MILITENCE – From MILITary ENClosures to civic spatial practices in Estonian islands Saaremaa and Hiiumaa
Europäische Union | Horizon Europe, Marie Skłodowska-Curie Action Postdoctoral Fellowship
geleitet von Daria Bocharnikova, Institut für das künstlerische Lehramt
Projektlaufzeit: 1.7.2026 – 30.6.2028
Ziel des Forschungsprojekts MILITENCE ist es, erstmals eine Architekturgeschichte darüber zu verfassen, wie militärische Anlagen in der postsowjetischen Ära durch bürgerliche Raumpraktiken wiedereröffnet und neu belebt wurden. Am Beispiel der paradigmatischen Orte der estnischen Inseln Saaremaa und Hiiumaa, die während des Kalten Krieges als strategische Grenzen dienten, zeigt die Studie, wie ehemalige Militärgelände, die von den Spuren der sowjetischen Besatzung (1940–1991) geprägt sind, durch bürgerliche räumliche Praktiken der Pflege und Instandhaltung transformiert werden. Die paradoxe, abgeschottete Militärökologie, die durch erhaltene Biodiversität, giftige Kontamination und verfallene Infrastruktur gekennzeichnet ist, wandelt sich allmählich zu einem mehr-als-menschlichen Gemeingut. Das Projekt schlägt vor, diese neuartigen zivilgesellschaftlichen räumlichen Praktiken als „transitorische Fürsorge“ zu verstehen. Es leistet zwei wesentliche Beiträge: Erstens schließt es eine Lücke in der Architekturgeschichtsschreibung, die diese Orte trotz ihrer tiefgreifenden Bedeutung in Osteuropa und Eurasien weitgehend übersehen hat; zweitens überdenkt es die Architekturgeschichte durch die Linse der Fürsorge und analysiert stark unsichtbar gemachte zivilgesellschaftliche Praktiken der Fürsorge, Reparatur, Instandhaltung und Wiederverwendung. Diese beiden innovativen Ansätze ergänzen einander, da sie speziell die osteuropäische Architekturgeschichte erweitern und gleichzeitig den entstehenden globalen Diskurs über Fürsorge in der Architektur bereichern. Da der estnische Fall ein paradigmatisches Beispiel für die Wiederbelebung ehemaliger Militärgelände ist, schafft das Forschungsprojekt einen neuen übertragbaren Rahmen für die weltweite Untersuchung solcher Standorte. Angesichts der aktuellen geopolitischen Spannungen im Ostseeraum und der raschen Remilitarisierung entlang der Ostgrenze der NATO beleuchtet diese Studie, wie zeitgenössische Zivilgesellschaften durch die Sicherheitserfordernisse herausgefordert werden, die eine Kriegsbereitschaft erfordern, sowie durch die klimatischen Erfordernisse zur Pflege lebenserhaltender, mehr-als-menschlicher Gemeingüter durch eine Übergangspflege ehemaliger Militärgelände.
