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Antiochia im Plural: Intersektionale und dekoloniale Analysen archäologischer Forschung, 1920–1939

Dissertant_in:
Ezgi Erol

Dissertationsbetreuer_in:
Ruth Sonderegger

Projektstart:
1.10.2019

Doktoratsstudium:
Doktoratsstudium der Philosophie

Dissertationsprojekt
von Ezgi Erol, Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften
Projektstart: 1.10.2019

Abstract

Antiochia ist plural, weil seine Mosaike über verschiedene Orte verstreut wurden. Es ist plural, weil die Menschen, die mit ihnen verbunden waren, nur bruchstückhafte Spuren in den historischen Aufzeichnungen hinterlassen haben. Es ist plural, weil das Archiv selbst voller Lücken ist. Und es ist plural, weil verschiedene Interpretationen nebeneinander bestehen.

Es ist diese Pluralität, die den Ausgangspunkt der Dissertation bildet.

Antiochia im Plural untersucht archäologische Forschung unter dem französischen Mandat in Syrien und Libanon zwischen 1920 und 1939, mit besonderem Fokus auf die amerikanisch-französischen Ausgrabungen in und um Antiochia zwischen 1932 und 1939. Anhand der Geschichte von Mosaiken und anderen archäologischen Objekten – von ihrer Ausgrabung über ihre Fragmentierung und Verschiffung bis hin zu ihrer Verteilung auf Museen, Universitäten und Privatsammlungen – untersucht die Dissertation die Bedingungen, unter denen diese Objekte von ihren Fundorten entfernt wurden, und was dabei zurückblieb.
Die Dissertation geht von einem zentralen Widerspruch aus. Während archäologische Objekte zunehmend sichtbar wurden und an Bedeutung gewannen, blieben die lokalen Frauen, Männer und Kinder, die an den Ausgrabungen beteiligt waren, in historischen Darstellungen und Archivbeständen oft unsichtbar. Welche Rollen spielten sie bei der Entdeckung, Ausgrabung, dem Transport und der Dokumentation archäologischer Objekte? Wie wurden ihre Beiträge festgehalten, anerkannt oder ausgelöscht? Wie wurden sie in Ausgrabungsberichten, Fotografien, Museumssammlungen und wissenschaftlichen Publikationen dargestellt? Besondere Aufmerksamkeit gilt den Lücken und Auslassungen in den Archivbeständen und in der Präsentation der Mosaike sowie der Frage, und der Frage, was diese Lücken über Prozesse der Bedeutungsbildung, Repräsentation und ästhetischen Erfahrung verraten.
Anhand einer Reihe von Mikrogeschichten, die aus Dokumenten, Fotografien, Objekten, Archivmaterialien und Feldbeobachtungen rekonstruiert werden, zeichnet die Dissertation sowohl die Verstreuung der Objekte als auch die fragmentarischen Spuren der beteiligten Menschen nach. Dabei begreift sie Antiochia nicht als einzelne archäologische Stätte, sondern als eine relationale Landschaft und ein fragmentiertes Gefüge aus Objekten, Menschen, Abwesenheiten und Institutionen, deren Geschichten sich über verschiedene Orte, Archive und Formen der Erinnerung hinweg weiter entfalten.

Kurzbiografie

Ezgi Erol ist Künstlerin, Kuratorin und Forscherin. Seit 2019 ist sie Promovierende im Fachbereich Kunst- und Kulturwissenschaften an der Akademie der bildenden Künste Wien. Seit 2022 ist sie zudem wissenschaftliche Mitarbeiterin (Predoc) in der Abteilung für Transkulturelle Studien an der Universität für angewandte Kunst Wien. Ezgis Forschung führte sie in die Vereinigten Staaten, nach Frankreich, in den Libanon und in die Türkei, wo sie Archivrecherchen an Institutionen wie dem Department of Art and Archaeology der Princeton University, dem Institute for the Study of Ancient Cultures Museum der University of Chicago und dem Institut français du Proche-Orient (Ifpo) in Beirut durchführte. Ezgi erhielt mehrere Stipendien und Förderungen für ihre Forschung, darunter das Marietta-Blau-Stipendium der Österreichischen Agentur für Bildung und Internationalisierung (OeAD, 2023–2024) sowie das GO. INVESTIGATIO-Archiv- und Reisestipendium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW, 2024–2025). Ezgi hat ihre Forschungsergebnisse auf mehreren internationalen Konferenzen vorgestellt.