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20.11.2014

Akademiezeitung Nr. 2

mit Beiträgen von:

Martin Fritz | Bewegliche Grenzlinien
Eva Maria Stadler | Interessenkonflikt
Sabeth Buchmann / Achim Hochdörfer | Die Geister, die sie rief
Michael Huber | Fahrschein ins Barock
Gottfried Fliedl | Propter homines. Etwas zu Privatisierung
Cornelia Reiter | Das Kupferstichkabinett der Akademie der bildenden Künste Wien
Thomas Heise | Kunst, Film und Ästhetik des Widerstands
Roman Gerold | Der Spieltrieb der Bewahrer_innen
Elisabeth von Samsonow | Laudatio auf Friederike Mayröcker

 

Wir freuen uns, Ihnen die zweite Ausgabe der Akademiezeitung derdiedas bildende präsentieren zu können. Diese Ausgabe widmet sich dem Thema "Staat/privat", vor allem mit der Blickrichtung auf Kunst und Kultur. Auslöser für diese Themenwahl war die Übernahme der seit 1988 bestehenden Generali Foundation durch das Salzburger Museum der Moderne Mönchsberg. Für die Dauer von 25 Jahren wurde die Kunstsammlung dem öffentlichen Museum in Salzburg übergeben; der Standort in Wien, der prägend für ein spezifisches Feld des Kunstdiskurses war, wurde geschlossen. Es ist nicht die erste Privatsammlung, die ihren Weg in ein staatliches Museum findet, wie in den Artikeln in dieser Ausgabe hinreichend diskutiert, reflektiert und kritisiert wird.

Immer dringender stellt sich die Frage nach den Aufgaben des Staates und vor allem auch nach dem Eigentum des Staates unter der Perspektive des Primats der Ökonomie im Sinne von: "Wem gehört was?", und: "Wer darf was unter welchen Bedingungen nützen und/oder verkaufen?", und: "Wie steht es mit dem Verhältnis zwischen dem Staat und dem Privaten?"

In der filmischen Collage Wienfilm 1896-1976, im Jahr 1977 von Ernst Schmidt jr., dem 1988 verstorbenen Filmregisseur, montiert, nimmt dieser den damaligen Wahlslogan der Wiener SPÖ, "Wien gehört den Wienern", wörtlich. Peter Weibel zu einem Passanten: "Mir gehört die Favoritenstraße, was gehört Ihnen?" Passant verwirrt. Weibel: "Ich gebe Ihnen ein Stück von der Favoritenstraße, und Sie geben mir dafür ein Stück vom Gürtel, weil Wien gehört den Wienern." Passant weiter verwirrt: "Ja, des g'hört mir ja nicht!" Die irritierend und verwirrend anmutende Szene, die sich durch die zweistündige Montage zieht, bringt auf den Punkt, worum es in der Diskussion geht.

Da ist auf der einen Seite die Ausgliederung staatlicher Institutionen in privatrechtlich organisierte Gesellschaften (Stiftungen, GmbHs, Aktiengesellschaften), um damit Defizite der öffentlichen Haushalte auszulagern, und da ist andererseits die Eingliederung privater Institutionen in staatliche Institutionen, um angeblich vorhandene Defizite - etwa im Sammlungsbestand - auszugleichen, aber auch den Wert des Privaten durch republikanische Nobilitierung zu steigern. Hier werden die Modelle der Public-private-Partnership immer wieder geradezu beschworen und deren Nutzen für die öffentliche Hand hervorgehoben. Zahlreich sind die Beispiele, bei denen die Public-private-Partnership schiefgegangen ist, teuerstes für die öffentliche Hand ist hier im deutschsprachigen Raum vermutlich der Bau der Elbphilharmonie in Hamburg, dicht gefolgt vom Flughafen Berlin Brandenburg. Und dennoch wird - und fast ist zu sagen: wider besseres Wissen - weiter daran festgehalten. So soll etwa der Neubau des Wien Museums Karlsplatz in dieser Konstellation errichtet werden - oder das Funkhaus in der Argentinierstraße, aus dem die Mitarbeiter_innen auf den Küniglberg umgesiedelt werden sollen, wobei das Haus verkauft und dann wieder rückgemietet werden soll. Und auch die Idee, auszulagern, um die Schulden der öffentlichen Haushalte zu verkleinern, erweist sich als Trugschluss. So werden etwa die Schulden von ÖBB, Bundesimmobiliengesellschaft oder den Krankenanstalten künftig direkt dem Staat zugerechnet, die Ausgliederung war also budgettechnisch gesehen für die Katz.

Selbstverständlich sind Kooperationen zwischen staatlichen und privaten Einrichtungen an und für sich sinnvoll, essenziell dabei ist jedoch, dass alle Partner_innen einen tatsächlich vergleichbaren Nutzen haben, sowohl in ökonomischer wie auch symbolischer Hinsicht. Sicherzustellen ist aber jedenfalls, dass der Staat seine Aufgaben wahrnimmt und nicht durch Privatisierung dem Grunde nach hoheitliche Aufgaben - von der Flüchtlingsbetreuung bis hin zu Bildung, Kunst und Kultur - an Unternehmen delegiert, deren Interesse immer Gewinnmaximierung sein muss.

Neben dem thematischen Schwerpunkt präsentieren sich in dieser Ausgabe einzelne Fachbereiche - Kunst und Film sowie das Kupferstichkabinett-, Partneruniversitäten stellen sich vor, dieses Mal die Hochschule für bildende Künste Hamburg; Ausstellungskritiken und Rezensionen nehmen Bezug auf aktuelle Produktionen der Akademie; Meldungen, seien es Personalia, Preise und Stipendien, ergänzen derdiedas bildende.

Anlässlich ihres bevorstehenden 90. Geburtstags am 20. Dezember hat die Akademie der bildenden Künste Wien ihr Ehrenmitglied Friederike Mayröcker mit einem Festakt gewürdigt. Die Laudatio von Elisabeth von Samsonow gibt es in dieser Ausgabe nachzulesen. Wir wünschen Friederike Mayröcker alles erdenklich Gute zu ihrem runden Geburtstag!

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre!

Eva Blimlinger
Rektorin

Andrea B. Braidt
Vizerektorin Kunst | Forschung

Karin Riegler
Vizerektorin Lehre | Nachwuchsförderung

 
 

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