REPORT / RETOUR von Clemens Krümmel
Ein Vortrag von Clemens Krümmel, organisiert vom Fachbereich Kunst und Bild I Grafik gemeinsam mit Prof. Sabeth Buchmann.
Zum Porträtieren in grafischer Berichterstattung
Was seit vielen Jahrzehnten und was heute als „grafische Berichterstattung“ oder „Reportagezeichnung“ praktiziert wird, ist meist eine einseitige Tätigkeit. Die berichtenden Künstler:innen produzieren auf der Basis lokaler Recherche Handzeichnungen, die über einen Prozess manchmal selbst organisierter medialer Verbreitung eine betont subjektive, „humanisierte“ Antwort auf hochtechnisierte Berichterstattungen im Print- und Digitalbereich bieten wollen. Einseitig ist diese Methode der oft als „alternativ“ formulierten Berichte, weil sie oft narrativierte Fakten aus einer mehr oder weniger erkennbar kolonialistischen Perspektive Bilder und Kommentare aus weit vom „Westen“ entfernten Regionen einsammelt und in die Ausgangsländer der wirtschaftlichen „Erschließung“ „re-portiert“, sie zurückträgt und nutzt.
In meinem Vortrag interessieren mich aus der riesigen Menge künstlerischer Beispiele diejenigen Praktiken, die sich dieser Vorgeschichte bewusst sind. Zu meinen Beispielen werde ich Reportagen u.a. von Joe Sacco, Susan Turcot, George Butler, Victoria Lomasko, Sarah Glidden und Molly Crabapple vorstellen. Dabei werde ich mich auf ein spezifisches Merkmal ihrer Berichte konzentrieren: Sie alle machen in ihrer künstlerischen Arbeit Gebrauch von Interviewtechniken. Im Zentrum steht die künstlerische Rekonstruktion des investigativen Porträts, bei dem die Künstler:innen die Situation aus dem potentiell als unangenehm oder „verhörhaft“ Empfundenen herauslösen und ihre Erkundungsgespräche in einem begrenzten Rahmen führen, bei dem sie von den befragten Personen neutrale oder würdigende Porträts anfertigen – und diese Porträts in vielen Fällen als „Retour“ der Reportage den Porträtierten übergeben. Sie selbst nehmen in den letztgenannten Fällen nur ein Foto des Porträts mit. Andere Teile der gezeichneten Berichterstattung werden davon nicht berührt. Diesen Aspekt möchte ich vor dem Hintergrund der Rolle von Zeichnung im historischen ethnografischen Kontext diskutieren.