Einladung zur Defensio von Henrie Dennis
Das Institut für bildende Kunst der Akademie der bildenden Künste Wien lädt herzlich zur Defensio von Henrie Dennis' Dissertation "Geschlechtsspezifische Sprachdiskurse in Grenzpolitiken. Eine Untersuchung der Rolle von Weißsein und ihrer Auswirkungen auf die globale Migration" ein.
Mitglieder des Prüfungssenats sind: Univ. Prof. Dr. Sabeth Buchmann (Vorsitz), Univ.-Prof. Dr.Phil. Marina Grzinic Mauhler (1. Betreuer_in), Univ. Prof. Dorit Geva, PhD (externe_r Gutachter_in).
Die Defensio wird in englischer Sprache im Raum M20 der Akademie stattfinden.
Abstract
Die vorliegende Doktorarbeit untersucht kritisch, wie europäische Grenz- und Asylpolitiken in Österreich rassifizierte und geschlechtsspezifische Sprache nutzen, um ein Regime des Weißseins zu reproduzieren und aufrechtzuerhalten. Durch die Analyse der sprachlichen und bürokratischen Mechanismen, die in diesen Politiken verankert sind, zeigt die Arbeit, wie das Asylsystem unter dem Vorwand der Neutralität koloniale Hierarchien neu schreibt und nicht-weiße, nicht-heteronormative Körper als Objekte von Misstrauen und Kontrolle konstruiert.
Die Forschung unterscheidet zwischen Politiken als juristischen Instrumenten und Politik als Feld von Verhandlung und Macht. Sie nutzt die kritische Diskursanalyse, um die epistemische und materielle Gewalt im staatlichen Sprachgebrauch zu untersuchen. Es wird argumentiert, dass die bürokratische Forderung nach Kohärenz zwischen Identität, Narrativ und Nachweis queere afrikanische Migrant:innen dazu zwingt, ihr komplexes Selbst in für westliche Epistemologien verständliche Kategorien zu übersetzen. Diese erzwungene Selbst-Performance wird zu einem Ort epistemischer Gewalt, der Individuen dazu zwingt, die sprachlichen und ontologischen Rahmen des Weißseins zu übernehmen, um Anerkennung und Schutz zu erhalten.
Methodisch stützt sich die Dissertation auf mündliche Lebensgeschichten queerer afrikanischer Migrant:innen als Formen epistemischen Widerstands. Die mündliche Zeug:innenschaft wird nicht als ergänzende Datenquelle betrachtet, sondern als dekoloniale Epistemologie – eine Form der Wissensproduktion, die das eurozentrische Archiv herausfordert, indem sie Affekt, Erinnerung und verkörperte Erfahrung privilegiert. Anhand von neun intensiven Gesprächen und einem autoethnografischen Beitrag zeigt die Forschung, wie staatlich sanktionierte Verfahren zur Identifikation und Überprüfung neue Regime von Trauma und Ausschluss erzeugen, gleichzeitig aber Akte von Resilienz, Widerstand und Welterschaffung inspirieren.
Die theoretische Grundlage stützt sich auf Michel Foucaults Biopolitik, Frantz Fanons psychoanalytische Kritik der Kolonialität, Paul Gilroys Konzept des Black Atlantic, bell hooks feministische Analyse von Weißsein, Sara Ahmeds Phänomenologie von Institutionen, Gloria Anzaldúas Konzept der Grenzregionen und Achille Mbembes Theorie der Nekropolitik. Diese Ansätze zeigen gemeinsam die europäische Grenze als räumlichen und epistemischen Apparat, als Ort, an dem Prozesse der Rassifizierung sowie Geschlecht und Sexualität reguliert werden, um Weißsein als souveräne Ordnung zu bewahren.
Letztlich schlägt diese transdisziplinäre Dissertation eine philosophische Neuvorstellung der Grenze durch die Linse radikaler Inklusivität vor. Sie artikuliert den schwarzen Körper nicht nur als Objekt der Politik, sondern auch als Methode und Subjekt des Denkens, die alternativen Grammatiken des Seins, der Zugehörigkeit und des Wissens eröffnen. Durch die Auflösung der diskursiven Macht des Weißseins in Migrationsregimen fordert diese Forschung eine Ethik dekolonialer Grenzpolitik, die auf Anerkennung, Gerechtigkeit und Relationalität basiert.
Schlüsselwörter: Weißsein, Asylpolitik, queere afrikanische Migrant:innen, Österreich, dekoloniale Epistemologie, Oral History, kritische Diskursanalyse, epistemische Gewalt, Grenzregime
Kurz-Biographie
Henrie Dennis ist eine in Nigeria geborene Menschenrechtsaktivistin, Kuratorin, Forscherin und Kulturvermittlerin. Sie arbeitet an den Schnittstellen von Kunst, kritischer Forschung und zivilgesellschaftlichem Engagement. Ihre Arbeit setzt sich mit Queerness, Migration, Grenzpolitiken, Umverteilung von Ressourcen, Geschlecht, Antirassismus und Dekolonisierung auseinander und untersucht die Strukturen, die Zugehörigkeit, Ausschluss und soziale Gerechtigkeit prägen.
Im Juni 2023 schloss sie ihr Studium an der Klasse von Univ. Prof. Dr. Marina Gržinić für Post Conceptual Art (IBK) mit Auszeichnung ab. Derzeit forscht sie zu Migration, Queerness, Race und Grenzpolitiken und untersucht, wie staatliche Institutionen Ausschluss hervorbringen und Mobilität, Anerkennung sowie den Zugang zu Rechten prägen.
Sie ist Gründerin von Afro Rainbow Austria, Co Vorsitzende von Planet10, gewählte europäische Vertreterin im ILGA World Women's Committee sowie Kuratorin der afrikanischen Sammlungen am Weltmuseum Wien.
Durch Forschung, kuratorische Praxis und Advocacy hinterfragt sie dominante Wissensordnungen.