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5 Fragen an die Herausgeber_innen von Plant Space. Territories, Architectures and Technologies of the Vegetal

Was verändert sich, wenn Pflanzen nicht länger als passive Elemente, sondern als aktive Akteurinnen von Raum, Politik und Gesellschaft verstanden werden? Die soeben erschienene Publikation Plant Space, Band 30 der aus der Publikationsreihe der Akademie untersucht diese Frage aus unterschiedlichen Perspektiven und verbindet dabei Architektur, Ökologie, Technologie und Kolonialgeschichte. Die Herausgeber_innen Michelle Howard, Adam Hudec und Carmen Lael Hines erläutern die wichtigsten Eckpunkte der Publikation, etwa Pflanzen als räumliche und politische Kräfte und die Frage, was es bedeuten könnte, Kommunikation und Wissen konsequent jenseits des Anthropozentrismus zu denken. 

Was hat euch zu dieser Publikation veranlasst, wie kam es zu der Idee?

Die Publikation Plant Space ist weniger aus einer einzelnen Idee oder einer formellen Ausschreibung entstanden, sondern vielmehr aus einem Geflecht von Begegnungen und gemeinsamen Projekten. Im Laufe dieser Begegnungen haben wir festgestellt, dass wir eine ähnliche Kritik an geopolitischen Chauvinismen teilen. Daraus entstand die Frage, ob die Zurückdrängung des Anthropos – also der Vorrangstellung des Menschen – und eine stärkere Zentrierung pflanzlichen Lebens zu einem Instrument für eine andere Lesart und Umdeutung von Stadt und Raum werden könnten. Der unmittelbare Auslöser war dann die Ausstellung Bordering Plants. Im Zentrum stand der Wardian Case*. Das Buch ist allerdings keine Retrospektive dieser Ausstellung. Vielmehr wollten wir die darin aufgeworfenen Fragen weiterführen und unterschiedliche Stimmen zusammenbringen, bei denen das Denken über Pflanzen eng mit ihrer praktischen Arbeit verbunden ist.

Was impliziert der Titel Plant Space?

Der Titel funktioniert auf mehreren Ebenen. Zunächst einmal stellt er die scheinbar selbstverständliche Trennung von Außen und Innen, von Raum und Erde infrage. Der Begriff „Außenraum“ wurde von Alexander von Humboldt in Kosmos (1845) geprägt – einem Buch, das von seinen Reisen in kolonisierte Gebiete geprägt ist. Damit steht der Begriff auch in einer westlichen Geschichte der Darstellung von Natur als ästhetischer und ontologischer Projektion. Gleichzeitig ist „Pflanzen“ im Deutschen sowohl Substantiv als auch Verb. Pflanzen bedeutet also nicht nur, etwas zu benennen, sondern auch, Wurzeln zu schlagen, sich auszubreiten, sich anzupassen. Darin steckt eine Spannung zwischen Beharrlichkeit und Begrenzung. Raum ist für uns deshalb kein neutraler Behälter. Er wird durch Samen, Wurzeln und Zweige mitgeprägt – aber ebenso durch Grenzen und Strukturen, die bestimmen, was wo und unter welchen Bedingungen wachsen darf. Und schließlich steht das Wort „Pflanze“ sprachlich in Verbindung mit dem Industrialismus (power plant/Kraftwerk) und der Gewalt des Pflanzens – was auf die Verfahrensökonomie und patriarchalische Kolonialgeschichte verweist, die prägt, wie die Natur für globale Märkte ausgebeutet wurde.

Pflanzen werden in eurer Publikation oft als Akteurinnen bezeichnet. Wie sieht diese aktive Rolle von Pflanzen in verschiedenen Kontexten aus?

Wir verstehen Pflanzen als prägende Kräfte. Sie gestalten ihre Umgebung, verändern sie und treten mit ihr in einen ständigen Aushandlungsprozess. Pflanzen sind also keine statischen oder feststehenden Einheiten. Das zeigt sich zum Beispiel in städtischen Ökologien. Michelle Howards Plant FERALcatalyst beschreibt Pflanzen als infrastrukturelle Akteurinnen und Renaturierung als eine Form räumlichen Widerstands. In einem kolonialhistorischen Kontext macht der Wardian Case sichtbar, wie Pflanzen in logistische Netzwerke eingebunden waren und dadurch zur Verwirklichung globaler kolonialer Marktsysteme beitrugen. Auch in der digitalen Kultur werden Pflanzen zu Akteurinnen. Carmen Lael Hines untersucht in The Plant Complex KI-generierte Pflanzen, IKEA-Paradiese und Pflanzen-Influencer_innen und fragt damit, wie Pflanzen heute digital produziert, inszeniert und begehrt werden. Ein weiteres Beispiel ist der Bereich von Konflikt und Überwachung. Catherina Selva zeigt in Looking at Trees, wie Satellitenbilder Bäume im kolonialisierten Indien und in Palästina in Daten verwandeln und damit in andere politische und technologische Zusammenhänge überführen. Michelle Mlati und Pablo Barrios Martínez wiederum verfolgen die Spuren von Palmen über verschiedene Kontinente hinweg – zwischen der Vorstellung vom Paradies und dem Verlust dieses Paradieses. Und You Should Really Talk to Plants stellt schließlich die Frage, wie Kommunikation aussehen könnte, wenn wir sie nicht ausschließlich an menschlichen Sprachmodellen ausrichten. In all diesen unterschiedlichen Zusammenhängen sind Pflanzen also zentrale Akteurinnen in politischen Prozessen – in der Bewegung und Verbreitung, in der Einfriedung und Kontrolle, aber auch in der räumlichen Transformation.

