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AWAI (間 / あわい) – Zwischen Raum, Zeit und Materie. Zeitgenössische japanische Kunst zwischen materieller Praxis und ontologischer Neukonfiguration

Dissertant_in:
Alexandra Faust

Dissertationsbetreuer_in:
Felicitas Thun-Hohenstein

Projektstart:
1.10.2022

Doktoratsstudium:
Doktoratsstudium der Philosophie

Dissertationsprojekt
von Alexandra Faust, Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften
Projektstart: 1.10.2022

Abstract

Meine Dissertation untersucht ein prozessorientiertes und relationales Verständnis von Materie, Raum-Zeit und Energie in der zeitgenössischen japanischen Kunst. Im Zentrum steht das japanische Konzept Awai ( / あわい), das sich als „Raum zwischen den Dingen“ beschreiben lässt und Materie nicht als feste Entität, sondern als kontinuierlich regenerierende und kreative Energie begreift. Ebenso werden Inspiration und Kreativität als Ausdruck dynamischer Energieflüsse verstanden, die im Spannungsfeld von Raum und Zeit entstehen.
Im Gegensatz zu dominanten Narrativen zeitgenössischer japanischer Kunst, die häufig von Manga- und Animeästhetiken geprägt sind, fokussiert meine Forschung Künstler*innen, die gezielt mit traditionellen Materialien und Techniken wie Washi-Papier, Kimonoseide oder handgefertigten Naturpigmenten arbeiten.

Methodologisch basiert die Arbeit auf qualitativen Daten aus meiner ethnografischen Feldforschung in Kyoto sowie auf Karen Barads Konzept des Agentiellen Realismus. Dadurch wird gezeigt, dass Materie, Energie und Raum-Zeit keine statischen Entitäten sind, sondern durch dynamische Relationen und Wechselwirkungen hervorgebracht werden. Aufbauend darauf analysiere ich, wie künstlerische Praktiken Materie und Raum-Zeit als relationale Zwischenräume (Awai) artikulieren und dadurch etablierte ontologische Kategorien sowie die Trennung zwischen traditioneller und zeitgenössischer japanischer Kunst infrage stellen.

Ziel meiner Arbeit ist es, neue Erkenntnisse im Bereich der zeitgenössischen japanischen Kunstwissenschaft zu gewinnen und damit ein bislang unzureichend erschlossenes Forschungsfeld innerhalb der zeitgenössischen japanischen Kunsttheorie zu konturieren. Im Zentrum steht die Entwicklung einer ontologischen Perspektive auf künstlerische Praktiken, die durch den Einsatz traditioneller Materialien und Methoden geprägt sind. Diese Perspektive zielt darauf ab, die in bestehenden Diskursen verankerte Dualität sowie die ontologischen Grenzziehungen zwischen traditioneller und zeitgenössischer japanischer Kunst kritisch zu hinterfragen und stattdessen beide als relational hervorgebrachte und miteinander verflochtene Phänomene zu begreifen, die sich in einer kontinuierlichen, prozessualen Entwicklung konstituieren.

Kurzbiografie

Alexandra Faust studierte Kulturwissenschaften, Kultur- und Sozialanthropologie sowie Japanologie an der Humboldt-Universität zu Berlin, der Kyoto Universität (京都大学) und der Universität Wien. Ihre wissenschaftliche Arbeit fokussiert sich auf japanische Gegenwartskunst, Ästhetik und materialbasierte künstlerische Praktiken. Im Zentrum ihrer Forschung stehen Fragen von Raum, Zeit und Materialität sowie deren philosophische und kulturelle Implikationen im Spannungsfeld zwischen „Tradition“ und zeitgenössischer Kunstproduktion in Japan. Diese untersucht sie insbesondere im Rahmen
feldforschungsbasierter Forschungsmethoden in Kyoto.
Im Zuge ihres Dissertationsprojekts untersucht sie das japanische Konzept Awai als relationales Zwischenmoment und analysiert dessen Bedeutung für aktuelle künstlerische und theoretische Diskurse. Dabei verbindet sie Ansätze der Kunstwissenschaft, Philosophie und Japanologie.
Praxisbezogen kuratiert sie Ausstellungen mit japanischen Künstler*innen und war unter anderem an der Initiierung des japanischen Filmfestivals *Japannual* in Wien beteiligt. Darüber hinaus ist sie als Schauspielerin und Tänzerin tätig, unter anderem an der Wiener Staatsoper.