sehr wachsam sein muss. Ich habe mich als Jugendliche darin geübt, durch die Straßen zu gehen, ohne in Schaufenster zu schauen. Das ständige Kaufen und wieder Wegwerfen, die Verschwendung von Ressourcen und der damit verbundene CO2-Ausstoß, sind Probleme, die teilweise durch Verzicht und dem Teilen von Eigentum gelöst werden könnten. Mein Leben wird durch Bescheidenheit nicht minderwertig, im Gegenteil.

JLK: Ich habe einen Working-Class-Background. Sich etwas leisten zu können, bietet auch die Hoffnung, endlich dazugehören zu können. Denn Verzichten muss man sich auch leisten können. Eine minimalistisch inszenierte Wohnung setzt ästhetische Bildung und Bewusstsein voraus. Denkt man diesen Diskurs auf einer internationalen Ebene weiter, sind wir mit einer Situation konfrontiert, dass ärmere Länder verstärkt Leidtragende des Klimawandels sind, währenddessen diese nachvollziehbarerweise auch das Ziel haben, endlich Wohlstand zu erlangen. Die Frage wird sein, wer verzichtet. Es geht um Verteilungsgerechtigkeit.

Wenn wir an die AUA denken, ist das zwar für das Klima gut, aber nicht für die Leute, deren Jobs davon abhängen. Die Macron-Regierung in Frankreich hat die Vermögens- und Erbschaftssteuer wieder eliminiert, den Spritpreis angehoben und die Auswirkungen für die Pendler_innen und die Arbeiter_innen ignoriert. Die Proteste der Gelbwesten waren die Folge. Wir müssen den Begriff der Arbeit neu definieren und tragfähige Lösungen für jene finden, die durch Klimapolitik und Digitalisierung ihre Jobs verlieren. Man muss die Leute ins Boot holen und Alternativen erarbeiten. Verteilungsgerechtigkeit und Klimawandel gehören zusammen gedacht.

IE: Welchen Stellenwert hat Kunst in der Krise? Kann Kunst gegen den Strom schwimmen und nach der Krise die antrainierte Angepasstheit wieder auflösen? Einiges verlagert sich erfolgreich in den virtuellen Raum, aber ein Live-Erlebnis ist dadurch nicht zu simulieren

JLK: An der Stelle möchte ich einen Slogan der Partei „Der Wandel“ zitieren, der sich sehr gut eignet für eine Sensibilisierung von Kunst in einer breiten Öffentlichkeit:

„Wenn du denkst, dass Künstler_innen nutzlos sind, dann probiere mal deine Quarantäne ohne Musik, Bücher, Gedichte, Filme, Malerei oder Pornos zu überstehen."

AHS: Die Kunst hat in der Krise sogar eine sehr wichtige Rolle. Eine Krise hat ein großes Potential für eine „r_evolution“. Ich verwende das Wort hier mit Unterstrich, um andere Bilder zu evozieren, eine andere Geschwindigkeit reinzubringen und um ihm das Militante zu nehmen. Eine Veränderung unserer Gewohnheiten fordert eine Veränderung unserer Bewusstseinsstruktur. Körper, Sinne, 'Syn_Ästhetik', Affekte, Libido, der Witz: alles, was zum Großteil unbewusst wirksam ist, bekommt Impulse aus der Kunst. Werbung und Propaganda arbeiten ja ganz bewusst mit Kunst. Man denke nur an die Aufmärsche und Inszenierungen der Nazis. Auch um Propaganda leichter entlarven zu können, brauchen wir Kunst.

Uns beschäftigen zur Zeit besonders zwei Bücher, Kapitalistischer (Sur)realismus von Markus Metz und Georg Seeßlen, sowie von Andreas Reckwitz Die Erfindung der Kreativität - Zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung. Der Mythos des  (männlichen) exzentrischen Künstlers, der göttlich verehrt wird, und sich nicht nur alles erlauben kann, sondern es von ihm sogar erwartet wird, dass er sich an keine Regeln hält, wird im liberalen Surrealismus von den Machthabenden vereinnahmt. Wenn man Trump, Johnson oder Bolsonaro ansieht, hat man gute Beispiele für solche Exzentriker, die Angepasstheit verpönen, Solidarität und Ethik als uncool hinstellen und reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Reckwitz meint, dass die Idee der Selbstentfaltung zum Anforderungskatalog gehört, um im Spätkapitalismus zu existieren. Die neue kreative, akademisch gebildete Mittelklasse sondert sich ab von einer alten Mittelklasse, die ob ihres altmodischen Hangs zu normativem Gehorsam beschämt wird. Ästhetische Bildung ist wichtiger denn je. Dass eine_r Kunst nicht ernst nimmt, ist meiner Meinung nach verantwortungslos.

IE: Wie sieht Euer persönlicher künstlerischer Umgang mit der Krise aus?

JLK: Ich arbeite an den Projekten weiter, die bereits am Laufen sind, wie an meiner Ausstellung im MAH in Genf zusammen mit Marc-Olivier Wahler und an der Venedig Biennale. Ich habe jetzt Zeit, Dinge zu vertiefen. Die Krise ist noch zu kurz, um abschätzen zu können, wie und ob sie als Thema in meinen Arbeiten sichtbar wird. Aber was schon klar ist, dass Methoden, die ich im Rahmen meiner Ausbildung zum systemischen Coach erlernt habe, immer mehr in meine Kunst einfließen und gerade in Corona Zeiten ein Stück weit mehr zum Tragen kommen.

