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Die Akademie trauert um Thomas Heise (1955 - 2024)

Kondolenzbuch:
kondolenzbuch@akbild.ac.at
Die Kondolenzschreiben werden auf dieser Seite öffentlich gemacht.

Von 2013 bis 2022 war Univ.-Prof. Thomas Heise Professor für Kunst und Film an der Akademie der bildenden Künste Wien. Er starb am Mittwoch, dem 29.5.2024, im Alter von 68 Jahren in Berlin.

Von 2013 bis 2022 war Thomas Heise Professor für Kunst und Film an der Akademie der bildenden Künste Wien. Am Institut für bildende Kunst und als Mitglied im Senat war er eine prägnante und wichtige Stimme der Akademie.

„Wozu denn über diese Leute einen Film“ ist der Titel von einem frühen Film von Thomas Heise. Der Filmtitel zitiert einen Kommentar eines Dozenten an der HFF, der Heise gefragt haben soll, warum er über „diese Leute“ einen Film drehe. Seine Filme über Menschen am Rand der Gesellschaft waren eigensinnig und fanden oft erst Jahre später die gebührende Anerkennung.

Der Regisseur und Autor Thomas Heise war in den 1970er-Jahren zunächst Regieassistent in den DEFA-Filmstudios und studierte dann an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg. Nach dem Studien­abbruch arbeitete er bei der Staatlichen Filmdokumentation, einer Einrichtung, die den Alltag der DDR archivieren sollte.

Mit einer Videokamera, die eigentlich für Aufzeichnungen von Theaterproben gedacht war, filmte er im Herbst 1989 das Geschehen in Berlin. Er filmte Beobachtungen nicht nur im Theater, sondern auch auf Versammlungen, bei Protesten, im Gefängnis und bei Häuserräumungen. Mit dem Satz „Man kann sich die Geschichte länglich denken. Sie ist aber ein Haufen.“ eröffnet er seinen Film Material.

Thomas Heise zu einer auch international viel beachteten Stimme und gewann zahlreiche Preise, darunter dreimal den Hauptpreis von DokLeipzig. Für seinen letzten Film, die essayistische Studie "Heimat ist ein Raum aus Zeit", wurde er 2019 unter anderem mit dem Deutschen Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet. In dem Film entwirft er anhand von Briefen seines Großvaters, des Literaturwissenschafters Wilhelm Heise, und seiner Eltern - Germanistin Rosemarie Heise und Philosophieprofessor Wolfgang Heise - eine Familiengeschichte und zugleich eine Geschichte des geteilten Deutschlands im 20. Jahrhundert. Mit dem Film wirft Thomas Heise nicht nur einen Blick auf drei Generationen familiärer Erinnerungen, sondern auch auf die mörderische Geschichte des europäischen 20. Jahrhunderts. Diesen persönlichen und wichtigen Film zeigt 3Sat nun in der Mediathek https://www.3sat.de/film/dokumentarfilm/heimat-ist-ein-raum-aus-zeit-104.html

Wir sind zutiefst traurig von seinem Tod zu erfahren und senden seiner Familie und seinen Freund_innen sowie allen seinen Wegbegleiter_innen und ehemaligen Studierenden unser herzliches Beileid,

Johan F. Hartle, Ingeborg Erhart und Werner Skvara

„Die Geschichte ist ein Haufen“ – mit diesem Satz beginnt Dein Film MATERIAL, ein so umfangreiches wie zugleich fragmentarisches Werk aus dem Jahr 2009, das (wie im Titel benannt) filmische Materialien enthält, die in Deine vorangegangenen Filme nicht eingegangen waren: eine Komposition aus Überresten, Fragmenten, Spuren, Scherben und Splittern, entlang deren Ränder die Bruchstellen der Geschichte sichtbar wurden. Aus diesem filmischen Scherbenhaufen, aus diesem Material hast du MATERIAL montiert – ein Film, der deine Sicht auf die Wende, die alte, verschwundene DDR und das neue Postwende-Deutschland vorführt, von dem niemand wirklich wusste, was es sein würde, sein sollte und vor allem: sein könnte. MATERIAL ist aber auch ein „großes Dokument in der Fortführung Brechts“, wie Bert Rebhandl in seinem Nachruf auf dich schreibt, und aus meiner Perspektive einer Deiner wichtigsten Filme, in dem Deine Praxis als Dokumentarist des Deutschlands Deiner Generation deutlich sichtbar wird.

