Hacken als digitales Handwerk.
Subversive Zugänge zur Kulturguterhaltung
Dissertationsprojekt
von Sabina Simonič, Institut für Konservierung-Restaurierung
Projektstart: 1.10.2023
Abstract
Diese Dissertation untersucht Hacking jenseits medialer Zuschreibungen und moralischer Verkürzungen und ordnet die Praxis in ihren kulturellen, handwerklichen und ethischen Dimensionen ein. Sie fragt, ob und inwiefern Hacking als digitale Handwerkspraxis begriffen werden kann und wie sich daraus methodologische Ansätze für die Konservierung und Restaurierung von Kulturgut ableiten lassen.
Wie Hacker*innen, die metaphorisch hinter verschlossene Türen blicken, agieren auch Konservator*innen-Restaurator*innen als dekonstruktiv und forschend Handelnde, deren Arbeit meist im Verborgenen stattfindet. Sie operieren an den Schnittstellen von Fragmentierung, Informationsverlust und technischer Intransparenz, wo Wissen häufig verschlüsselt, geschützt oder institutionell reguliert ist. Wird das immaterielle Gut, das Wissen und die Fertigkeiten jedoch als Geschäftsmodell betrachtet und durch Lizenzierungen oder Geheimhaltung eingeschränkt, können auch Konservator*innen-Restaurator*innen in eine Oppositionsrolle geraten. In diesem Kontext nimmt die Dissertation eine kritische Haltung gegenüber der Förderung und Unterstützung proprietärer, also unfreier, Informationen ein.
Die Arbeit schließt eine zentrale Forschungslücke: Während Hacking und Hacker*innen umfassend im Hinblick auf Subkultur, technische Praktiken und politische Aktivismen untersucht wurden, blieb bislang weitgehend unbeachtet, welchen Einfluss ihre Methoden und ethischen Prinzipien auf die Erhaltung von Kulturgut haben. Die Dissertation greift diese Leerstelle auf und entwickelt daraus drei Leitfragen: Sie untersucht erstens, wie Praktiken des Reparierens, Do-it-yourself und Hackens lineare Produktions- und Konsummodelle in rekursive, partizipative Wertschöpfungsprozesse überführen. Zweitens richtet sie den Blick auf die Rolle von implizitem und explizitem Wissen und darauf, wie deren Teilung zu einer zunehmenden Entfernung des Menschen vom Objekt und von der eigenen Arbeit führt. Drittens thematisiert sie die ethischen und rechtlichen Spannungen, die entstehen, wenn proprietäre Systeme oder Copyright-Regime den Zugang zu Wissen beschränken und damit langfristig das Kulturgut gefährden.
Diese Spannung zwischen individualistischen und kollektiven Ansprüchen wirft zentrale Fragen nach Autorschaft, Autonomie und geistigem Eigentum auf. Zugleich vertieft die Arbeit das Verständnis der beruflichen Rolle von Konservator*innen und Restaurator*innen und untersucht das mimetische Moment ihres Handelns.
Schlagwörter: Hacking / Prosumer / Open Access / FLOSS / Proprietäre Systeme / Kulturrelativismus / Informationsethik / Autonomie / Copyright / Copyleft / Konservierung / Restaurierung / Time-based Media / Digitales Kulturgut
Kurzbiographie
Sabina Simonič ist Senior Scientist am Institut für Konservierung und Restaurierung an der Akademie der bildenden Künste Wien. Ihre fachliche Spezialisierung liegt in der Erhaltung moderner und zeitgenössischer Kunst, ein Themenfeld, das sie auch am Institut für Konservierung–Restaurierung unterrichtet. An der Akademie fungiert sie als Ansprechperson für Fragen zu modernen Materialien (insbesondere Kunststoffen) und deren Schadensphänomenen. Simonič ist ITIL-zertifiziert und besitzt fundierte Kenntnisse in Management-Prozessen und deren Anwendung in organisatorischen Strukturen. Neben ihrer akademischen Qualifikation verfügt sie über eine künstlerisch-handwerkliche Ausbildung in plastischer Formgebung sowie eine langjährige Tätigkeit als Künstler*innenassistentin, die ihr eine umfassende angewandte Praxis vermittelt hat.
Als Vorstandsmitglied und erste weibliche Obfrau des ersten österreichischen Hackerspaces Metalab erlebte sie den Aufschwung der Hackerszene Ende der 2000er Jahre hautnah mit, und prägte deren institutionelle Entwicklung maßgeblich. Darüber hinaus war Simonič in den ersten Entwicklungsschritten des feministischen Hackerspaces Mz Baltazar’s Lab in Wien maßgeblich beteiligt.
Ihr fundiertes Verständnis der konservatorisch-restauratorischen Praxis prägte zudem ihr berufspolitisches Engagement: Als Vorstandsmitglied und Vizepräsidentin des Berufsverbandes Österreichischer Restauratorinnen und Restauratoren (ÖRV), und Delegierte der European Confederation of Conservator-Restorers Organisations (E.C.C.O.), vertrat sie über viele Jahre die berufspolitischen Interessen des Fachbereichs und setzte sich intensiv mit Fragen des professionellen Selbst- und Rollenverständnisses innerhalb der Konservierung–Restaurierung auseinander.
Simonič ist Vorstandsmitglied des European Network for Conservation-Restoration Education (ENCoRE) und vertritt dabei den an der Akademie der bildenden Künste Wien angesiedelten europäischen Sitz für Ausbildungsstätten in der Konservierung-Restaurierung. Inhaltlich engagiert sie sich in Arbeitsfeldern zu beruflichen Kompetenzen, Qualifikationsprofilen und Ausbildungsstandards.
Links:
ResearchGate
ENCoRE:
ÖRV
E.C.C.O.