Akademie der bildenden Künste Wien
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22.02.2010

 

Bruno Gironcoli
Foto: Franz Hubmann, 1989

 

Bruno Gironcoli ist am 19. Februar 2010 nach langer, schwerer Krankheit verstorben. Der aus Kärnten stammende Bildhauer galt als einer der bedeutendsten Protagonisten der österreichischen Gegenwartskunst. Mit seinem komplexen, eigenwilligen, mitunter verstörendem Werk, seinen kolossalen, symbolbeladenen Kunst-Apparaten und Objektarrangements, erweiterte er den traditionellen Skulpturbegriff. Großformatige Zeichnungen ergänzten diese theatralischen Räume als mögliche Handlungsweisen. Erst in den 1990er Jahren entwickelte Gironcoli in seinen Papierarbeiten eine eigenständige malerische Sprache. Der Künstler setzte sich in seinen Arbeiten immer wieder mit den Themen Mutter, Geburt, Sex, Suche nach Glück, Scheitern, Tod und Faschismus auseinander.

Bruno Gironcoli, 1936 in Villach geboren, studierte nach einer Goldschmiedelehre an der Hochschule für angewandte Kunst.
Ab Mitte der 1960er beschäftigte sich Gironcoli mit den Darstellungsmöglichkeiten des menschlichen Abbilds, setzte erste Polyesterobjekte um und entwickelte das nach dem gleichnamigen Roman von Samuel Beckett benannte Modell “Murphy”. Anfang der 1970er veränderte er den Skulpturbegriff hin zu im Raum ausgebreiteten Objektarrangements und entwickelte ein Vokabular, das er auch in seinen späten assemblageartigen Skulpturen behielt.

Mit Bruno Gironcoli hat die Akademie der bildenden Künste Wien nicht nur einen bedeutenden Künstler und Freund, sondern auch einen ihrer wichtigsten Lehrer verloren. In der Nachfolge von Fritz Wotruba hatte er 1977 die Bildhauerschule in der Böcklinstraße übernommen und bis zu seiner Emeritierung 2004 geleitet. 2005 würdigte die Akademie sein vor der Berufung entstandenes Werk mit der Ausstellung “Bruno Gironcoli. Frühe Arbeiten”.

“Der Anfang war ein sanfter, wenngleich kein einfacher. Mit Gironcoli als Vorbote war ein Generationenwechsel an der Akademie vollzogen. Noch stand die alte Garde am Schillerplatz, bereit, die Kunst zum hundertsten Mal zu retten. Doch die Person des Einzelgängers Gironcoli, ausgestattet mit einer obsessiven Zähigkeit, überraschte das Kollegium, und seine unkonventionellen Entscheidungen faszinierten die jungen Kunststudenten. Sehr rasch erkannte der ›Neue‹ die Chance, die Allianz ›mit‹ den Studierenden und nicht ›vor‹ ihnen zur Gesellschaftsbildung zu nutzen.” Werner Würtinger, 2004 (Vorwort in: Raum 8, die Bildhauerschule Bruno Gironcoli)

Ausstellungen und Preise (Auswahl)
1971 Biennale Sao Paolo | 1976 Preis der Stadt Wien für Bildende Kunst (Bildhauerei) | 1977 Museum 20. Jahrhundert, Wien | 1986 “Arbeiten auf Papier”, Neue Galerie am Landesmuseum Joanneum, Graz | 1993 Großer Österreichischer Staatspreis | 1997 “Bruno Gironcoli: Die Ungeborenen”, MAK Wien | 2003 Biennale Venedig | 2004 Eröffnung des Gironcoli-Museums auf Schloss Herberstein | 2005 “Bruno Gironcoli. Frühe Arbeiten”, Akademie der bildenden Künste Wien | 2007 “Bruno Gironcoli. 11 Skulpturen”, Gerhard-Marcks-Haus, Bremen

Das Begräbnis findet am Montag, 08.03.2010, 14.00 h, auf dem Wiener Zentralfriedhof, Eingang 2. Tor, Halle 2 (Simmeringer Hauptstraße 234-240, 1110 Wien) statt.

Die heilige Messe wird in der Dom- und Metropolitankirche St. Stephan (Hauptaltar) am Dienstag, 09.03.2010, 19.00 h, gelesen.

kondolenzbuch@akbild.ac.at

Gerhard Raab, 13.03.2010
Ich danke, dass ich die Möglichkeit hatte, bei Prof. Bruno Gironcoli zu studieren, und eine beispielhaft geradlinige, konsequente, kompromisslose und leidenschaftliche Kunst-Haltung kennenzulernen.