Mit diesem Film hast Du Deinen forschenden, klaren und kompromisslosen, zugleich empfindsamen Blick auf diesen ungeordneten, chaotischen und unübersichtlichen Haufen der Geschichte gerichtet. Mit der Dir eigenen literarischen, manchmal auch poetischen Sprache hast du erzählt, was in der Geschichte unerzählt geblieben ist; hast Du davon berichtet, was die offiziellen Erzählungen ausgespart und verdrängt haben. So waren Deine Filme persönlich und politisch zugleich, Dein Hinschauen war genau und auch unnachgiebig, Wegschauen unmöglich; und Dein Blick auf den Zerfall der DDR und auf das wiedervereinte Deutschland kritisch, melancholisch, zweifelnd und zugleich von großer Sensibilität. Im Haufen der Geschichte bist du schwer aufzuspürenden Erzählungen nachgegangen, hast verborgene Geschichten gefunden und geradezu herauspräpariert, wie ein Archäologe – Geschichten, die nötig sind, um die Gegenwart zu verstehen; um verstehen zu können, wie wir gelandet sind, wo wir sind. Deine dokumentarischen Berichte waren geprägt von einer radikalen Subjektivität, die Du den offiziellen Erzählungen entgegenstelltest, stets verbunden mit einer kompromisslosen künstlerischen Integrität – eine Integrität, die auch Deine Lehre geprägt hat, die Du zwischen 2013 und 2022 an der Akademie der bildenden Künste Wien im Fachbereich Kunst und Film abgehalten hast. Du warst ein so verlässlicher wie streitbarer Kollege, mit klaren Haltungen und einer politischen Ernsthaftigkeit, der den Dingen, den Verhältnissen und auch den institutionellen Bedingungen immer auf den Grund gehen wollte und der gegen jede Form von Ungerechtigkeit aufgetreten ist.

Mit Harun Farocki, dem Du auf die Stelle für Kunst und Film nachgefolgt bist, warst Du aus Berlin gut bekannt. Ich erinnere mich, dass wir die Abschiedsfeier in Berlin im Sommer 2014 nach Haruns ebenfalls viel zu frühem Tod gemeinsam besucht haben, wir hatten zufällig denselben Weg vom Prenzlauer Berg nach Friedrichshain. Nun müssen wir auch von Dir Abschied nehmen. Die Haufen der Geschichte müssen von anderen weiter bearbeitet werden, von denen manche – auch geprägt von Dir, von Deinem Denken und Deinen Filmen – in Deinem Geist und Sinn schauen, denken, filmen und handeln werden.

Constanze Ruhm für den Institutsvorstand des IBK an der Akademie der bildenden Künste Wien