Welche in diesem Band hervorgehobenen Aspekte von Pflanzen sollten Teil des Allgemeinwissens werden?

Zunächst sollten wir Pflanzen viel stärker als Technologien verstehen. Der Wardian Case zeigt beispielsweise, wie Pflanzen selbst zu einer materiellen Grundlage für architektonische Oberflächen werden konnten – und gleichzeitig, wie eng diese Nutzung mit einer Wirtschaftsgeschichte ihrer Instrumentalisierung verbunden ist. Ebenso wichtig ist es, Pflanzen als räumliche Akteurinnen zu begreifen. Sie verändern Räume durch ihre Samen, Wurzeln und Zweige. Sie sind also keine passiven Elemente innerhalb einer taxonomischen Ordnung, sondern wirken aktiv an der Gestaltung ihrer Umgebung mit. Dann gibt es die politische Dimension. Pflanzen sind politische Subjekte, weil sie in geopolitische Gewalt verstrickt sind – etwa im Zusammenhang mit dem Herbizidkrieg in Kolumbien oder der Trockenlegung der Pontinischen Sümpfe. Auch als Wirtschaftsindikatoren sind Pflanzen interessant. Der sogenannte „Pflanzenboom“ zeigt beispielsweise, dass die Zimmerpflanzenwirtschaft nicht isoliert betrachtet werden kann. Sie ist mit Architektur, Pflege und komplexen sozioökonomischen Netzwerken verbunden. Gleichzeitig sind Pflanzen Teil einer Kolonialgeschichte. Das Palmenhaus in Wien etwa inszeniert Natur als ästhetisches Erlebnis, das gleichzeitig von Formen epistemischer Gewalt durchdrungen ist. Ein weiterer wichtiger Punkt sind Pflanzen als Teil artenübergreifender Strömungen. Laÿna Droz schlägt vor, uns selbst und Pflanzen als „dynamische und durchlässige Knotenpunkte miteinander verbundener Strömungen“ zu verstehen. Das verändert auch die Vorstellung davon, was ein Individuum oder eine Art überhaupt ist.
Und schließlich können Pflanzen uns helfen, die vermeintliche Trennung von Natur und Kultur als eine ontologische Falle zu erkennen. Sylvia Wynter bringt diese Problematik sehr prägnant auf den Punkt: „WIR SIND DIE EINZIGE ART, DIE HERUMLÄUFT UND SAGT: ‚ICH BIN EIN NATÜRLICHER ORGANISMUS!‘“ All diese Perspektiven stellen Strukturen infrage, die darauf ausgerichtet sind, Pflanzen zu fixieren, zu klassifizieren oder einzuschränken. Und genau diese Strukturen sind häufig auch an der Produktion und Aufrechterhaltung von Ungerechtigkeit beteiligt.

Das letzte Kapitel heißt, wie schon erwähnt, You Should Really Talk to Plants. Warum sollen wir mit Pflanzen sprechen?

Der abschließende Abschnitt Conversations versammelt drei Interviews. Damit wechseln wir von der schriftlichen Argumentation in einen gesprochenen Dialog, von der Analyse stärker in Richtung Pädagogik. Das Gespräch schlägt eine radikale Neukonzeption von Kommunikation vor, die nicht bei menschlichen Sprachmodellen endet. Gleichzeitig fragt es danach, was ein nicht-anthropozentrischer Ansatz für die Architekturpädagogik bedeuten könnte. Dass dieses Gespräch am Ende des Buches steht, ist deshalb bewusst gewählt. Die Provokationen des Buches sollen nicht nur theoretisch verstanden werden, sondern auch pädagogische und praktische Konsequenzen haben. Außerdem verweist das Gesprächsformat direkt auf die Entstehungsgeschichte des Buches. Wie das Buch selbst aus Dialogen und Begegnungen hervorgegangen ist, soll es auch neue Dialoge mit den Leser_innen anstoßen. Mit der Aufforderung, „wirklich mit Pflanzen zu sprechen“, schließt sich also ein Kreis. Und der Titel selbst ist natürlich eine Provokation. Mit Pflanzen zu sprechen ist hier nicht als bloße Metapher gemeint, sondern als methodischer und ethischer Vorschlag. Es geht darum, Kommunikation und Wissen anders zu denken – und den Leser_innen am Ende keine abgeschlossene Schlussfolgerung, sondern eine offene Frage mitzugeben.

* Wardscher Kasten oder Wardsche Kiste, ein im Jahr 1829 vom englischen Arzt und Botaniker Nathaniel Bagshaw Ward erfundenes, geschlossenes Pflanzenterrarium aus Glas und Metall

Buchpräsentation
Plant Space. Territories, Architectures and Technologies of the Vegetal
Michelle Howard, Adam Hudec, Carmen Lael Hines (Hg.)
Publikationsreihe der Akademie der bildenden Künste Wien, Bd. 30
London, Sternberg Press, 2026