Nichtstun als Lösung? Die Außer-Nutzung-Stellung von Wäldern als Strategie im Natur- und Klimaschutz
Ein Vortrag von Georg Gratzer im Rahmen der Ringvorlesung Lectures for Future.
Was passiert, wenn wir aufhören einzugreifen? Dieser Vortrag beleuchtet ein in der Forstpolitik und Naturschutzstrategie zunehmend diskutiertes Konzept: die bewusste Außer-Nutzung-Stellung von Wäldern und Urwäldern als wirksames Instrument zum Schutz der Biodiversität und des Klimas.
Anhand aktueller Forschungsergebnisse aus dem Urwald Rothwald im Biosphärenpark Wienerwald-Voralpen — dem größten zusammenhängenden Urwaldrest im gesamten Alpenbogen — wird gezeigt, welche ökologischen Prozesse ablaufen, wenn sich Wälder vollständig selbst überlassen werden. Der Rothwald im Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal dient dabei als einzigartiges Freiluftlabor: ein Wald, der seit Jahrhunderten von menschlicher Nutzung verschont geblieben ist und dessen Strukturen und Dynamiken wertvolle Einblicke in die natürliche Resilienz von Waldökosystemen liefern.
Der Vortrag fragt kritisch: Ist „Nichtstun" wirklich nichts tun — oder ist die Entscheidung, einen Wald aus der Nutzung zu nehmen, eine der wirkungsvollsten Handlungen, die wir treffen können? Und welche Rolle können solche Wildnisgebiete in unseren Strategien gegen den Klimawandel und das Artensterben spielen?
Georg Gratzer ist Professor für Waldökologie an der BOKU University Wien, wo er seit 1997 forscht und lehrt. Er studierte Forstwirtschaft an der BOKU und promovierte 1997 über die Verjüngungsökologie von Tannenwäldern, mit Forschungsaufenthalten in Bhutan. 2004 habilitierte er sich zum Thema natürliche Dynamik gemäßigter Wälder. Sein wissenschaftliches Interesse gilt der Dynamik von Bergwäldern, insbesondere der Frage, wie sich Bäume in diesen anspruchsvollen Ökosystemen natürlich verjüngen.
Im laufenden FORSEE-Projekt untersucht er, wie sich Samenproduktion und Keimfähigkeit von Waldbäumen verändern – mit dem Ziel, verlässliche Vorhersagemodelle für die Saatgutlogistik zu entwickeln.
Neben seiner Arbeit in den Alpen forscht er regelmäßig im Osthimalaya und in Ostafrika, wo er gemeinsam mit lokalen Gemeinschaften an nachhaltiger Ressourcennutzung und Armutsbekämpfung arbeitet. Für ihn sind ökologischer Schutz und die Verbesserung der Lebensumstände der Bergbevölkerung zwei Seiten derselben Medaille.
Seit 2009 leitet er den internationalen Masterstudiengang Mountain Forestry, der Studierende aus den Bergregionen des Himalaya, Afrikas und der Alpen zusammenbringt. Im Rahmen des österreichweiten Projekts UniNEtZ ko-koordiniert er die universitären Beiträge zu SDG 15 – Leben an Land.