Adieu, Thomas,
Du warst ein unbequemer Kollege!
Harmoniesucht gehörte sicherlich nicht zu den Schwächen, die ich Dir je vorzuwerfen gehabt hätte. 
Begriffsunschärfen, dem Konsens geschuldete (Not-)Lösungen und unbedachte oder unbewusste Ideologisierung waren Dir ein Greul.
Institutionelle Selbstorganisation bedeutete für Dich ernsthafte und verantwortungsvolle Arbeit.
Die (scheinbare) Unbedeutsamkeit einer zu treffenden Entscheidung, änderte für Dich nichts an deren politischer Tragweite.
Gremienarbeit an der Akademie manchmal auch etwas nachsichtig als geschützte Spielwiese für neu-politisierte Selbstversuche zu betrachten, konnte und wollte Dir nicht gelingen. 
Persönliche Interessen in strukturellen Fragestellungen zu verbergen, gelang den Beteiligten eher vor sich selbst als vor Dir. 
Dies ahndetest Du. Lautstark und wortmächtig.
Unkorrumpierbar – jedoch niemals gnadenlos und unversöhnlich.
Dazu waren Dir die Verzahnung von persönlichen Schwächen und deren politische Auswirkungen zu vertraut. 
Diese wolltest Du nicht „nur“ verstehen, sondern auch verzeihen können.
Wir teilten den Umstand die Auseinandersetzung mit der „deutsch-deutschen-Geschichte“ (sic!) als biografische Notwendigkeit zu begreifen, die uns – ob wir wollen oder nicht - lebenslang begleiten würde. Wenn auch aus gänzlich unterschiedlichen politisch-familiären Voraussetzungen heraus. Das machte es nicht einfacher.
Gerne würde ich nun in diesem Zusammenhang von gemeinsamer kritisch (marxistisch-leninistischen) Fachsimpelei berichten, damit mich jedoch im wahrsten Sinne des Wortes an einem „politischen Schwergewicht“ verheben. 
Es war anders: Ich habe gelernt. Nicht immer freiwillig. Dafür gründlich.
Besprochen war ein Thema für Dich dann, wenn es eben besprochen war.
Vier oder fünf Stunden lange Gespräche oder Telefonate waren daher keine Seltenheit.
So diskutierten wir uns im Laufe der Jahre aus einer biografisch-politischen Unausweichlichkeit heraus und in eine Deine Zeit an der Akademie überdauernde Freundschaft hinein.
Thomas, Du warst auch ein unbequemer Freund!
Dafür möchte ich Dir besonders danken.
Und mit einem meiner Lieblingsätze von Dir enden:
„Zur Klarheit gehört Wahrheit und zur Wahrheit gehört Mut.“ Den hattest Du.
Verdammt - ich werde Dich vermissen.

Mona 

Den Angehörigen von Thomas Heise wünsche ich mit aufrichtiger Anteilnahme viel Kraft für die kommende Zeit.

It is with deep sadness that I learned of the passing of our dear colleague, Thomas Heise. He was a dedicated teacher, film artist, and respected member of our academy community. His creativity and passion left an indelible mark on us all. Rest in peace, Thomas.

Marina Grzinic 

Lieber Thomas,

danke, dass du immer Hierarchien hinterfragst hast, dass du versucht hast Strukturen und institutionelle Wege zu hinterfragen und neue vorzuschlagen und dass du dein Wissen und deine Netzwerke immer großzügig geteilt hast. Ich werde dich sehr vermissen. Mit deinen Filmen aufgewachsen und kritisches Sehen gelernt haben - dafür danke ich dir.

Eine traurige Umarmung an dich im Universum, Ruby

Thomas, du fehlst. Ich hatte noch länger vor, mit dir meine Filme zu besprechen. Deine Ratschläge werden weiterhin mein Schaffen prägen, deine Eigensinnigkeit und Sturheit sind mir Vorbild. So sehr du auch unbequem und kauzig warst, so sehr warst du auch hilfsbereit und einfühlsam. Mit dir ist eine wichtige Stimme gegangen.

Mein herzliches Beileid den Angehörigen.

Samira Fux, Studentin der Filmklasse

Hochachtungsvoll

M.E.

Thomas, ich war deine Assistentin, bevor ich deine Studentin an der Akademie war. Und meine Erinnerungen an die gemeinsame Arbeit an deiner Ausstellung „Entfernte Verwandte“ sind mir noch gut in Erinnerung.

Das erste Mal, dass wir miteinander sprachen, war am Telefon. Ich sprach damals nicht genug Deutsch, um zu verstehen, worum es in der Ausstellung überhaupt ging, nur genug Deutsch, um Dir den Eindruck zu vermitteln, ich hätte es verstanden. Ob Du Dich hast täuschen lassen oder nicht, Du hast gesagt, ja, komm nach Berlin.

