Akademie der bildenden Künste Wien

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2. Februar 2005

Vor sechs Jahren haben sich die Regierungen von 29 europäischen Ländern darauf verständigt, bis 2010 einen einheitlichen europäischen Hochschulraum zu schaffen. Voraussetzung dafür sind einheitliche Hochschulabschlüsse. Bakkalaureat (Bachelor) und Magister (Master) sollen europaweit nach denselben Kriterien verliehen werden. Das Bakkalaureat soll Grundlagen vermitteln, im nachfolgenden Magister sollen Studierende ihr Wissen vertiefen und sich spezialisieren. Seit dem Berliner Kommuniqué von 2003 ist das zweistufige System durch das Doktorat auf ein dreistufiges erweitert worden.

Im UG 2002 §54 (2) wird festgehalten, dass - mit wenigen Ausnahmen wie dem Lehramt - neu eingerichtete Studien nur als Bakkalaureats- und Magisterstudien (BMS) eingerichtet werden dürfen. Eine Fristsetzung für die Umwandlung existierender Studien in BMS nimmt das UG 2002 nicht vor. Das Berliner Kommuniqué von 2003 sagt, dass der Prozess bis 2005 "in Gang gesetzt" sein soll. Im "Prag-Kommuniqué" vom Mai 2001 wird betont: "Die ….Programme können und sollten unterschiedliche Orientierungen und verschiedene Profile haben, um der Vielfalt der individuellen, akademischen und arbeitsmarktbedingten Bedürfnissen gerecht zu werden…"

DIE ZEIT stellt in einem Artikel vom 13. Januar 2005 fest, dass die Gegner des BMS mittlerweile in der Minderheit sind: "…der deutsche Bachelor und sein großer Bruder, der Master, stecken keineswegs in der Krise. Ihre Einführung läuft sogar besser als erwartet."

An den Kunstuniversitäten bleibt das BMS jedoch noch umstritten. Man sieht eine Verschulung drohen; das in den Modulen angebotene Schmalspurwissen könne keineswegs zur Bildung einer schöpferischen Persönlichkeit beitragen; das Bakkalaureats-studium sei mit seinen sechs Semestern zu kurz, um eine künstlerische Bildung zu gewährleisten; schließlich sei zu befürchten, dass der Staat nur noch das Bakkalaureat ohne hohe Gebühren anbiete und der Magister für die Studierenden teuer werde.

Allgemeine Überlegungen
Unsere Überlegungen setzen zunächst jedoch bei Fragen der Angemessenheit des bisherigen Studiums an: Das Diplomstudium in den (Meister-)Klassensystem liefert kein konsekutiv aufgebautes Lehrprogramm. Es stellt eine Gemeinschaft her, in die man zu Studienbeginn aufgenommen wird und in der man seinen Weg selbst finden soll. Schulung der künstlerischen Kompetenz findet im Wesentlichen durch das Beispiel statt, das ProfessorInnen oder ältere Mitstudierende geben. Dem liegt die Überlegung zu Grunde, dass man die Fähigkeit, Grenzen zu überschreiten und Neues zu entwickeln nicht in regelhafter Weise anhand von bekanntem Wissen entwickeln kann.

Diesem aus der Romantik stammenden Idealbild des schöpferischen Menschen entspricht die Realität heute nicht mehr:

Das geänderte Berufsbild
Das Künstlerbild der Romantik geht vom Künstler als gesellschaftlichem Außenseiter aus, der in die Gesellschaft nicht integriert ist und dessen Werke weder Waren sind noch Werkzeuge. Dieses Berufsbild hat sich in den letzten hundert Jahren drastisch geändert, worauf bereits das für die Entwicklung der anglo-amerikanischen Kunstausbildung vorbildhafte Bauhaus mit seinem Kurssystem antwortete. Künstler partizipieren heute an einem Markt (auch wenn man dies bedauern mag). Sie sind in gesellschaftliche Entwicklungen eng eingebunden, und es haben sich ihnen Tätigkeitsfelder jenseits des Museumsbetriebes erschlossen. Statistiken lassen erkennen, dass im letzten Jahrzehnt nur ca. 2 % der AbsolventInnen von Kunsthochschulen in Deutschland von ihrer künstlerischen Tätigkeit leben konnten. Wir empfinden es als notwendige Aufgabe, die vielfältigen Berufsfelder, die sich KünstlerInnen alternativ erschlossen haben, in der Lehre zu berücksichtigen, bzw. weitere Tätigkeitsfelder zu erschließen.

