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Ambivalenzen der Moderne. Der Architekt und Stadtplaner Roland Rainer zwischen Diktatur und Demokratie

Projektleitung:
Angelika Schnell (IKA)

Projektteam:
Ingrid Holzschuh, Waltraud Indrist, Susanne Rick, Monika Platzer (Architekturzentrum Wien)

Projektdauer:
3 Jahre

Gefördert von:
FWF | Einzelprojekt (P34938)

FWF | Einzelprojekt
geleitet von Angelika Schnell, Institut für Kunst und Architektur
Projektlaufzeit: 1.1.2022 – 31.12.2024

Roland Rainer war einer der bekanntesten Architekten und Stadtplaner der Nachkriegsmoderne in Österreich. Die Stadthalle in Wien (1958), die Wohnsiedlung Puchenau bei Linz (1965-2000) und das ORF-Zentrum in Wien (1968-1974) zählen zu seinen Bauten. Weniger bekannt ist, dass er bereits 1936, zwei Jahre vor dem "Anschluss" Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich 1938, nach Berlin ging und sich in den Dienst der Deutschen Akademie für Städtebau, Reichs- und Landesplanung (DASRL) stellte, die praktisch und theoretisch Albert Speer, dem Generalbauinspektor der Reichshauptstadt, unterstellt war. Folglich war er nicht nur durch seine frühe Mitgliedschaft in der NSDAP, sondern auch durch seine Praxis kaum nur durch Opportunismus in das nationalsozialistische System eingebunden. Er entwickelte seine zentralen Theorien zu Städtebau und Architektur bereits in den frühen 1940er Jahren an der DASRL. In dieser Zeit konzipierte und schrieb er zusammen mit seinen Kollegen Johannes Göderitz und Hubert Hofmann die erste Fassung von "Die gegliederte und aufgelockerte Stadt", die 1945 erschien und in ihrer zweiten Fassung von 1957 zu einem Standardwerk im deutschsprachigen Raum wurde.

Diese Schrift enthält Zeittypisches: Sie kritisiert die moderne, dicht besiedelte Stadt, sie plädiert für ein Gartenstadtmodell, in dem Wohnen, Arbeiten, Verkehr und Freizeit entflochten sind und die Menschen "ebenerdig" leben. Nur in der ersten Version wird dieses Wohnen "volksbiologisch" als die richtige Lebensform propagiert. Solche rassistischen Diktionen finden sich in der zweiten Version von 1957 nicht mehr. Aber hat sich das Konzept dadurch wesentlich verändert?

Das Forschungsprojekt, eine Zusammenarbeit zwischen der Akademie der bildenden Künste Wien (wo Rainer als Professor gelehrt hat) und dem Architekturzentrum Wien (wo sich Rainers Nachlass befindet), wird sich in zweifacher Form der Untersuchung dieser Frage widmen. Zum einen wird die historische Entwicklung Rainers als Architekt der Moderne zum ersten Mal genauer untersucht; dazu zählt auch seine Zeit als Student an der TU Wien in den 1920er Jahren. Zum anderen wird über die konkrete Biographie Rainers eine aktuelle Neubewertung der "Ambivalenz der Architekturmoderne" an sich möglich. Besonders im Zusammenhang neuester Forschung zu Kolonialismus und Rassismus in der Architektur kann die Frage nach der inhärenten Biopolitik von Gartenstadtmodellen mit der Analyse von Rainers Werk substantiell werden. Zu diesem Zweck wird zum ersten Mal die "gegliederte und aufgelockerte Stadt", wie sie Rainer beschrieben hat, gezeichnet und mit anderen städtebaulichen Modellen verglichen. Zudem wird der komplette Nachlass gesichtet und bewertet sowie in Archiven in Deutschland, Polen und Tschechien weiteres Material über Rainer ausgehoben und analysiert. Rainers Werk wird auf diese Weise in einem differenziertem und fundiertem Kontext eingeordnet.