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Residency in Kairo: Marlene Coates erzählt

Von April bis Mai 2026 verbrachte Marlene Coates zwei Monate in Kairo, Ägypten, als Artist-in-Residence. In Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Kulturforum Kairo (ACF), der Akademie der bildenden Künste Wien und dem Bundesministerium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport stand die Residency in Kairo Absolvent_innen der Akademie offen.

Coates lebt und arbeitet in Wien. In ihrer künstlerischen Praxis beschäftigt sie sich mit verkörperter Erinnerung, Erscheinungen und sedimentierten Nachbildern. 2025 schloss sie ihr Studium an der Akademie der bildenden Künste Wien bei Iman Issa ab. Ihre Eindrücke aus Kairo schildert sie im folgenden Text:

Lässt man die Vorstellung einer Präsenz zu, die sich der Sichtbarkeit entzieht, besitzen verlassene Gebäude eine besondere Anziehungskraft. Sie sind unheimlich in dem Sinne, dass sie Vertrautes und Häusliches mit einem Moment der Entfremdung verbinden, da das verlassene Gebäude seiner ursprünglichen Funktion enthoben ist. Es entsteht ein Kontrast zwischen dem, was an häuslicher Vertrautheit noch vorhanden ist, und der Leere, die diese Vertrautheit relativiert.

In manchen Straßen von Garden City, einem Stadtteil Kairos, finden sich einige verlassene, kolonial anmutende Bauten, die sich architektonisch schwer datieren oder einordnen lassen. An einem von ihnen ging ich häufig vorbei. Es wurde in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts errichtet, zunächst an eine ausländische Botschaft vermietet, im Ersten Weltkrieg von der Besatzungsverwaltung beschlagnahmt, später an eine Schule verkauft, ehe es schließlich in den Besitz ägyptischer Familien überging und seit dem Tod des letzten Bewohners leer steht.

Diese Schichtung aus Nutzungen und Besitzverhältnissen ist dem Gebäude heute nicht mehr anzusehen; was bleibt, ist seine Unlesbarkeit. Gemeinsam mit anderen Gebäuden im Viertel bleibt unklar, wem sie gehören, wofür sie einst genutzt wurden oder ob überhaupt noch jemand für sie zuständig ist: ein zeitlicher Stillstand, umgeben von Bewegung und einer intensiven Geräuschkulisse.

Versucht man, diese Atmosphäre einzufangen, kann man sich ihr fotografisch annähern, wobei direktes Fotografieren nicht gestattet ist. Die Häuser wirken wie Filmkulissen: Architektur, die für eine Handlung entworfen scheint, die nicht gezeigt wird. Durch die Spekulation darüber, was passiert sein könnte, verschiebt sich der reale Raum in einen fiktionalen.

Die Idee der Spekulation im Kontext des Erzählens in Bildern führte zu einer weiteren Arbeitsweise. Auf lokalen Büchermärkten begann ich, Zeitungen und Modezeitschriften aus den 1960er- bis 80er-Jahren zu sammeln und aus den Ausschnitten neue Bildräume zu entwerfen. Durch das Anordnen und Übermalen der Zeitungsausschnitte erstellte ich eine Serie von Collagen, in denen geisterhafte Gestalten neue, fiktive Räume bewohnen. Eine Form des Erzählens in Bildern, die nicht der Logik der Fotografie folgt, sondern der der Montage: verschiedene Zeiten, verschiedene Bildwelten, die im Nebeneinander eine neue Erzählung entstehen lassen.

Die Frage nach dem Erzählen in Bildern führte mich auch dazu, den architektonischen Fries als Erzählform zu untersuchen. Dies beinhaltete die Begehung von Museen, Tempeln und Grabstätten, in denen Friese und Reliefs aus unterschiedlichen Epochen zu sehen sind. Beim Betrachten dieser Artefakte frage ich mich nicht nur, was sie erzählen, sondern vor allem, wie sie erzählen. Es scheint oft weniger um eine lineare Abfolge von Ereignissen zu gehen als um eine Erzählung, die aus der Gleichzeitigkeit verschiedener Momente entsteht.