Im Sinne eines gewandelten Berufsfeldes äußerte sich jüngst auch der Rektor der FHS Luzern, Prof. Wyss, wo ab dem WS 2005 auch im Bereich der bildenden Kunst ein Bachelor-Studium eingerichtet ist. Wyss sieht die Einführung des Bachelors an seiner Schule in Verbindung mit einer "transdisziplinären Kunst": "Dabei braucht die künstlerische Idee ein Management-Wissen zu deren Realisierung, das jenem eines Ingenieurs durchaus gleichgestellt ist, ohne deswegen seine gestalterische Kompetenz zu verlieren. Der Künstler braucht auch Sozialkompetenz, er muss oft führen und überzeugen können, denn er muss, was ihm vorschwebt, auch 'verkaufen'. Dass wir das an unserer Schule vermitteln, ist ein Teil des Wandels dieser Schule - nicht zuletzt auch zum Schutz der Künstler." (Neue Luzerner Zeitung, 13.01.2005)

Daraus ist nicht nur die Konsequenz zu ziehen, dass auf diese verschiedenen Tätigkeitsfelder im Sinne einer besseren technischen Kompetenz vorbereitet werden kann und muss. Vor allem sind diese Tätigkeitsfelder und ihr gesellschaftlicher Bezug mittlerweile stark determiniert und erzwingen eine entsprechende inhaltliche Auseinandersetzung während des Studiums. Es gilt, den Studienanfängern möglichst rasch Einblick in diese Voraussetzungen ihrer Arbeit zu vermitteln.

Dem erweiterten Praxisfeld entsprechend will die Akademie in Zukunft ein grundständisches Studium bieten, dem eine Phase der Spezialisierung auch über die Grenzen des traditionellen Praxisfeldes hinaus folgt. Der Magister in Education/Communication genauso wie der in Media Studies und den Kulturwissenschaften trägt künstlerischen Arbeitsfeldern Rechnung, wie sie sich in den letzten Jahrzehnten außerhalb des Galeriensystems entwickelt haben. Diese Magisterstudien werden als künstlerische begriffen und sollen nicht die Studierenden der Kunst abspenstig machen, sondern alternative Tätigkeitsbereiche erschließen. Die Magister sind - im Unterschied zum generalistischen Bakkalaureat - inhaltlich scharf konturiert, um der Akademie Profil zu verleihen und im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Auf der Forschungs- und Doktoratsebene ergibt sich dann eine Interdisziplinarität in der Kooperation der verschiedenen MagisterabsolventInnen.

Die Fähigkeit, Neues zu entwickeln
Die romantische Vorstellung einer 'creatio ex nihilo' ist heute durch die Idee ersetzt, dass schöpferische Arbeit durch Verschiebungen in Systemen - solcher der verbalen Sprache, der Bildsprache und der Handlungsformen - stattfindet. Dementsprechend muss diese theoretisch systematische Grundlage künstlerischer Praxis vermittelt werden, auf der aufbauend Innovation überhaupt erst möglich wird. Die wesentliche Revolution bei der Einführung des BMS liegt wohl darin, dass auch das künstlerische Wissen zu gewissem Grad als ein kummulatives definiert wird, so dass eine StudentIn nach Abschluss ihres Magisters ein umfassenderes Wissen haben sollte als nach dem Abschluss ihres Bakkalaureats. Die Lehrenden sind außerdem im BMS angehalten, Bereiche von unbedingt vorauszusetzendem Wissen zu definieren. Professor René Green konstatierte bei ihrem Weggang von der Akademie (2001) das fehlende Grundlagenwissen der Studierenden und plädierte für ein strukturierteres Studium: "Ich finde, man kann gleichzeitig Disziplin und dennoch künstlerische Freiheit haben, ja, ich sehe beide als untrennbar verbunden." (Jahreskatalog 2001/2002, S. 6)

