Sprechen in der ersten Person: Kunst, Geschichte und Nachleben
Diese Gesprächsreihe nimmt die wegweisende Publikation The Yugoslav Art Space: Ješa Denegri in the First Person, editiert von Branislav Dimitrijević und Jelena Vesić, als Ausgangspunkt, um die Bedeutung von Ješa Denegri im historischen und zeitgenössischen Kunstkontext neu zu denken. Ein Gemeinschaftsprojekt der Kontakt Sammlung und der Akademie der bildenden Künste Wien.
Mit einem Video Statement von Ješa Denegri
Branislav Dimitrijević im Gespräch mit Branislav Jakovljević
Jelena Vesić im Gespräch mit Ivana Bago und Milica Tomić
Noit Banai im Gespräch mit Asija Ismailovski, Eva Kovač, und Miljana Mirović
Denegris Konzept der New Art Practice (Neue Künstlerische Praxis) und seine Formulierung des „Künstlers in der ersten Person“ etablierten ein grundlegendes Interpretationsparadigma für Künstler*innen, die in den 1960er und 1970er Jahren in Jugoslawien arbeiteten.
Die Gesprächsreihe, die im erweiterten Feld des globalen Kunstdiskurses und des künstlerischen Ökosystems der Akademie der bildenden Künste Wien angesiedelt ist, untersucht die erkenntnistheoretischen Bedingungen, unter denen jugoslawische modernistische und konzeptuelle Praktiken und ihre Historiographien vernachlässigt, institutionalisiert und reaktiviert wurden.
Ein Untersuchungsansatz befasst sich mit der generationenübergreifenden Rezeption von Denegris kritischem Apparatus: Prägen seine Ideen weiterhin aktuelle methodische Ansätze in der konzeptuellen und postkonzeptuellen Kunstgeschichte in unterschiedlichen Kontexten? Was bedeutet es, ein im jugoslawischen Sozialismus geprägtes Begriffsvokabular zu erben, und wie lässt es sich für ein Publikum übersetzen, das ihm im zeitgenössischen Kunstbereich begegnet, der von digitaler Kultur, Migration und Spätkapitalismus geprägt ist?
Eine weitere zentrale Frage betrifft die Position der (post)jugoslawischen Diaspora in Wien, deren Perspektiven die linearen Narrative der Kunstgeschichte verkomplizieren und für die Denegris System sowohl Ressource als auch ein Spannungsfeld darstellt. Ihre Beiträge stellen die Geografie der „jugoslawischen Kunst“ in Frage und definieren sie als ein zerstreutes und sich entwickelndes Feld, das zwischen Vertreibung, fragmentierter Erinnerung sowie instabilen Identitäten navigiert.
Indem Denegri mit einem breiten Spektrum an Gesprächspartner_innen in Konversation tritt, blickt die Veranstaltung erneut auf eine prägende Figur und fragt, wie sein Erbe heute mobilisiert werden kann – als lebendige Methodologie und nicht als abgeschlossenes historisches Kapitel.
Biografien
Ivana Bago ist Kunsthistorikerin, Autorin und Kuratorin. Sie ist Mitbegründerin des Sanja Iveković Instituts in Zagreb, wo sie ein Forschungs- und Publikationsprojekt zu Ivekovićs Werk und persönlichem Archiv leitet.
Noit Banai ist Professorin für Diaspora-Ästhetik am Institut für Kunsttheorie und Kulturwissenschaften der Akademie der bildenden Künste Wien.
Ješa Denegri gilt als der einflussreichste Historiker und Theoretiker der jugoslawischen Moderne der 1950er- und 1960er Jahre und als wichtiger Vertreter der „Neuen Kunstpraxis“ im Jugoslawien der 1970er Jahre. Er war von 1965 bis 1991 Kurator des Belgrader Museums für Zeitgenössische Kunst und wurde anschließend Professor für moderne Kunstgeschichte an der Philosophischen Fakultät der Universität Belgrad, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2007 lehrte.
Branislav Dimitrijević ist Professor für Kunstgeschichte und -theorie am Fachbereich Kunst und Design der BAPUSS Akademie in Belgrad. Als Autor und Forscher beschäftigt er sich hauptsächlich mit bildender Kunst, Populärkultur und Film im sozialistischen Jugoslawien.
Asija Ismailovski ist Kunsthistorikerin und Kuratorin und lebt in Wien. Derzeit ist sie bei KÖR Wien (Public Art Vienna) für die Projektorganisation verantwortlich.
Eva Kovač ist Kunsthistorikerin, Kuratorin und Mitglied des BLOCKFREI Kollektivs mit Sitz in Wien. Seit 2024 gehört sie zur Leitung von DAS WEISSE HAUS, einer selbstorganisierten Kunstinstitution und Verein.
Branislav Jakovljević ist Sara Hart Kimball Professor für Geisteswissenschaften an der Stanford University, wo er im Fachbereich Theater- und Performancewissenschaften lehrt. Sein jüngstes Buch trägt den Titel „The Performance Apparatus: On Ideological Production of Behaviors“ (2025, University of Michigan Press). Er ist Autor des preisgekrönten Buches „Alienation Effects: Performance and Self-Management in Yugoslavia 1945–1991“ (2016) sowie zahlreicher weiterer international veröffentlichter Bücher und Artikel.
Miljana Mirović ist Kunsthistorikerin, Kuratorin und Genderforscherin und lebt in Wien.
Milica Tomić ist Künstlerin und lebt in Wien, Berlin und Belgrad. Seit 2014 leitete sie das Institut für Zeitgenössische Kunst (Fakultät für Architektur) an der Technischen Universität Graz.
Jelena Vesić ist freie Kuratorin, Autorin, Redakteurin und Dozentin und lebt in Belgrad. Sie ist in den Bereichen Publikation, Forschung und Ausstellungswesen tätig und verbindet dabei politische Theorie mit zeitgenössischer Kunst.