Einladung zur Defensio von claudia* sandoval romero
Das Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften der Akademie der bildenden Künste Wien lädt herzlich zur Defensio von claudia* sandoval romeros Dissertation "Auf der Suche nach Palenques zwischen Peripherie und Zentrum: Ein relationaler Fall zwischen dem fotografischen Werk von Nora Aslan (AR) und Rochelle Costi (BR) sowie dem museologischen Rahmen" ein.
Mitglieder des Prüfungssenats sind: Doz. Mag Dr. Assoc. Prof. Axel Stockburger (Vorsitz), PD Dr. phil. habil. Jens Kastner (1. Betreuer_in), Nelson Maldonado-Torres (externe_r Gutachter_in, University of Connecticut).
Die Defensio findet in englischer Sprache in Raum M20 an der Akademie am Schillerplatz statt.
Abstract
In den zwei Jahrzehnten zwischen 1998 und 2018 – jeweils ein Jahrzehnt vor und nach dem globalen wirtschaftlichen Zusammenbruch von 2008 (Brown 2015, Temin 2010) – erwarb das Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien – mumok Werke von zwei Künstlerinnen aus Lateinamerika. Diese Künstlerinnen arbeiten mit Fotografie als ihrem künstlerischen Ausdrucksmedium (mumok 2018 und 2019).
Die Dissertation untersucht die Repräsentation bildender Künstlerinnen des Globalen Südens im mumok anhand der Ankäufe fotografischer Arbeiten der argentinischen Künstlerin Nora Aslan (geboren 1937 in Buenos Aires) und der brasilianischen Künstlerin Rochelle Costi (geboren 1961 in Caxias do Sul, Brasilien; verstorben am 26. November 2022 in São Paulo).
Die Forschung geht von der These aus, dass fotografische Arbeiten von Künstlerinnen stärker Eingang in die Sammlung des mumok gefunden haben als Werke von Künstlerinnen, die in anderen Medien der bildenden Kunst arbeiten. Diese These wird anhand der drei zwischen 1998 und 2018 vom mumok erworbenen Werke kritisch analysiert. Verbunden sind diese Arbeiten durch die geopolitischen Verlagerungen, die entweder die Werke selbst oder die Künstlerinnen vor ihrer Aufnahme in die Sammlung des mumok erfahren haben.
Zu diesen Erwerbungen zählen die beiden Fotografien Bedrooms São Paulo 10 und Bedrooms São Paulo 12 (je 180 × 230 cm) von Rochelle Costi aus dem Jahr 1995, die 1999 in die Sammlung des mumok aufgenommen wurden, sowie die Mixed-Media-Arbeit Alfombra (englisch: Tapestry, 200 × 160 cm), Fotopapier auf Leinwand, von der argentinischen Künstlerin Nora Aslan aus dem Jahr 1999, die 2000 in die Sammlung gelangte.
Die Dissertation untersucht, wie diese beiden Fotografinnen innerhalb der gesamten Erwerbungen des mumok im genannten Zeitraum positioniert werden (mumok 2018, 2019). Darüber hinaus wird die Stellung von Künstlerinnen und nicht-binären (*) Künstler:innen, ihrer Herkunftsländer sowie ihrer jeweiligen künstlerischen Ausdrucksmedien innerhalb der Sammlung und des Ausstellungsprogramms des mumok im selben Zeitraum analysiert (Sandoval Romero 2020).
Die theoretische Grundlage der Untersuchung bildet die Feldtheorie des französischen Soziologen Pierre Bourdieu (vgl. Bourdieu 1989, 1995, 1995a, 2000 und 2010; Jurt 1995 und 1998; Kastner 2009). Insbesondere dient sie dazu, die Rolle peripherer Instanzen wie des Globalen Südens und des Weiblichen im Verhältnis zum Zentrum des Kunstfeldes zu untersuchen (vgl. Acha 1993 und 2004; Buchholz 2016 und 2018; Buchholz/Wuggenig 2005; Buenaventura 2012; Canclini 1999; Kastner 2007; Languid 2000; Munder/Wuggenig 2012; Steyerl 2011; Traba 1974 und 2005; Wagner 2007).
