Fashions and Styles on the Move
Teil 3: Windhoek, Otjiwarongo, Swapokmund 2025
Der Fachbereich Moden und Styles am IKL der Akademie der bildenden Künste, das Department of Humanities and Arts/ Fashion Design der University Namibia und das Department Fashion Design der Faculty of Arts, Design and Architecture der University of Johannesburg starteten mit Unterstützung des International Office der Akademie und des EU-Programm ERASMUS+International Credit Mobility im Frühjahr 2023 eine Kooperation unter dem Banner “Decolonizing Fashion Research, Textile Healing and Social Justice”.
Nach einem Welcome-Dinner in Windhoek mit Loini Iizyenda, Lehrende der University of Namibia, trafen die Akbild-Lehrenden Constanze Pirch und Anna Hambira auf die Studierenden des Department of Humanities and Arts/ Fashion Design der University Namibia in einer gemeinsamen Lecture. In ihrer Zusammenarbeit verknüpften sie interdisziplinär praxisnahe Themen wie Kunstvermittlung im schulischen Kontext mit Designpraxis und Mikro-Unternehmertum im kulturellen Bereich und reflektierten gemeinsam mit den Studierenden über Problemstellungen und Lösungskonzepte. In das Museum of Namibia wurde das Fashions und Styles Team von der Restauratorin Johanna Ndahekelekwa Ndjamba und Loini Izyinda eingeladen um dort die vor kurzem aus den Berliner Ethnologischen Sammlungen restituierten Objekte zu besichtigen, die während der deutschen Kolonialzeit geraubt worden waren. Dabei erhielten sie Einblicke in die komplexen historischen, kulturellen und restauratorischen Forschungen, die nach der Rückführung vorkolonialer Kleidungs- und Schmuckstücke notwendig sind. Das Team traf hier auch auf ein aus Erzählungen der Kolleginnen bekanntes Objekt: Okadina, eine edle Holzpuppe, die die Königin Olugondo von Ondonga um 1900 für Anna, die Tochter des finnischen Missionars Martti Rautanen, anfertigen ließ und sie Namensvetterin (=Okadinia) genannt hatte. Puppen wie diese hießen Okaana koshiti: sie stellten Kinder dar und trugen meist den Namen, den das erste Kind eines Brautpaars bekommen sollte.
Elke Gaugele und Sarah Held recherchierten parallel dazu im National Archives of Namibia auch zur Geschichte der deutschen Kolonialisierung, zu Zwangsarbeit, den Konzentrationslagern und dem Genozid an den Ovaherero, Nama und Damara 1904-1908. Darüber hinaus erforschten sie dort archivierte textile Artefakte: T-Shirts aus dem zivilen Widerstand im namibischen Unabhängigkeitskampf. An der University of Namibia hielten sie einen Vortrag zu “Unraveling Supremacy: Far-Right Fashion and the Design of Protest, Education and Democracy Across Continents". Constanze Pirch etablierte einen Kontakt zu Salinde William, tätig in der Pädagoginnenbildung an der University of Namibia und Lehrerin an der Martti Ahtisaari Primary School in Katutura. Sie wurde eingeladen, dem Unterricht beizuwohnen, Einblick in die Schulpraxis und die Lehrkräftebildung in Namibia zu erhalten.
Daraufhin besuchte das Team von Moden und Styles ein beeindruckendes Community-Projekt, das Penduka Embroidery Village in Katutura. Das Projekt widmet sich der Förderung textiler Handwerkskunst, der Weiterentwicklung kreativer Ausdrucksformen sowie der wirtschaftlichen Stärkung von Frauen in marginalisierten Gemeinschaften Namibias. Im Mittelpunkt steht die Herstellung einzigartiger, hochwertiger handgefertigter Produkte. Neben einem starken Fokus auf Handstickerei werden auch Glasperlen-Produkte und Töpferwaren hergestellt und vertrieben.
Maria Caley und Loini Izyinda erwarteten das Fashions und Styles Team im 250 km entfernten Otjiwarongo. Das Museum of Namibian Fashion ist das erste Museum in Namibia, das sich vorkolonialer Kleidung widmet. Unsere Kolleginnen, die federführend in der Entwicklung des Museums eingebunden waren führten uns gemeinsam mit dem jetzigen Museumsteam durch die verschiedenen Ausstellungen mit Themen wie Beads and Shells, Hair and Headdresses, Metal Accessoires und Textile und gaben uns Einblick in gegenwärtige und vergangene indigene Kleidungspraxen. Der gemeinsame Rundgang wird derzeit zu einer weiteren GLOBAL CLASSROOM Video - Episode verarbeitet und soll in Zusammenarbeit mit dem Museum veröffentlicht werden.
Von Otjiwarongo aus reiste das Fashions and Styles Team durch die Namibwüste in die Küstenstadt Swakopmund. Das koloniale Stadtbild und die gewaltvolle Geschichte der Stadt mit ihrem Konzentrationslager und ihrer zentralen Rolle im Völkermord an den Mitgliedern der Ovahereros, Damaras und Namas konfronierte das Fashions und Styles Team erneut mit den Verbrechen der deutschen Kolonialmacht. In der Begegnung mit dem lokalen Aktivisten und Künstler Laidlaw Peringanda, der das Genocide Museum aufgebaut hat, wurde deutlich, wie stark die junge Zivilgesellschaft in Namibia im Hier und Jetzt für die Aufarbeitung der gewaltvollen kolonialen Verbrechen kämpft. Peringanda stößt seit vielen Jahren die Erinnerungsarbeit und das Gedenken an und treibt die gesellschaftliche und historische Aufarbeitung voran. Er setzt sich dabei unter anderem für die Lokalisierung und Bergung von Gräbern und für die Rückführung menschlicher Schädel, die einst aus den Konzentrationslagern von Verstorbenen entnommen und weltweit massenhaft als Ware in medizinische und museale Sammlungen verkauft worden waren ein. Er initiierte auch am Rande der Stadt, angrenzend an die Namibwüste, eine Gedenkstätte: ein einzelner großer Stein, umgeben von Gräbern zur Ehrung der Opfer des Genozids. Hier fordert die Trauer Platz auf der Reise. Ein wichtiger nächster Schritt von Peringandas aktivistischer Arbeit ist es, die Möglichkeiten und Zugänge zur Therapie und Heilung transgenerationaler Traumata zu forcieren und in den öffentlichen Diskurs einzubringen.
Nach Ende der Reise, zurück im Alltag und motiviert durch die analogen Begegnungen und den intensiven internationalen Austausch, arbeitet die Kooperation derzeit an der Umsetzung des nächsten Meilensteins des Projekts. Im Mai 2026 werden erstmals auch Studierende der University of Namibia und der University of Johannesburg gemeinsam mit Lehrenden zu einer Projektwoche (Blended Intensiv Programme, Erasmus+) nach Wien reisen um mit Studierenden der Akademie der bildenden Künste gemeinsame Themen zu bearbeiten, Verschränkungen zu entdecken und internationale Kontakte zu knüpfen.
