An Fonteyne: KANAL - A Great Good Place
Vortrag von An Fonteyne (NoAarchitecten) im Rahmen der IKA Lecture Series Summer 2026: Hands on — Urban Landscape Practices II kuratiert von Thilo Folkerts und Christina Condak.
KANAL - A Great Good Place
Die ehemalige Citroën-Autofabrik (erbaut 1933–34), bestehend aus einem ikonischen Showroom und einem großen Fabrikbereich dahinter, wird derzeit in KANAL umgewandelt: einen großzügigen öffentlichen Innenraum, der sich auf kulturelle Produktion konzentriert und Raum für bildende Kunst und Architektur, Tanz, Theater, Film und Musik bietet. KANAL wird ein Treffpunkt für das vielfältige Stadtviertel und die gesamte Stadt sein, zu der es gehört. Man könnte es als „Third Place“ bezeichnen, wie es ursprünglich vom Stadtsoziologen Ray Oldenburg in seinem 1989 erschienenen Buch „The Great Good Place“ formuliert wurde, um öffentliche Räume zu bezeichnen, in denen Menschen Zeit verbringen, die nicht zu Hause (dem „First Place“) oder bei der Arbeit bzw. in der Schule (dem „Second Place“) verbracht wird – ein vertrauter Ort, an dem kein Konsum erforderlich ist. Dieser „Third Place“ lädt Bürger, Organisationen, Kollektive und Gemeinschaften dazu ein, große Teile des Gebäudes zu nutzen und zu bewohnen – für Produktionen, Aufführungen, Veranstaltungen oder informelle Zusammenkünfte. Das „Museum“ gehört nicht mehr nur der kuratierten Kunst, sondern wird Teil der Stadt und ihres Gefüges. In diesem Sinne löst sich KANAL vom traditionellen Museum und bietet stattdessen einen Ort der bürgerlichen Zusammenkunft, der auf den zunehmenden Mangel an gemeinsamen öffentlichen Räumen in unseren heutigen Städten reagiert.
KANAL ist ein Paradebeispiel für Umnutzung. Die ehemalige Citroën-Autofabrik diente uns als Ausgangspunkt in ihrem ursprünglichen Zustand. Direkt am Kanal gelegen und nur wenige Gehminuten vom Brüsseler Stadtzentrum entfernt, bietet ein Gebäude dieser Größenordnung (100 × 200 Meter) unvergleichliche Möglichkeiten, die mit einem Neubau nur schwer zu realisieren wären. Anstelle einer spektakulären Geste bietet unser Vorschlag eine Haltung des radikalen Optimismus – offen und nicht vorschreibend, spontan und instinktiv –, ganz im Sinne des Geistes des modernen Fortschritts, in dem es entstanden ist. Auf diese Weise lassen wir das ursprüngliche Gebäude wieder zu einem zentralen Protagonisten in der Stadt werden.
An Fonteyne (1971) ist Architektin und Professorin für Affective Architectures an der ETH Zürich. Sie wuchs in Ostende (Belgien) auf und schloss 1994 ihr Architekturstudium an der Universität Gent ab. Sie arbeitete bei DKV architecten in Rotterdam und bei David Chipperfield Architects in London. Im Jahr 2000 gründete sie gemeinsam mit Jitse van den Berg und Philippe Viérin das in Brüssel ansässige Büro noAarchitecten. noAarchitecten ist ein Team von rund zwanzig Mitarbeitern, das an einer Vielzahl unterschiedlicher Projekte arbeitet, darunter Wohnbauten, öffentliche Gebäude, Stadtumbauten, Gesundheitswesen und technische Infrastrukturen in Belgien, Deutschland und der Schweiz.
Das Büro hatte schon früh die Möglichkeit, sich auf die Arbeit mit bestehenden Gebäuden für öffentliche Programme zu konzentrieren. In den frühen 2000er Jahren, als der Schwerpunkt auf der Umgestaltung von Gebäuden in der Architektur noch eine Randerscheinung war, entwickelten sie einen eigenen Ansatz, der handwerkliches Können, technisches Wissen und eine Vorliebe für Erzählkunst und Geschichtsschreibung vereint. noAarchitecten ist bestrebt, auch künftigen Generationen Rechnung zu tragen, indem sie Gebäude und Räume mit einer Intelligenz schaffen, die es ihnen ermöglicht, sich an zukünftige Bedürfnisse anzupassen. Kontextuelle Kontinuität und ein umfassendes Verständnis von Nachhaltigkeit – in technischer, kultureller und sozialer Hinsicht – sind richtungsweisend für die Schaffung bewusster und kritischer Projekte, während gleichzeitig inklusive und barrierefreie städtische Bedingungen angestrebt werden. Daher interessiert sich noAarchitecten gleichermaßen dafür, was Architektur sein kann, wie auch dafür, was sie bewirken kann. Bei der Suche nach relevanten Antworten auf komplexe Fragen geht noAarchitecten gerne Kooperationen mit Disziplinen außerhalb der Architektur ein: mit Künstlern, Bühnenbildnern, sozialen Organisationen, Experten, aber auch mit den täglichen Nutzern, die dabei helfen, oft übersehene Kriterien zu berücksichtigen, die ein zeitgemäßes Verständnis der Welt, in der wir leben, ermöglichen.
Teil der IKA Lecture Series Summer 2026: Hands on — Urban Landscape Practices II kuratiert von Thilo Folkerts und Christina Condak.
Weitere Vorträge:
18.5.2026: Lilli Licka, Wien: reale/non reale – methods of civil landscape engagement for Westbahnpark
8.6.2026: Krater, Ljubljana: Krater Model: Toward Urban Ecological Regeneration through Culture