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Juni 2010
Eine Petition gegen eine Politik der falschen Zeichen

Die Akademie der bildenden Künste Wien am Schillerplatz hat unter den Zeichen des Nationalsozialismus massiv an antisemitischen Handlungen mitgewirkt. Nicht nur, dass sie die Professoren- und Studierendenschaft sowie das allgemeine Personal der Akademie von jenen Menschen "gesäubert" hat, die die Nazis als "jüdisch" oder "jüdisch versippt" definierten, forderte "das Rektorat bzw. die kommissarische Leitung (…), auch den Platz vor dem Akademiegebäude, den Schillerplatz, "judenrein" zu machen". Der Schillerplatz war bis dahin als einer der wenigen Parks von der Verordnung des Polizeipräsidenten aus dem August 1938 ausgenommen, die den Juden und Jüdinnen verbot bestimmte öffentliche Parkanlagen zu betreten. "Am 18. Jänner 1939 teilte das Magistrat der Stadt Wien mit, dass "die Angelegenheit des Besuches der Gartenanlage auf dem Schillerplatz durch Juden (…) durch die zuständigen Stellen erledigt worden" ist." Für diese Mittäterschaft der Akademie an nationalsozialistischen Verbrechen fehlen am Schillerplatz sämtliche Spuren und Zeichen. In diesem Sinne wurde der Schillerplatz auch historisch "gesäubert" und jede Erinnerung daran ausgelöscht. Das Fehlen eines Zeichens für diese Verbrechen ist selbst ein unhaltbares Zeichen.

Anders verhält es sich bei den gleichzeitigen Ehrungen durch die Akademie in der Zeit des Nationalsozialismus. So wurde etwa Josef Weinheber im Jahr 1942 zum "Ehrenmitglied der Akademie der bildenden Künste" ernannt. Davon zeugt noch heute ein Denkmal am Schillerplatz, das die Stadt Wien in den 70er Jahren ihm zu Ehren dort aufgestellt hat. Die manifeste Ehrung eines im Nationalsozialismus geehrten Mitglieds der Akademie am zeitgenössischen Schillerplatz ist ein falsches und gleichfalls unhaltbares Zeichen.

Seit Oktober 2009 gibt es an der Akademie der bildenden Künste Wien die Arbeitsgruppe "Plattform Geschichtspolitik", die die Teilhabe der Akademie an Kolonialismus, (Austro-)Faschismus und Nationalsozialismus kritisch bearbeitet und öffentlich verhandelt und damit auf die bestehende Problematik aufmerksam gemacht hat.
Die Akademie der bildenden Künste Wien möchte darauf Bezug nehmend gegen die oben erwähnte Politik der falschen Zeichen selbst ein Zeichen setzen. Da der Schillerplatz formalrechtlich nicht zur Liegenschaft der Akademie gehört, müssen und wollen wir damit die Stadt Wien bitten, uns bei der Korrektur einer Politik der falschen Zeichen zu unterstützen.

Um die falschen oder ausgelöschten Spuren der nationalsozialistischen Aktivitäten am Schillerplatz zu korrigieren, fordern wir eine Umgestaltung des Schillerplatzes. Diese sollte zwei Ziele verfolgen. Erstens sollte die Büste für Josef Weinheber entfernt und die Leerstelle mit entsprechenden Informationen über seine nationalsozialistische Vergangenheit ergänzt werden. Und zweitens sollte ein Zeichen für die Vertreibung der Juden und Jüdinnen von der Akademie und vom Schillerplatz gesetzt werden.

Wir bitten die Stadt Wien uns bei dieser Korrektur einer Politik der falschen Zeichen zu unterstützen und fordern eine internationale Ausschreibung für ein künstlerisches Projekt, das sich gleichermaßen dem falschen wie dem fehlenden Denkmal annehmen soll. Das ausgelobte Projekt sollte dann umgehend realisiert werden und die Stadt Wien unter den Zeichen einer richtigen Politik im Umgang mit falschen Zeichen ihrer Vergangenheit erscheinen lassen.

Das Rektorat der Akademie der bildenden Künste Wien

Wien, Juni 2010

1) Hans Seiger (Hg.): Im Reich der Kunst: die Wiener Akademie der Bildenden Künste und die faschistische Kunstpolitik, Wien 1990, 32.
2)  ebenda.

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