«Es war wirklich so» – Österreich im Kino der Erinnerung und Legitimation
Dissertationsprojekt
von Andrey Gordov, Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften
Abstract
Die Dissertation untersucht die Entwicklung der staatlichen Filmförderung in Österreich von 1955 bis zur europäischen Integration als einen Prozess der Transformation innerhalb des kulturellen Feldes. Im Zentrum steht die Frage, wie durch staatlich unterstützte Filmproduktionen Formen kollektiver Identifikation hervorgebracht, stabilisiert und verändert wurden und welche Funktion diese symbolische Produktion für die politische Legitimation einnahm.
Ausgehend von Pierre Bourdieus Feld- und Staatstheorie wird die Filmförderung nicht lediglich als kulturpolitisches Instrument oder wirtschaftliche Maßnahme verstanden, sondern als Struktur selektiver Entscheidungen, die bestimmt, welche Projekte realisiert werden und welche Formen filmischer Darstellung als legitim gelten. Im Fokus steht somit die Analyse jener symbolischen Angebote, durch die Zugehörigkeit, nationale Selbstbeschreibung und historische Deutungen filmisch artikuliert und institutionell gestützt werden.
Die Arbeit stützt sich auf umfangreiche Archivmaterialien, darunter Förderrichtlinien, Antragsunterlagen, ministerielle Korrespondenz sowie interne Entscheidungsprozesse. Ergänzt wird dieser Zugang durch die Analyse der geförderten Filme, um Veränderungen in narrativen und ästhetischen Formen kollektiver Identifikation nachzuzeichnen.
Ein besonderes Augenmerk gilt der Autonomisierung des österreichischen Kinos. Während Filmproduktion in der Nachkriegszeit primär als wirtschaftlicher Faktor und Exportmedium galt, lässt sich im Verlauf der untersuchten Periode eine zunehmende Anerkennung des Films als eigenständiges künstlerisches Feld beobachten. Dieser bislang nicht systematisch untersuchte Prozess wird als Ergebnis institutioneller und symbolischer Auseinandersetzungen rekonstruiert.
Die Dissertation verbindet damit die Analyse von Kulturpolitik, institutionellen Strukturen und symbolischer Produktion und leistet einen Beitrag zum Verständnis, wie staatlich geförderte Kultur an der Herstellung und Stabilisierung legitimer Formen von Zugehörigkeit im Nachkriegsösterreich beteiligt ist.
Kurzbiografie
Andrey Gordov ist Doktorand an der Akademie der bildenden Künste Wien. Er studierte Politikwissenschaft an der Universität Wien mit Schwerpunkt auf Identitätspolitik, kollektivem Gedächtnis und visueller Politik. Bereits im Bachelor und Master beschäftigte er sich intensiv mit Fragen von Identität und Erinnerung; seine Masterarbeit untersuchte die visuelle Rahmung zeitgenössischer Dokumentarfilme über den Klimawandel.
Derzeit arbeitet er an seiner Dissertation zu staatlich gefördertem österreichischem Nachkriegskino bis zum EU-Beitritt. Dabei untersucht er, wie Filme durch institutionelle Förderungen Identitätspolitiken, die Autonomisierung des Films als künstlerisches Feld und die Ausübung symbolischer Macht gestalten. Seine Forschung kombiniert Archivarbeit mit Filmanalyse, um zu verstehen, wie kulturelle Produktion und symbolische Formen von Zugehörigkeit erzeugt und stabilisiert werden.