Skip to main content

Gratulation: Preise für wissenschaftliche Abschlussarbeiten 2025/26

Den Preis der Akademie der bildenden Künste Wien für wissenschaftliche Arbeiten 2025/26 erhält Hannah Katalin Grimmer für ihre Dissertation (IKW).  Die 3 (!) Würdigungspreise für wissenschaftliche Arbeiten gehen an Franzis Kabisch für ihre Dissertation (IKW), Jasemin A. Khaleli für ihre Masterarbeit (Master in Critical Studies) und Doris Leitner für ihre Diplomarbeit (IKR). Herzliche Gratulation!

Hannah Katalin Grimmer

El arte del porvenir. Die Kunst kommender Welten. Künstlerischer Aktivismus und widerständige Erinnerung in Chile

Was bleibt zurück, wenn eine Diktatur endet? In Chile ist die Vergangenheit nicht beendet, sondern wirkt strukturbildend in der Gegenwart fort. Diktatur und Postdiktatur werden dabei nicht als abgeschlossene Perioden, sondern als historische Kontinuitäten betrachtet. 
Im Zentrum stehen drei Leitmotive, die ihren Ursprung in sozialen Bewegungen haben: No+ [Nicht mehr], Somos+ [Wir sind mehr] und Dignidad [Würde]. Sie tauchen in unterschiedlicher Form als Murales, Stencils, Paste-ups, Fotografien, Malerei und Performances auf und bewegen sich durch die Zeit. Um die Bedeutung dieser Kunst und ihrer Betrachter_innen zu analysieren, entwickelt die Arbeit das methodische Konzept der „remediatisierten Vergegenwärtigung“. Dieses beschreibt, wie künstlerische Praktiken Motive und Symbole in transtemporalen Prozessen mittels verschiedener Medien reaktivieren, remediatisieren und rekontextualisieren. 
Die Dissertation zeigt, wie Künstler_innen als Erinnerungsakteur_innen die von der Diktatur etablierte Kontrolle der Wahrnehmung, den percepticide, unterbrechen und dabei ein porvenir entwerfen, eine kommende Welt. Die Arbeit leistet einen Beitrag zum Verständnis visueller Kultur als widerständiger Form der Erinnerungsarbeit. An der Schnittstelle von Kunsttheorie und Kulturwissenschaft etabliert sie einen Dialog zwischen den anglo-europäischen Memory Studies und den lateinamerikanischen Estudios sobre memoria.

Begründung der Jury: 
Hannah Katalin Grimmers Dissertation behandelt die Verflechtungen von Kunst, Aktivismus und Erinnerung in Chile zwischen 1964 und 2023. Die Arbeit operiert an der Schnittstelle von Kunsttheorie, Kulturwissenschaft und Erinnerungsforschung. Die inhaltliche und methodische Verzahnung dieser drei Bereiche sowie die beeindruckende, intensive und kenntnisreiche Auseinandersetzung mit künstlerischen Protestbewegungen in Chile ist für den deutschsprachigen Diskurs einzigartig. Hannah Katalin Grimmers Dissertation zeigt in herausragender Weise, wie visuelle Kultur von AktivistInnen als widerständige Form der Erinnerungsarbeit politisch wirkungsmächtig eingesetzt wird.

Franzis Kabisch

Plot Twist Abortion — Bilder, Narrative und Diskurse zum Thema Abtreibung im deutschsprachigen Film und Fernsehen

Welches Bild haben wir von Abtreibungen? Wel­che Geschichten erzählen wir uns darüber? Und was prägt unsere Sicht darauf? Die Dissertation Plot Twist Abortion setzt sich mich mit gesellschaftlich virulenten Bildern, Stereotypen und Narrativen zum Thema Abtreibung auseinander und spürt ihren Ursprüngen in (pop-)kulturellen Medien nach.
Im Fokus steht eine kritische Analyse deutschsprachiger Filme und Serien – von Daily Soaps wie Gute Zeiten Schlechte Zeiten und Kri­mis wie Tatort bis hin zu Heimatse­rien wie Der Bergdoktor oder Festivalerfolgen wie 24 Wochen. Dabei werden nicht nur die Abtreibungen selbst, sondern auch die Entscheidungsfindungen vor und die Konsequenzen nach einem Abbruch unter die Lupe genommen: Welche Konflikte werden erzählt und auf wessen Kosten? Welche Perspektiven werden priorisiert und wessen Gefühle stehen im Zentrum? 
Durch Abstecher in benachbarte Diskurse, zum Bei­spiel zu Abtreibungsfilmen der Weimarer Republik oder der medialen Bildwerdung des Fötus im Laufe des 20. Jahrhunderts, wird zudem deutlich, wie abtreibungsfeindliche Vorurteile film- und medienhistorisch gewachsen sind und nach wie vor zur gesellschaftlichen Stigmatisierung beitragen.
Schließlich fragt die Dissertation auch, welche Bilder es stattdessen geben könnte. Brauchen wir „positive“ oder „realistische Bilder“ von Abtreibungen? Wie wür­den diese aussehen? Und welche Rolle spielt unser eigener Blick dabei? Sehen wir immer nur die „armen Anderen“ oder sehen wir vielleicht auch uns selbst in den Geschichten?