Im Rahmen der Arbeit am Entwicklungsplan forderten Studierende der bildenden Kunst in einem Gespräch am 08.06.2004 mehr Einführungs-, Übersichts- und Pflichtvorlesungen. Außerdem äußerten sie den Wunsch, die Professoren und Professorinnen sollten "öfters in der Klasse anwesend sein". Das BMS garantiert während einer Orientierungsphase in den ersten drei Jahren größere Anleitung und Grundorientierung und - wegen des Kurssystems die regelmäßige Präsenz von ProfessorInnen und AssistentInnen.

Drohende Verschulung, Erhalt kreativer Freiräume
Das BMS führt keineswegs zu einer Verschulung. Vergleiche mit den Curricula an den bedeutendsten amerikanischen Hochschulen haben gezeigt, dass es große Spielräume für die Definition des Studiums im BMS gibt. So hat das renommierte Cal Arts in Los Angeles z.B. wesentlich weniger verpflichtende Lehrveranstaltungsstunden als das jetzige künstlerische Diplomstudium der Akademie, während das Art Institute in Chicago eine ganztägige Präsenz aller Studierenden verlangt (und doch nur 27 Stunden mehr als die Wiener Akademie mit ihrem gegenwärtigen Diplomstudium).

Gespräche mit Professoren anderer Kunstuniversitäten (Prof. S. Shore, Bard College N.Y; Prof. T. Ruff, Kunstakademie Düsseldorf) lassen eine Verbindung aus der Kompetenzvermittlung des anglo-amerikanischen Kurssystems und den Freiheiten des europäischen Klassensystems als sinnvollste und effektivste Lösung erscheinen. Das BMS erlaubt eine solche Mischung: Es führt die Studierenden in grundlegenden Kursen (Bakkalaureatsstudium) in die Disziplinen ein. Mit dem Bakkalaureatsabschluss wird noch einmal eine Möglichkeit zur Überprüfung der eigenen Fähigkeit und gegebenenfalls einer Neuorientierung gegeben. Der Master sollte ganz der Entwicklung eines eigenen künstlerischen Projektes gewidmet sein und alle Freiheiten des bisherigen Klassensystems garantieren. Schließlich bieten die Universitätslehrgänge und das Doktorat die Möglichkeit einer weiteren Entwicklung. Sie relativieren auch die Einengung im Bakkalaureatsstudium.

In den eigenen Planspielen geht das Rektorat davon aus, dass im Bakkalaureat jeweils zwei Tage der Woche dem praktisch-künstlerischen Studium in Werkstatt und/oder Atelier gewidmet sind (entsprechend dem heutigen Zentralen Künstlerischen Fach) und dass ein Tag für Lehrveranstaltungen der Theorie (Kunstgeschichte, Medien- und Gendertheorie, Ästhetik etc.) gewidmet ist. Ein Tag steht der eigenen freien Arbeit zur Verfügung. Die Professuren sollten nicht nur die Aufnahmeprüfung betreuen, sondern auch in das Bakkalaureatsstudium integiert sein. In den Magisterstudien wird die Theorie-Anteil je nach Art des Magisters und des akademischen Ziels (Doktorat) verschieden ausfallen. Die künstlerischen Magisterstudien werden jedoch lediglich Kolloquien anbieten, in denen die Studierenden ihre Arbeit untereinander und mit ProfessorInnen diskutieren. Sowohl im Bakkalaureat als auch im Magister bleibt das sogenannte ‚Zentrale Künstlerische Fach' im Mittelpunkt der Lehre und garantiert die individuelle künstlerische Arbeit und Betreuung.