Meina Schellander, 07.03.2010
Nachruf auf Bruno Gironcoli - ein Versuch
Bruno Gironcoli hat seine obsessiven Vorstellungs-, Gestaltungs- und Sammlungswelten bis zur Neige ausgelotet. Mehr hielten sein Körper und sein Umraum nicht aus. Er riskierte dafür alles, rücksichtslos zu sich selbst und den Seinen. Den frühen, formal sehr reduzierten Skulpturen folgen Raumsprengende, sich selbst torpedierende Objektkonstellationen. Unzählige ebenso phänomenale, autarke Arbeiten auf Papier ergänzen und begleiten seine Raumdiktion. Stadt und Land waren ihm und seinem Werk nicht gewachsen.

Halbherzige Bemühungen führten zu keinen entsprechenden Lösungen. Private Initiativen schufen zumindest kleine Inseln für sein monumentales, unermüdliches Schaffen. Es gilt ihm mein großer Respekt. Meine tiefe Anteilnahme an Christine, seine liebe tapfere Frau und seine Tochter mit den Enkelkindern.

Barbara Steffen, 05.03.2010
Ich kondoliere aufrichtig der Familie von Bruno, ich habe ihn viele Jahre gut gekannt und war in den 90er Jahren oft bei ihm in seiner
Wohnung an lauen Samstagnachmittagen zum Cafe geladen. Auch verantstalteten wir eine gemeinsame Ausstellung in NEw York,
im Jahre 1994 im Austrian Cultural Center. Dort habe ich einige kleinere Skulpturen und Papierarbeiten von ihm ausgestellt.
Es tut mir leid zu hören, das es sehr schwer für ihn in den letzten Jahren seines Lebens war. Ich werde ihn immer in sehr herzlicher
Erinnerung behalten.

Yana Milev, 01.03.2010
Ich möchte der Akademie hiermit meine herzliche Anteilnahme am Tod des Kollegen Prof. Bruno Gironcoli ausdrücken.
Mich bedauert dieser Verlust zutiefst, zumal die deutschsprachigen Akademien im Allgemeinen ärmer werden an grossen Persönlichkeiten.
Für die Trauerfeier im Rahmen der Angehörigen und Akademiemitglieder alles Gute,
Yana Milev aus Berlin.

Gertrude Moser-Wagner, 22.02.2010
Bruno Gironcoli, der uns den Konjunktiv gelehrt hat und den StudentInnen stets auf Augenhöhe begegnete – heute würde man sagen, ein Vertreter der flachen Hierarchie, ein ganz Vorsichtiger im Umgang mit den jungen Menschen. Wir schafften frech die alten Konventionen an der Meisterschule ab (1978), aber er verlangte von uns, dem etwas dagegenzusetzen, nämlich zu beweisen, was denn also die Bildhauerei für uns wäre. Und das hatten wir im Raum 8 der Böcklinstraße 1 (gleichnamiges Buch von Werner Würtinger) zu beweisen, wollten wir ein Gespräch mit dem Lehrer angesichts unserer Kunstversuche. Das Gespräch war ein ausführliches, sorgfältiges, auch ein tagelanges, wenn nötig. Mit seinem eigenen Werk war er anfangs in der Böcklinstraße nie zugegen, sodass ich erst viel später und ganz aufgeregt Kenntnis nahm, was dort im abgesperrten Wohn- und Ateliertrakt neben unseren Ateliers entstanden sein mochte. „Väterliches/Mütterliches“ 1986, Künstlerhaus Graz. Diese erste Großskulptur, die ich sah, konnte ich fast nicht anschauen, ich mußte sie von mir weghalten und abfilmen, um sie zu überblicken. Ich filmte daher ihre Zerlegung (Das Video befindest sich in der Sammlung der Generali-Foundation).
 Ich versichere seiner Familie, dass viele StudentInnen Bruno Gironcoli sehr geschätzt haben und spreche seiner tapferen, bewundernswerten  Frau, der gemeinsamen Tochter, die er oft erwähnte und den Enkelkindern, die ihn liebevoll umschwirrten bei seinen Auftritten in Wien, mein herzliches Beileid aus.
 Wer weiß schon, wo Bruno Gironcoli jetzt herumfliegt - seines selbsterzeugten Gewichts (des eigenen Körpers, der komplexen Gedankenschleifen und der mächtigen physischen Skulpturenansammlungen) entledigt. Wir wünschen ihm das Beste zum Geleit.
Als ich kurz nach dem Diplom auf Arnulf Rainer traf (und dessen StudentInnen 1982 bis 1990 betreute), glaubte ich mich im falschen Haus, doch war es dieselbe Akademie. So verschieden waren die Welten von Böcklinstraße und Schillerplatz damals, im Pädagogischen.
Gut, dass sich inzwischen einiges im Sinne des Pioniers Bruno Gironcoli an der Akademie geändert hat.
Hochachtungsvoll
Gertrude Moser-Wagner


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