Die Forschung ist in den Bereichen der visuellen Kultur und der Kunstsoziologie verortet, die auf einer Kritik von Macht- und Herrschaftsverhältnissen beruhen und durch einen feministischen Ansatz ergänzt werden (vgl. Butler 1999; Crenshaw 1998; Cumes 2018, 2019, 2021; Gago 2020, Haraway 2016; Lugones 2007; Mendoza 2019; Segato 2003).
Die Untersuchung verfolgt einen transdisziplinären Ansatz. Ausgangspunkt sind sowohl das Material selbst als auch die Beziehungen, die sich aus dessen Kontext ergeben. Methoden der Kulturwissenschaften, Medienwissenschaften sowie der qualitativen und quantitativen Sozialforschung werden miteinander verbunden. Auf Grundlage einer kritischen Lektüre der Beziehungen zwischen den Kunstwerken und der einschlägigen Literatur wird eine systematische deSkoloniale Analyse der Fotografie in der Gegenwart innerhalb des Rahmens moderner und zeitgenössischer Kunstmuseen sowie ihrer Archive durchgeführt.
Darüber hinaus übernehme ich im Rahmen dieser Forschung die Aufgabe, ein Archiv jener Werke zu erstellen, die Teil des Ausstellungsprogramms waren, und dieses den Erwerbungsstatistiken des mumok für den Zeitraum von 1998 bis 2018 (mumok 2018 und 2019) sowie dem Ausstellungsprogramm desselben Zeitraums gegenüberzustellen (Sandoval Romero 2020) (vgl. Bourdieu 2006 und 2010; Buchholz 2016 und 2018; Buchholz/Wuggenig 2005; Hassler 2017; Konrad 2008 und 2011).
Meine Dissertation verfolgt das Ziel, aus einer subjektiv-kritischen Perspektive einen Beitrag zum kulturwissenschaftlichen Diskurs über die Repräsentation von bildenden Künstlerinnen und nichtbinären (*) Künstler:innen des Globalen Südens zu leisten. Im Mittelpunkt stehen Fragen der Repräsentation, der Positionierung im künstlerischen Feld sowie der Machtverhältnisse innerhalb des museologischen Kontextes. Zugleich soll die Arbeit zu Debatten über Verlust, Trauer und die Wiederherstellung einer historisch verweigerten Position von Frauen und nicht-binären Personen im symbolischen Feld beitragen.
Kurz-Biographie
claudia* sandoval romero ist eine* austro-kolumbianische Journalistin*, Forscherin *und transdisziplinäre Künstlerin*. Im Zentrum von sandoval romeros Arbeit steht eine kritische Auseinandersetzung mit Archiven und Gegenarchiven, Care-Arbeit sowie dem Streben nach epistemischer Gerechtigkeit innerhalb von Kontaktzonen.
sandoval romeros Praxis setzt sich intensiv mit Feminismen (*), horizontalen Pädagogiken und deSkolonialen Ansätzen auseinander. Sie ist von dem Anliegen getragen, Machtverhältnisse sichtbar zu machen und Räume zu öffnen, in denen marginalisierte und ausgelöschte Stimmen Gehör finden können.
Dieses Kunstverständnis wird durch den Anspruch genährt, pädagogische Räume des horizontalen Austauschs zu schaffen und so zu den drängenden Debatten über Verlust, Trauer und Restitution für Frauen und nicht-binäre Personen (*) des Globalen Südens beizutragen – Stimmen, die systematisch aus symbolischen, ökonomischen und sozialen Zusammenhängen ausgeschlossen wurden.
sandoval romeros Arbeit umfasst Fotografie, Film/Video und Forschung. Dabei verbindet die Arbeit soziologische Methoden mit kollektiven Formen des künstlerischen Schaffens.
claudia* sandoval romero verfügt über einen Bachelorabschluss in Medien und Journalismus (Universität Valle, Kolumbien), einen Masterabschluss in Neuer Medienkunst (Universität São Paulo, Brasilien) sowie einen Masterabschluss in Kritischen Studien (Akademie der bildenden Künste Wien). sandoval romeros Doktoratsforschung an der Akademie der bildenden Künste Wien wird durch das DOC-Stipendium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) sowie das Dissertationsstipendium für die Abschlussphase der Akademie der bildenden Künste Wien gefördert.