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IBK

In sieben Kategorien wurden Kulturschaffende 2020, im 60. Jahr des Niederösterreichen Kulturpreises, ausgezeichnet.

 

Thomas Freiler © Stefan Sappert

 

Den Würdigungspreis für Medienkunst – Künstlerische Fotografie erhielt Thomas Freiler. Seit den 1980er-Jahren widmet sich der gebürtige Krumbacher und langjährige Leiter des Fotolabors der Akademie der bildenden Künste in Wien der künstlerischen Fotografie, ihren Apparaten, ihrer Realität und ihrer Reflexion. Und hat damit auch die Bildkultur entscheidend mitgeprägt.

Unter den Ausgezeichneten finden sich Alt-Meister wie Eat-Art-Pionier Daniel Spoerri, Elektronik-Revolutionär Hans-Joachim Roedelius oder Opern-Komponistin Johanna Doderer, aber auch junge Initiativen wie der gerade zwölf Jahre offene Proberaum Scheibbs oder wie der gerade erst 28 gewordene Mistelbacher (Roman-)Autor Mario Wurmitzer.

Die feierliche Verleihung der Preise mußte wegen Corona leider abgesagt werden und wurde 2021 verschoben.

Günther Selichar über Thomas Freiler und seine Arbeit:

blicke über die bande

was ist das, eine fotografie?

was sind die parameter eines bildgebenden mediums, welches sowohl als massenmedium der mittlerweile milliarden amateurbild-hersteller*innen zur anwendung kommt, als auch in der naturwissenschaft oder dem journalismus und vor allem auch in der bildenden kunst?

wie funktioniert dieses werkzeug, welches wohl eine der raffiniertesten „verlängerungen“ der menschlichen physis und hilfsmittel zur erforschung und fassbarmachung der sogenannten realität in der kulturgeschichtlichen entwicklung darstellt?

thomas freiler widmet sich diesen aspekten der medienreflexion mit akribie und versucht, mittels „bildnerischen denkens ohne bilder“ eine künstlerische dekonstruktion des narrativen bildmediums zu vollziehen, indem er in vielen fällen seine bilder vom üblichen auftrag der reportage befreit und die kategorien hervorarbeitet, die voraussetzung sind, das gesehene unter mitdenken dieser bedingungen „wahrscheinlicher“ zu interpretieren – im klaren unterschied zu einem fotografischen lehrbuch auf basis von technischen, d. h. mechanischen und optischen, physikalischen und chemischen grundlagen, welches dies im rahmen trockener theorie und ohne künstlerische ergebnisse tun müsste.

das bemühen, sich die welt mittels einer möglichst detailgenauen, spiegelbildlichen oder naturalistischen abbildung erläuterbarer zu machen, prägt die gesamte kunst- und wissenschaftsgeschichte und beschäftigt dazu die philosophie in der beschreibung dieser methoden. klar ist, dass wir dabei auf diverse hilfskonstruktionen angewiesen sind, die genau genommen schon innerhalb unseres körpers beginnen, wenn man bedenkt, das selbst die unmittelbare anschauung eines phänomens komplexesten neurologischen verknüpfungen wie auch subjektiven befindlichkeiten unterworfen ist, die richtig zu deuten zu vielen unterschiedlichen auffassungen führt.

wenn nun diesem ohnehin vielschichtigen „natürlichen“ apparat noch eine technische konstruktion in ergänzung vorgespannt wird, wie sollen wir die unzähligen faktoren dieser anordnung noch entwirren können? aus genau diesem grund braucht es künstlerische arbeitsmethoden, die sich dieses problems auf unterschiedlichste weise annehmen, mehr denn je in einer welt, die im begriff ist, sich in nie da gewesener art auf solche hilfswerkzeuge und technologien zu verlassen.

es muss uns klar sein, dass wir mit modellen der realität handeln, die sich dynamisch, je nach situation und technischem standard verändern und die viel zu oft mit dem verwechselt werden, worüber sie berichten. diese abstraktionsprozesse dürften ein menschliches grundbedürfnis sein, mit deren unterstützung wir versuchen – sozusagen über die bande – uns der wirklichkeit asymptotisch zu nähern. vergessen sollten wir dabei auch nicht, dass es kein modell gibt, welches alternativlos ist und wir die reichhaltige, unterschiedliche herangehensweise benötigen, um das, was wir bescheiden „welt“ nennen, als lebens- und denkraum zu erkunden.

mit thomas freiler hat die heurige jury des würdigungspreises für künstlerische fotografie des landes niederösterreich einen künstler ausgezeichnet, der wohl eine der klarsten positionen in puncto bildnerischem denken über das medium fotografie in niederösterreich und österreich einnimmt. damit wird eine wesentliche künstlerische arbeit gewürdigt, die sich seit mitte der 1980er-jahre in seltener konsequenz den bedingungen eines massenmediums widmet, welches einerseits schon als historisch bezeichnet werden kann, aber gleichzeitig in unserer bildgefüllten gegenwart mit noch nie da gewesener omnipräsenz nach ständiger reflexiver begleitung verlangt. die entstehungsbedingungen von fotografischen bildern und die funktionsweisen einer apparativen, sowohl analogen als auch mittlerweile digitalen visualisierungstechnik, die neben dem film einen der größten einflussbereiche auf die bildkultur der letzten fast 200 jahre darstellt, reflexiv, systematisch und erhellend zu bearbeiten, ist thomas freilers zentrale arbeitsmotivation und wird somit mit einem preis belohnt, welchen die jury mit freude einstimmig beschlossen hat.


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