Ich fuhr also ohne Erwartungen, voller Aufregung und Angst vor dir, die (meistens) unbegründet war, nach Berlin. In den dreieinhalb Monaten, in denen wir zusammen gearbeitet haben, habe ich Dich studiert und versucht, Dich zu verstehen. Manchmal warst Du so in die Arbeit vertieft, dass Du kaum gegrüßt hast, wenn Du in den Keller kamst, wo wir arbeiteten, und Du hast den Kaffee, den wir dir brachten, kalt werden lassen. Er ist hingebungsvoll, asketisch, dachte ich. Aber am nächsten Tag warst Du so gut gelaunt, dass Du vorschlugst, wir sollten alle aufhören zu arbeiten und in der Sonne Eis essen gehen. Oder gemeinsam Hot Dogs an Deinem Lieblingswürstelstand auf der Schönhauser Allee. Er ist großzügig, verschmitzt, dachte ich.

Mein Eindruck am Ende: ein präziser, intelligenter, sensibler Mensch, der sich die Zeit nahm, meine Ideen zu hören und zu berücksichtigen, auch wenn ich sie nicht gut auf Deutsch artikulieren konnte. Jemand, der mit Integrität, Sorgfalt und Ehrlichkeit arbeitete und das Gleiche von anderen erwartete. Ich werde weiterhin versuchen mein Bestes zu geben.

Ich danke Dir.

Kyra Kaisla

Mit großer Trauer haben wir von Thomas Heises Tod erfahren. Thomas war nicht nur ein großartiger Filmemacher, er war auch ein langjähriger Freund des Hauses: ein inspirierender, geistreicher, lustiger und zutiefst ethischer Mensch.
 
Thomas Heises Werk zeichnet sich durch eine unglaubliche Präzision aus – formal wie inhaltlich – und ist trotzdem von einer Eleganz und fast leichtfüßigen Souveränität wie sie nur die größten Künstler vermögen zu erreichen.

Geboren 1955 in (Ost)Berlin studierte er an der Filmhochschule in Babelsberg, wo er 1983 aus politischen Gründen exmatrikuliert wurde. Daraufhin arbeitete er als freischaffender Autor und Regisseur. In die Berliner Akademie der Künste wurde Heise 2001 aufgenommen, seit 2018 war er dort Direktor der Sektion Film- und Medienkunst. Als Professor wirkte Heise zunächst an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, ab 2013 war er auch in Wien an der Akademie der bildenden Künste als Professor für Kunst und Film tätig.

Unserer Stadt war er seit 2003 verbunden, wo im Rahmen der Initiative Kinoreal die erste Retrospektive seiner Filme stattfand. 2014 zeigten wir eine Gesamtschau seiner Filme und erwarben auch Werke für unsere Sammlung. Im Rahmen seiner Professur an der Akademie der bildenden Künste arbeiteten Thomas Heise und seine Studierenden wiederholt mit unseren Sammlungsteams zusammen: Die Arbeit mit historischen Materialien, und der Übergang von analogem Archivmaterial zu digitaler "Found Footage" lag Heise sehr am Herzen und war dabei zentral.
 
Zuletzt war Thomas Heise im Dezember 2019 anlässlich der Vorführung seines Films Heimat ist ein Raum aus Zeit im Filmmuseum zu Gast. Auch nach seinem Ruhestand an der Akademie in Wien gab es weitere Gespräche über eine zukünftige Zusammenarbeit. Dazu sollte es leider nicht mehr kommen: Thomas Heise starb am 29. Mai 2024 nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 68 Jahren in Berlin. Sein Werk sei ein "Speicher von Erfahrungen und Geschichte", sagte Thomas Heise. Wir werden uns durch seine Filme auch an ihn immer erinnern.

Michael Loebenstein und das Team des Filmmuseums
   
Am 9. Juni 2024 um 13 Uhr zeigen wir Heimat ist ein Raum aus Zeit in memoriam Thomas Heise.

Sollten Sie Unterstützung bei der Trauerbewältigung benötigen,
können Sie sich jederzeit an die Psychosoziale Beratung der Akademie wenden:
Arbeitspsychologin
Psychosoziale Beratung für Studierende