Begründung der Jury:
Die Dissertation von Franziska Kabisch untersucht visuelle Darstellungen von Abtreibungen in Film und Fernsehen in Deutschland und Österreich zwischen 1990 und 2020. Die Arbeit überzeugte die Jury durch den beeindruckenden Umfang des untersuchten Materials sowie durch die klare Struktur und Sprache. In sechs Kapiteln analysiert die Autorin Darstellungsstereotypen in Bezug auf Abtreibungen und widmet sich dabei vertieft Themen wie Archivmaterial, Entscheidungskonflikten, familistischen Dispositiven, Ästhetiken der Abschreckung sowie möglichen Alternativen. Kabisch problematisiert die Stereotypen mit Bezug auf feministisch positionierte Studien der Visuellen Kultur sowie Forschungen der Queer Studies und stellt somit auf beeindruckende Weise ein weit verbreitetes Verständnis von Sichtbarkeit infrage. 

Jasemin A. Khaleli

On Moving Spaces and Bodies Lost. Affective Resonances in the Vienna Phonogrammarchiv

Begründung der Jury:
Jasemin Khaleli untersucht in ihrer Masterarbeit im Studiengang Critical Studies das Phonogrammarchiv Wien als einen Ort der Verwahrung, an dem materielle, räumliche und epistemische Dimensionen archivischer Gewalt fortbestehen. Mithilfe der im Archiv selbst verankerten Medien und Dokumentationspraktiken macht sie die vielfältigen Bewegungen und Manifestationen archivischer Gewalt sichtbar und analysierbar. Über die ethnographisch beobachtende Begleitung des Umzuges des Archivs, aber auch zeichnerisch und fotografisch formuliert sie in ihrer Arbeit einen innovativen Zugang zu den materiellen und institutionellen Bedingungen, unter denen sich Gewalt in und durch Archive manifestiert.

Doris Leitner

Ein Ensemble aus Papier und Geschichte. Restauratorische Untersuchung und Werteanalyse eines Klebealbums mit barocken Handzeichnungen aus der Sammlung des Kupferstichkabinetts der Akademie der bildenden Künste Wien

Klebealben sind heterogene Sammlungsobjekte mit unterschiedlichen Erscheinungsformen und Entstehungsgeschichten. Die vorliegende Arbeit untersucht ein besonderes Exemplar: ein Album mit barocken Handzeichnungen verschiedener Künstler_innen, gefertigt im frühen 19. Jahrhundert in Absam in Tirol (Österreich).  Die angewandte Methodik kombiniert visuelle und materialtechnologische Untersuchungen mit instrumentellen Analysen und bildgebenden Verfahren; ergänzt durch eine Werteanalyse und eine Kontextualisierung durch Fachliteratur.
Zentrales Anliegen ist die Frage, welche restauratorischen Erkenntnisse für die Entwicklung einer nachhaltigen Erhaltungsstrategie gewonnen werden können. Der Fokus liegt dabei auf der Konstruktionsweise und materiellen Veränderungen, um die Entstehung und die Geschichte des Objekts nachvollziehbar zu machen.
Die Untersuchung zeigt dieses Klebealbum als ein vielschichtiges Ensemble, bestehend aus Einband, Buchblock, 63 montierten Zeichnungen sowie diversen Überarbeitungen. Der Moment der Zusammenfügung markierte einen Wendepunkt, bei dem die Einzelkomponenten Teil eines neuen, untrennbaren Werks wurden. Die Arbeit hebt die Notwendigkeit hervor, das Klebealbum als Ensemble zu bewerten und wertzuschätzen. Die Erkenntnisse über historische Funktion sowie aller Veränderungen des Albums bilden die Grundlage für eine wertebasierte Analyse des Objekts und die Entwicklung eines adäquaten Erhaltungskonzepts. Es wird die Bedeutung von Klebealben als historische und kulturelle Artefakte betont und für den Erhalt dieser in ihrer Gesamtheit plädiert.

Begründung der Jury:
Die Diplomarbeit von Doris Leitner überzeugt durch ihre außergewöhnliche wissenschaftliche und restaurierungsfachliche Qualität. Besonders hervorzuheben sind die methodisch stringente Verbindung restauratorischer Untersuchung, materialtechnologischer Analysen, kunsthistorischer Kontextualisierung und wertebasierter Erhaltungsstrategie sowie der interdisziplinäre Ansatz. Die Arbeit liefert einen eigenständigen und nachhaltigen Beitrag zur Konservierungs- und Restaurierungsforschung und zeichnet sich durch hohe fachliche Präzision, sorgfältige Dokumentation und unmittelbare Praxisrelevanz aus. Sie stellt damit eine herausragende Abschlussarbeit dar.