Ausstellungseröffnung
Zur Ausstellung
Sabine Folie, Direktorin Kunstsammlungen
Helmut Draxler, Kurator
Eröffnung
Ingeborg Erhart, Vizerektorin für Kunst und Lehre
Die Ausstellung Der große Michelangelo ist tot! Avantgarde & Akademismus nimmt ein 300-jähriges Jubiläum zum Anlass: 1726 erhielt die heutige Akademie der bildenden Künste Wien ihre Statuten nach französischem Vorbild. Doch anstatt eine lineare Geschichte der Institution zu erzählen, lädt die Schau zu einem lebendigen Rundgang durch die Geschichte der Akademien allgemein. Im Zentrum steht ein produktiver Streit: Was gilt als akademisch, was als avantgardistisch – und wer entscheidet darüber?
Akademismus und Avantgarde erscheinen dabei nicht als einfache Gegensätze. Die Ausstellung zeigt, dass beide Begriffe einander immer wieder herausfordern, befragen und verändern. Was heute als radikal neu auftritt, kann morgen Teil eines Kanons werden; was als überholt gilt, kann in einem neuen Zusammenhang plötzlich wieder aktuell erscheinen. So wird sichtbar, wie künstlerische Erneuerung oft gerade dort entsteht, wo Regeln, Vorbilder und Institutionen zur Diskussion gestellt werden.
Der Parcours beginnt im 16. Jahrhundert mit der Gründung der Accademia del Disegno in Florenz und mit Giorgio Vasari, der Michel- angelo zum Ideal des „göttlichen“ Künstlers erhob. Von dort führt der Weg über die Akademien Frankreichs und Deutschlands, über Reformen, Krisen und Gegenbewegungen bis zu den Nazarenern in Wien, zum Modell der Meisterklasse, zu Bauhaus und Vkhutemas, zu den Auseinandersetzungen an den Akademien der 1960er und 1970er Jahre und weiter zu Debatten um Bologna, den educational turn, Diversität, Identitätspolitik und globale Verschiebungen in der Kunstwelt.
Eine besondere Stärke der Ausstellung liegt im Ort selbst: Die Wiener Akademie verfügt über drei herausragende Sammlungen mit Gemälden, Grafiken und Gipsabgüssen. Diese historischen Bestände werden neu befragt und mit bedeutenden Leihgaben sowie zeitgenössischen Positionen in Beziehung gesetzt. Auf Werke von Vasari, Le Brun, Poussin oder Sandrart treffen Werke von Picabia, Lichtenstein, Immendorff und vielen weiteren Künstler_innen. Eigens für die Ausstellung entstandene neue Arbeiten erweitern den Blick auf die Gegenwart und dessen Rezeption der Kunstgeschichte.
Dabei rückt auch die Kopie in den Fokus. Lange wurde sie im Zeichen des Avantgarde-Originals abgewertet; hier erscheint sie als eigenständige künstlerische Praxis. Aneignung, Wiederholung und Reenactment zeigen, dass akademische Verfahren selbst zu Werkzeugen der Avantgarde werden können. So entsteht ein vielschichtiger Essay durch die Zeiten – anschaulich, überraschend und offen.
Die Ausstellung fragt damit nicht nur, was Akademien waren, sondern auch, was sie heute sein können: Orte des Lernens, des Widerspruchs, der Sammlung, der Kritik und der Zukunftsentwürfe. Der große Michelangelo ist tot! macht erfahrbar, dass Kunstgeschichte kein abgeschlossenes Erbe ist, sondern ein fortlaufendes Gespräch zwischen Tradition und Aufbruch.
Mit historischen Werken aus den Kunstsammlungen der Akademie der bildenden Künste Wien – Gemäldegalerie, Kupferstichkabinett und Glyptothek – und zahlreichen Leihgaben
Sandro Botticelli, Sébastien Bourdon (zugeschr.), Heinrich Friedrich Füger, Artemisia Gentileschi (zugeschr.), William Hogarth, Johann Baptist Lampi d. Ä., Charles Le Brun, Franz Anton Maulbertsch, Francis Picabia, Nicolas Poussin, Rembrandt, Peter Paul Rubens, Joachim von Sandrart, Julius Schnorr von Carolsfeld, Jakob van Schuppen, George Stubbs, Pierre Subleyras, Tizian, Giorgio Vasari, Ferdinand Georg Waldmüller, Januarius Zick u. a.
Gipsabgüsse u. a. nach Michelangelo Buonarroti, Antonio Canova sowie Écorché (anatomische Figur) von Johann Martin Fischer Zeitgenössische Künstler_innen Abel Auer, Alice Creischer, Vaginal Davis, Stephan Dillemuth, Thomas Eggerer, Michaela Eichwald, Abdulnasser Gharem, Wolfgang Hollegha, Andy Hope 1930, Jörg Immendorff, Stephan Janitzky, Martin Kippenberger, Jutta Koether, Louise Lawler, Roy Lichtenstein, Markus Lüpertz, Birgit Megerle, Ariane Mueller, Chris Reinecke, Gunter Reski, Katharina Sieverding, Hong Zeiss und Heimo Zobernig
Inszenierung von Werken der flämischen, holländischen und altdeutschen Schulen aus der Sammlung der Gemäldegalerie als „Galeriebild“
Kuratiert von Helmut Draxler
Mit kuratorischen Beiträgen von Claudia Koch (Raum „Galeriebild“) und Hans-Jürgen Hafner (Kapitel „Düsseldorfer Akademie“)