Auch wir bekommen jetzt ganz viele Anfragen für Online-Kunstaktionen. Ich finde das sehr schwierig. Die Beziehungsebenen fehlen. Die Bewegungen im Raum, das Annähern, das Nahekommen. Die ganze Materialität fällt weg. Bei manchen Techniken, wie Videos und Film geht das vielleicht ganz gut und bei anderen eben nicht. Ich finde es für mich schwierig, weil die Materialität und das Soziale nicht dabei sind. Plötzlich gibt es Corona-Kunst. Trotz Krise wird Hyperproduktivität gefordert und erhält jene neoliberalen Anteile in der Kunst am Leben.

AHS: Der Stress, dem wir uns in den letzten Jahren ausgeliefert haben war alles andere als förderlich, weder für die Gesundheit noch für die Arbeit an sich. Es war nur mehr ein Rennen von Deadline zu Deadline. Organisationsarbeit und professionelle Kommunikation nahmen fast alle Zeit in Anspruch. Auch finde ich – das ist wahrscheinlich ein Generationenproblem – den Umgang mit ständig neuen Technologien als eine große Herausforderung. Die plötzliche Entschleunigung ermöglicht mir, mich auf die Weiterentwicklung meiner Malerei zu konzentrieren. Ich arbeite auch an einem neuen Katalog. Normalerweise hätte mich das völlig überfordert, alle diese dafür notwendigen Daten aus meinem „Archiv“ aus ungeordnetem Zettelwerk herauszusuchen. Ich kann auch wieder schlafen.

IE: Im Standard Album von vergangenem Samstag wurden 18 österreichische Architekt_innen zu ihren Gedanken das Wohnen in Zeiten von Corona betreffend gefragt. Kaum eine_r sieht das problematisch. Von Yoga und Brotbacken ist viel die Rede. Wohltuend sticht meiner Meinung nach Walter Prenner, ein aus Südtirol stammender Architekt, der auch an der Uni Innsbruck lehrt und sich viel mit dem öffentlichen Raum beschäftigt, heraus: Während draußen der Feind lauert und der öffentliche Raum zum Kriegsgebiet deklariert wird, sollen uns die eigenen vier Wände vor dem Virus beschützen. Paradox: Das Virus befällt die Zelle, und zugleich beschützt uns die Wohnzelle vor dem Virus. Wir sind zum Wohnen verdammt, und es wird klar, dass Wohnen ein Luxus ist, denn es bedingt die Erträglichkeit in Zeiten aufoktroyierter Klausur.[7]

JLK: Die Einen inszenieren sich als Brot backende Yogis, die Anderen ersticken im Gemeindebau aufgrund der Enge und fehlender Möglichkeiten.

IE: Was sind Eure Gedanken zum Wohnen in Zeiten von Corona? Ist Eure Familie, also Eure Wohn- und Lebensform, Euer Privileg?

JLK: Wir leben mit unserer selbstgewählten Familie zu viert in einer Mietwohnung und haben zusätzlich das außerordentliche Privileg ein Prater Atelier zu haben. Das entpuppt sich jetzt mehr denn je als Lotto-Sechser. So sind auch in der Quarantäne Glücksmomente möglich, beispielsweise, wenn ich vor dem Atelier sitze und auf einen Baum schauen kann. Es ist ein zynisches Kalkül, dass die Bundesgärten in Wien erst nach Ostern wieder geöffnet wurden.

AHS: Der öffentliche Raum wird nun auch im Mainstream zum Politikum. Wenn beispielsweise Gemeinden kontrollieren wollen, wer Zugang zu ihren Seen hat. Auch innerhalb des Landes kommt es zu Grenzziehungen und der öffentliche Raum mutiert zum Kampfplatz.

IE: Wie wird sich das Verhältnis von Distanz und Nähe verändern?

AHS: Spätestens jetzt müssen wir erkennen, dass wir Teil eines größeren Ganzen sind, und niemand das alleine durchstehen kann, weder Individuen noch Nationalstaaten. Wir werden uns in Zukunft noch mehr als Teil einer Familie der Menschheit begreifen müssen, als Weltbürger_innen, deren Belange weltweit koordiniert werden müssen. Der höchst fahrlässige Umgang mit Klimawandel und sozialer Ungerechtigkeit bedroht mehr und mehr unser Zusammenleben. Unsere Körper sind mit der Erde verbunden; tatsächlich sind wir Parasiten dieses Planeten. Sosehr jetzt Nationalismen forciert werden, haben wir eine Situation, in der alle Menschen auf der Welt gefordert sind. Vielleicht musste die Corona-Krise kommen, dass wir aufwachen.


[1] Am 23.04.2020 wird mitgeteilt, dass das Lentos ab 2. Juni wieder offen ist. www.lentos.at

[2] Thema, Die Zeit nach Corona – verändert das Virus unsere Zukunft?, 24.3.2020

[3] vgl. Operetten-Polizeistaat, In Österreich ist neuerdings alles verboten, was nicht explizit erlaubt wurde. Um Seuchenbekämpfung geht es dabei nur am Rande. Rosemarie Schwaiger über die Lust am Strafen, Bespitzeln und Denunzieren. profil 16, 10. April 2020, S. 16

[4] https://participate.roteskreuz.at/stopp-corona/, abgerufen am 19.04.2020

[5] Vgl. https://www.derstandard.at/story/2000116482357/virus-viralitaet-virtualitaetder-globalisierung-geht-die-luft-aus, abgerufen am 19.04.2020

[6] Neuro-Linguistisches Programmieren

[7] Walter Prenner, columbosnext, Innsbruck, in: Die Wiederentdeckung des Wohnens, Durch die Corona-Krise erleben wir das eigene Zuhause aus einer neuen Perspektive. 18 Architektinnen und Architekten teilen ihre innersten Gedanken und Erkenntnisse. Ein ganz spezielles Ostergeschenk. Der Standard, Album A 8, 11. April 2020


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