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Regine Prange: Das Heroische in Zeiten der Dekadenz. Baudelaires Ästhetik der Modernität zwischen Realismus und Supranaturalismus

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Vortragsreihe Lektionen / Lessons
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1010 Wien
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Gustave Courbet begründete in seiner ländlichen Heimat, der Franche-Comté, die Malerei der Moderne. Sein Freund Charles Baudelaire fand allein in der Großstadt Paris eine „heroische“ Schönheit des modernen Lebens, welche der klassischen Tradition auf Augenhöhe begegnen könne. Der Vortrag zeichnet die antimoderne Moderne-Auffassung des Dichters und Kunstkritikers nach.

Charles Baudelaire gilt durch seine Gedichtsammlung Les Fleurs du Mal als Wegbereiter der modernen Lyrik. Von ihm stammen aber auch die ersten gattungsübergreifenden theoretischen Begründungsversuche einer das bürgerliche juste milieu und seinen akademischen Kunstgeschmack attackierenden Ästhetik der erstmals so benannten Modernität.

In seinen Salonkritiken und in dem Aufsatz Le Peintre de la vie moderne unternahm er eine erste, bis heute einflussreiche kultur- und kunsthistorische Einordnung der damals zeitgenössischen bildenden Kunst. Ihr übertrug er die Aufgabe, in der dekadenten, von kommerziellem Nutzdenken beherrschten großstädtischen Welt dennoch eine „heroische Schönheit“ zu entdecken, anstatt in eine ideale Vergangenheit oder Naturseligkeit zu flüchten.

Allerdings lobte er vor allem die romantische Malerei Eugène Delacroix‘, während die realistische Avantgarde der Maler Gustave Courbet und Eduard Manet von ihm abgelehnt wurde bzw. kaum angemessenen Widerhall in seinen Schriften fand, obwohl deren malerische Dissoziationstechniken mit seinen eigenen disruptiven poetischen Verfahren vergleichbar sind.

Mit dem Begriff Supranaturalismus bekräftigte Baudelaire seinen Widerspruch gegen die Schule des Realismus, um die Priorität der Imagination gegenüber der Nachahmung herauszustellen. Seine theoretischen Ansätze bleiben jedoch hinter der Leistung seiner Poesie zurück.

Baudelaires Ästhetik der Modernität entwickelte am Beispiel Delacroix‘ und schließlich an Werk und Person des Illustrators Constantin Guys eine restaurative Deutung moderner Kunst. Das synthetische Ideal des Klassizismus wurde romantisch reformuliert durch die Vorstellung einer „spirituellen“ Aneignung und Verwandlung jener Wahrnehmungsbilder, die der Flaneur und „Mann von Welt“ mit zugleich kindlichem Blick auf den Straßen von Paris eingesammelt hat.

Baudelaire bereitete mit dieser Konzeption nicht nur die Kunstgeschichte des Sehens, sondern generell die rezeptionsästhetische Norm der neueren Kunst- und Kulturwissenschaft vor. Auch der Gemeinplatz der Theorie der Avantgarde – Kunst habe sich ins Leben zu entgrenzen – wird von Baudelaires Kunsttheorie eingeführt. Noch zu entdecken ist das, was von ihr verborgen wird: der freilich nicht auf eine Priorität der Nachahmung reduzierbare Realismus, den der Dichter Baudelaire ebenso wie die Maler Courbet und Manet auf den Weg brachten. Die Form des Realismus lässt sich nicht auf einen schöpferisch transformierten Wahrnehmungsakt zurückführen, sondern ist, unablösbar vom historischen Feld der Kunst, konstruktive Kritik der akademischen Form.

Regine Prange, bis 2025 Inhaberin des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Kunstgeschichte, Kunst- und Medientheorie an der Goethe-Universität Frankfurt a.M. Forschungsschwerpunkte: Bildkunst der Moderne und Gegenwart einschließlich der Filmavantgarden; Geschichte und Methodik der Kunstgeschichte; materialistische Ästhetiken. Derzeitiges interdisziplinäres Publikationsprojekt zum Realismus als Formproblem.

 

Vortrag in deutscher Sprache

Eintritt frei