Isoliert sich die Akademie mit dem BMS?
Seit Einführung des UG 2002 müssen nicht nur Studierende ausländischer Kunstuniversitäten, sondern sogar auch die anderer österreichischer Schulen beim Wechsel an die Akademie eine Aufnahmeprüfung absolvieren. Der Vizerektor für die Lehre kann anschließend anhand der Studienunterlagen entscheiden, in welches Studienjahr die Neuankömmlinge eingestuft werden sollten. Es macht keinen Unterschied, ob diese Aufnahmeprüfung für Diplom- oder Bakkalaureatsstudien gilt. Die Attraktivität des BMS und der dort Lehrenden dürfte aufgrund der oben dargelegten Erwägungen zu einem der zeitgenössischen Kunstpraxis angepassten Curriculum eher hoch sein.

AustauschstudentInnen, die nur für ein oder maximal zwei Semester im Rahmen des Erasmusprogrammes an die Akademie kommen, müssen wohl ein Portofolio vorlegen, aber keine Aufnahmeprüfung absolvieren. Fachbereichskoordinatoren entscheiden in Rücksprache mit ProfessorInnen über ihre Zuordnung in Klassen. Von 25 Gästen im Studienjahr 2003/4 kamen ein Großteil (10) aus Deutschland, 3 aus Frankreich, 3 aus Polen und jeweils einer aus Tschechien, Griechenland, Italien und Bulgarien. Alle diese Länder führen noch Diplomstudien. Vier Gäste kamen aus Großbritannien und einer aus Dänemark, aus Ländern, die bereits über ein zweigliedriges Studium verfügen. Bei der Integration dieser Gäste in die Lehre machten die unterschiedlichen Studienformen keinen Unterschied. Es ist nach Einführung des BMS außerdem davon auszugehen, dass die Attraktivität für Studierende aus Ländern mit zweigliedrigem wie Großbritannien, Dänemark oder Schweden steigen wird.

Angesichts des europäischen Rahmenwerkes ist jedenfalls davon auszugehen, dass im Laufe der nächsten drei bis fünf Jahre auch die restlichen Kunstuniversitäten - wie sich am Beispiel der Musikhochschulen gezeigt hat, die auch in Österreich das BMS bereits flächendeckend auch für die künstlerischen Fächer eingeführt haben - das MBS einführen werden.

Erhöht sich durch Einführung des BMS die Studiendauer?
Tatsächlich dauert das jetzige Diplomstudium nur vier Jahre, während das BMS fünf Jahre brauchen wird. Doch dieses Argument legt die Regelstudienzeit zugrunde, die von rund 50% der Studierenden der bildenden Kunst zum Teil drastisch (17.-21. Semester) überschritten wird. Die klare Zielsetzung, die sowohl das Bakkalaureat, als auch den Magister charakterisiert, wird de facto zu einer Verkürzung des Studiums beitragen. Beziehungsweise für eine höhere Qualifikation innerhalb derselben Zeit sorgen.

Wer soll die zusätzlichen Kosten bezahlen?
Es ist davon auszugehen, dass in der Übergangszeit, wenn neben dem Bakkalaureat auch Diplomstudien angeboten werden müssen, Mehrkosten entstehen. Diese Mehrkosten lassen sich reduzieren durch Anrechnungsverordnungen, die Kurse aus dem Bakkalaureat auch für DiplomstudentInnen anrechenbar machen. Darüber hinaus ist der Gesetzgeber verpflichtet, den Mehraufwand, der durch die Einführung des UG 2002 entsteht, zu erstatten.

Die Einführung des BMS positioniert die Akademie hinsichtlich der 2006 beginnenden Verhandlungen zu den Leistungsvereinbarungen mit dem bm:bwk. Schon was die Jahre 2005/2006 angeht, erwartet das Rektorat, dass eine Initiative in Richtung der Bologna-Vereinbarungen, wie sie die Einführung des BMS gerade für die bildende Kunst darstellt, zusätzliche finanzielle Unterstützung aus den gemäß §141 (5) einbehaltenen Mitteln in Höhe von ca. 2,5 Millionen Euro bringt.

Rektorat der Akademie der bildenden Künste Wien, 02.02.2005


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